Ernst Mayr und der Evolutionäre Humanismus

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Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr (1904 – 2005)
Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr (1904 – 2005)

KASSEL. (hpd) Am 3. Februar 2005 ist der deutsch-amerikanische Evolutionsbiologe, Wissenschaftshistoriker und Philosoph Ernst Mayr im Alter von 100 Jahren in Cambridge (Massachusetts) gestorben. Seine erst posthum allgemein bekannt gewordenen Thesen zum evolutionären Humanismus sollen anlässlich seines 10. Todestages vorgestellt werden.

Ähnlich wie die Evolutionsforscher Charles Darwin (1809 – 1882), Alfred Russel Wallace (1823 – 1913) und August Weismann (1834 – 1914) war auch der am 5. Juli 1904 in Kempten geborene Ernst Walter Mayr ein begeisterter “Naturbursche”. Mit seinem früh verstorbenen Vater ist er in die Wiesen und Wälder gegangen, um u. a. Vögel zu beobachten. Die Ornithologie (Vogelkunde) wurde dann später auch sein zoologisches Spezialgebiet. Nach einer steilen Karriere über die Stationen Humboldt-Universität Berlin, National History Museum New York (USA) und der krönenden Endstufe, Professor und Museumsdirektor an der renommierten Harvard University (Cambridge, Massachusetts, USA) wollte Ernst Mayr nicht mehr nach Deutschland zurück kehren. Zu spät hat man hier in den 1950er Jahren die Genialität des “Berliner Vogelkundlers” erkannt – der Spitzenforscher hat Angebote, in sein Heimatland zurück zu kehren, dankend abgelehnt.

Ernst Mayr hat über 700 Publikationen und 21 Bücher hinterlassen und wurde als “Darwin des 20. Jahrhunderts” bezeichnet. Als Hauptbegründer der synthetischen Theorie der biologischen Evolution, Entdecker des Prinzips der Artbildung durch geografische Trennung (allopatrische Speziation) und zahlreicher anderer bedeutender Konzepte hat sich Mayr weltweit einen Ruhm erworben, der einmalig ist. In der 2007 erschienenen Biographie, verfasst von dem Zoologen Jürgen Haffer, ist nicht nur das vollständige wissenschaftliche Werk von Mayr dargelegt, sondern auch seine weltanschauliche Position umrissen.

Mit Julian Huxley (1887 – 1975) war Mayr persönlich befreundet – er war aber mit Huxleys fast ausschließlich philosophisch-politischen Aktivitäten nicht einverstanden. Im Gegensatz zu Huxley war Mayr ein originärer Evolutionsforscher, dessen weltanschauliche Schlussfolgerungen daher auf solidem empirischem Boden stehen. Wie Haffer in seiner Biographie darlegt, hat Mayr das Huxley zugeschriebene Prinzip des “evolutionären Humanismus” u. a. in den folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: “Ein Verständnis der Evolution vermittelt uns eine Weltsicht, die als solide Basis eines ethischen Systems dienen kann, welches die Gesellschaft in einem gesunden Zustand erhält und auch eine gesicherte Zukunft der Menschheit unter der Leitung der Spezies Homo sapiens möglich macht” (sinngemäße Übersetzung aus dem englischen Original).

Nach Ernst Mayr, dem wir in Deutschland u. a. die Gründung des Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie zu verdanken haben, ist eine evolutionäre Weltsicht somit Grundlage für eine religionsfreie, gerechte, Vernunft-basierte Ethik. Mayr war, wie viele große Evolutionsforscher, Atheist – er hat sich immer wieder wegen seiner Gott-losen, wissenschaftlich fundierten Weltsicht gegen verbale Anfeindungen wehren müssen. Mit großem Stolz hat die Harvard University den 100. Geburtstag des US-Staatsbürgers, Ernst Mayr, bekanntgegeben – ohne zu erwähnen, dass der renommierte Biologe aus Deutschland stammt.

 


Literatur:
Haffer, J. (2007) Ornithology, Evolution, and Philosophy. The Life and Science of Ernst May (1904–2005). Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg.
Schmidt-Salomon, M. (2006) Manifest des Evolutionären Humanismus. 2. Auflage. Alibri-Verlag, Aschaffenburg.