Kommentar

Glauben heißt nicht wissen

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Nashornvögel (Coverbild: U. Kutschera, Design-Fehler in der Natur, 2014)
Nashornvögel (Coverbild: U. Kutschera, Design-Fehler in der Natur, 2014)

KASSEL (hpd). Am 26.03.2015 diskutierten die Geisteswissenschaftler Volker Gerhardt und Detlef Pollack mit dem gbs-Beiratsmitglied Ulrich Kutschera in der 3-sat-Sendung "Gert Scobel: Glaubenssache – Was Glauben heute bedeutet". Da Kutscheras atheistische Position nach der Sendung heftig kritisiert worden ist, folgt hier eine Klarstellung.

In der Live-Diskussion argumentierte der Philosoph Gerhardt sinngemäß Bibel-Glaube und Wissen würden zusammen gehören, eine Position, die auch von vielen Theologen vertreten wird. Evolutionsbiologe Kutschera hielt dieser Ansicht entgegen, dass religiöse Glaubens-Systeme, ohne Ausnahmen, auf irrationalen Wundergeschichten basieren und daher dem naturwissenschaftlichen Faktenwissen widersprechen: Glauben heißt nicht Wissen, eine Position, die Kutschera u. a. in der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel unter der Überschrift "Wie vernünftig ist der Glaube?" wie folgt begründet hat:

"Religiöser Glaube basiert auf übernatürlichen Wundern, Mythen und Offenbarungen, die der Vernunft widersprechen und irrational sind. Die Behauptungen des Papstes, diese Glaubensinhalte wären vernünftig, ist schlichtweg eine verantwortungslose Irreführung seiner Schäfchen, die mit dieser dogmatischen Hirnwäsche beruhigt werden sollen, nach dem Motto: biblische Märchen von der Schöpfung, dem auferstandenen Jesus usw. sind logisch-rationale Ereignisse und daher mit dem Verstand begreifbar. Das ist falsch – biblische Wundergeschichten widersprechen dem kausalen, logischen Denken, da in dieser mystischen Fantasy-Welt Wirkungen ohne reale Ursachen vorausgesetzt werden. Glauben heißt: nicht Wissen, und archaische Märchen sollten in den Kirchen bleiben, wo sie als Lebenshilfe für verzweifelte Gläubige durchaus ihre Berechtigung haben." (U. Kutschera, Der Tagesspiegel, 22.09.2011)

Nachdem dann im Nachgang zur Sendung vom 26.03.2015 zahlreiche Protestschreiben bei mir eingegangen sind, in welchen u. a. der christliche Gottesglaube als "auf Wissen begründet" dargestellt worden ist, soll hier nochmals klargestellt werden, dass sämtliche biblische Wundergeschichten eindeutig durch biologische Fakten widerlegt werden konnten.

In meinem aktuellen Sachbuch "Design-Fehler in der Natur" (LIT-Verlag, Berlin 2014) habe ich im Detail dargelegt, dass es in der Natur weder eine übergeordnete Intelligenz, noch einen göttlichen Plan gibt. Alle Lebewesen, von den Bakterien über die Nashornvögel bis zum Menschen, sind die Produkte einer durch Zufall und Notwendigkeit verlaufenen, richtungslosen Evolution. Organismen sind durch unzählige Design-Fehler gekennzeichnet (s. z. B. der in Kapitel 8 dargestellte, problematische Geburtsvorgang beim Menschen). Ein planendes Designer-Wesen hätte diese Produktionsfehler vermieden und eine harmonisch funktionierende Welt erschaffen, in der die Biospezies Mensch keine (destruktive) Sonderposition einnimmt, sondern im Einklang mit der Natur lebt.

 


3sat-Sendung "Gert Scobel: Glaubenssache – Was Glauben heute bedeutet" in der Mediathek