Anders heilen?

KASSEL. (hpd) Was haben der Kreationismus, die Astrologie und die Homöopathie gemeinsam? Mit dieser spannenden Frage beschäftigen sich neun Autoren in einem lesenswerten Sammelband mit dem Titel "Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt".

Es ist wenig bekannt, dass sich der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) nicht nur gegen die spiritistischen Verirrungen seines Kollegen Alfred Russel Wallace (1823–1913) ausgesprochen hat, sondern auch Hellseherei und Homöopathie als unsinnige Bemühungen gläubiger Menschen kennzeichnete. Mit einem treffenden diesbezüglichen Zitat beginnt das von Dittmar Graf und Christoph Lammers herausgegebenen Buch, das einen weiten Bogen spannt: Am Anfang steht eine präzise Darstellung der Frage, was Para- und Pseudowissenschaften sind (Martin Mahner), und am Ende greift Colin Goldner die alternative Tierheilkunde auf. Als zentrales Leitthema zieht sich die von Samuel Hahnemann (1755–1843) erfundene Homöopathie wie ein roter Faden durch das spannende Buch. Diese Irrlehre kann in dem folgenden, im “Sceptical Inquirer” publizierten Satz charakterisiert werden: "Nichts, in reinem Wasser gelöst, wirkt besser, als reines Wasser, in dem nichts gelöst ist."

Geistesverwandt mit der Hahnemann’schen Esoterik ist die von Rudolf Steiner (1861–1925) kreierte anthroposophische Medizin, die als Geheimwissenschaft, nur bestimmten erleuchteten Personen zugänglich sein soll. In einem Kapitel zur "anthroposophischen Heilkunst" wird dieser Themenkomplex kompetent und anschaulich abgehandelt. Auch die heute wieder aktuelle Impf-Kritik, die auf Alfred Russel Wallaces Kampagnen im 19. Jahrhunderts zurückgeführt werden kann, ist faktenreich und kompetent dargestellt. Wallace hat die Impf-Probleme seiner Zeit erkannt und die damaligen Gefahren (d. h. drastische Nebenwirkungen) zur Grundlage seiner Aktivitäten gemacht, aber heute sind diese Probleme lange überwunden.

Besonders interessant und aufschlussreich sind die Darlegungen zur Verankerung homöopathischer Schein-Medizin an unseren Hochschulen. Der von Graf und Lammers herausgegebene Sammelband behandelt somit ein wichtiges Problem, d. h. die Ausbreitung und Verankerung universitärer Pseudowissenschaften an deutschen Lehr- und Forschungsanstalten. Auch der Genderismus, d. h. eine die Darwin’sche Evolution leugnende Ideologie, hätte in diesem Zusammenhang thematisiert werden können. Leider hat sich aber die Gender-Dogmatik inzwischen derart fest in unserem Hochschulsystem eingenistet, dass diesem Wildwuchs anti-naturwissenschaftlicher Verirrungen nur mit aufwendiger, Fakten-basierter Überzeugungsarbeit entgegengetreten werden kann.


Dittmar Graf / Christoph Lammers (Hrsg.): Anders heilen? Wo die Alternativmedizin irrt. Aschaffenburg 2015, Alibri. 178 Seiten, kartoniert, Euro 14.-, ISBN 978–3–86569–169–7

Das Buch ist auch bei unserem Partner denkladen.de erhältlich.

siehe dazu auch das Interview mit einem der Herausgeber im hpd.