Aus dem Blick eines Islamismus-Forschers

Die IS-Terror-Miliz

BONN. (hpd) Der Islamwissenschaftler und Islamismus-Experte Guido Steinberg beschreibt und kommentiert in seinem Buch "Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror" die Entstehung und Entwicklung der Terror-Miliz. Entgegen des dramatisierenden Titels handelt es sich um ein überaus kenntnisreiches Buch zum Thema, das die relevanten Fakten präsentiert und beachtenswerte analytische Kommentare enthält.

In Sachen Analysen zum Dschihadismus bzw. Islamismus haben die Islamwissenschaften in Deutschland merkwürdigerweise eine weitgehende Leerstelle, obwohl dieses Thema schon längst nicht mehr nur mit Bezug auf die islamisch geprägte Welt von offenkundiger Bedeutung ist. Deutschland ist nicht mehr nur ein Rückzugs- und Ruheraum für Akteure aus diesem politischen Lager. Mittlerweile reisen Salafisten mit deutscher Sozialisation nach Syrien.

Derartige Entwicklungen haben in den letzten Jahren nur wenige Islamwissenschaftler akribisch aufgearbeitet und analytisch kommentiert. Eine solche Ausnahme stellt Guido Steinberg, ehemaliger Referent im Bundeskanzleramt und jetziger Mitarbeiter der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, dar. Er gehört zu den wenigen Experten, die in Magazinberichten und Talkshows auftreten, und auch wirkliche Experten sind. Dies dokumentiert Steinberg erneut in seinem aktuellen Buch "Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung den islamistischen Terror".

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Darin beschreibt und kommentiert er die Entwicklung des "Islamischen Staates" als einer neuen Form der islamistischen Bedrohung, formuliert aber bereits zu Beginn: "Seit 2010 war der ISI kontinuierlich erstarkt und hatte nicht nur immer mehr Anschläge mit immer höheren Opferzahlen verübt, sondern war auch zahlenmäßig angewachsen" (S. 13).

Die Medien, Politik und Sicherheitsbehörden des Westens scheinen die besondere Dimension dieser Entwicklung erneut erst verspätet zur Kenntnis genommen zu haben. Steinberg rekonstruiert die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Terrororganisation, wobei er mit der Gründung durch Abu Musab az-Zarqawi beginnt und hier wie auch immer wieder später auf das Verhältnis zu "Al-Qaida" vergleichend eingeht. Darüber hinaus betont der Autor ohne einseitige Bewertungen oder lässige Polemik, wie sehr westliche Politik hier kontraproduktiv wirkte. So heißt es etwa: "Dass Zarqawi im Irak schnell zu großer Prominenz gelangen konnte, lag nicht zuletzt daran, wie die US-Regierung den Irakkrieg rechtfertigte" (S. 42).

Den Schwerpunkt der Beschreibungen und Bewertungen liegt indessen auf den Entwicklungen im Raum Irak und Syrien, wo zunächst ein Niedergang bis 2010 und danach ein Wiedererstarken unter neuer Führung zu verzeichnen war. Steinberg geht ohne falsche Detailverliebtheit problemorientiert auf die folgende Entwicklung bis hin zur offiziellen Errichtung eines "Kalifats" ein. Bezogen auf die gesellschaftliche Akzeptanz in den kontrollierten Regionen bemerkt er: "Schon heute sichert weniger die Zufriedenheit mit den Leistungen des neuen 'Staates' als vor allem die Furcht der Bevölkerung vor der Brutalität und der Bigotterie des IS dessen Herrschaft. Tatsächlich ist also sehr viel wahrscheinlicher, dass der Aufbau eines funktionierenden Staates den IS überfordern wird" (S. 115). Besondere Kapitel gegen Ende des Buchs gehen noch auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede von "Al-Qaida" und IS ein und schildern die Rolle von Deutschen und Europäer beim IS.

Erneut legt Steinberg ein gut recherchiertes und strukturiertes Buch zum Thema vor, wobei er deutlich macht, dass Differenziertheit in Darstellung und Einschätzung nicht mit einer Fremdwörterinflation einhergehen muss. Er konzentriert sich auf die relevanten Fakten und vermeidet unnötigen Inhaltsstoff. Auch wenn die Beschreibung dominiert, verzichtet der Autor nicht auf Analyse. Gerade durch die vergleichende Betrachtung mit "Al-Qaida" wird etwa die besondere Dimension der Bedrohung durch den IS deutlich.

Steinberg meint darauf bezogen sogar, dass der IS für den Westen weniger gefährlich als "Al-Qaida" sei. In der Tat ergibt sich diese Einsicht aus dem Blick auf die strategische Orientierung beider islamistischer Gruppierungen. Mit einer Verharmlosung der Bedrohung hat dies nichts zu tun. Steinberg macht demgegenüber auf die Spezifika des Gefahrenpotentials differenziert aufmerksam. Nur knapp, aber wohlbegründet benennt er Strategien zu einer wirksamen Bekämpfung des IS, auch in Richtung einer Reform der deutschen Sicherheitsarchitektur.

 


Guido Steinberg, Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror, München 2015 (Knaur), 208 S., 12,99 Eurp