Aufsätze von Michael J. Sandel

Eine kommunitaristische Deutung von Moral und Politik

BONN. (hpd) Der US-amerikanische Sozialphilosophi Michael J. Sandel legt in seinem Buch "Moral und Politik. Gedanken zu einer gerechten Gesellschaft" eine Sammelung von früheren Aufsätzen vor, worin er Fragen der Gerechtigkeit aus der Perspektive eines liberalismuskritischen Kommunitarismus erörtert. Insgesamt wirkt der Band durch seinen fragmentarischen Charakter, der sich eben aus einer Textsammlung früherer Werke zu spezifischen Themen ergibt, hinsichtlich der Begründung seiner eigenen Positionen in der Gesamtschau auch selbst fragmentarisch.

Michael J. Sandel gilt unter den Philosophen als Pop-Star. Der große Hörsaal in Harvard hat meist kaum noch Sitzplätze, seine Vorlesungen finden über das Internet weltweite Verbreitung. Und Sandels Bücher über Gerechtigkeit und Werte stürmen die Bestsellerlisten vieler Länder. In der Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte, die sich um die Bedeutung von Gemeinsinn und Individualität dreht, ordnet man Sandel der erstgenannten Richtung zu. Darüber ist er indessen nicht immer glücklich. Dies geht aus seinem Buch “Moral und Politik. Gedanken zu einer gerechten Gesellschaft. Wie wir das Richtige tun” hervor.

Die amerikanische Ausgabe erschein bereits 2005, die deutsche Übersetzung erst zehn Jahre später. Es handelt sich aber nicht um eine geschlossene Abhandlung, da Sandel frühere Aufsätze zu einem neuen Buch zusammenstellte. Insofern wird die – wohl vom deutschen Verlag aus Werbegründen gewählte – Frage im Untertitel allenfalls fragmentarisch, aber nicht systematisch diskutiert und problematisiert.

Im ersten Abschnitt beklagt Sandel eine Entwicklung in vielen westlichen Gesellschaften, wo das ökonomische Denken immer mehr Einzug in das gesellschaftliche Leben gehalten habe: "Die Ausdehnung des marktkonformen Denkens auf fast alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens erschwert die Unterscheidung zwischen Marktdenken und moralischem Denken, zwischen einer Erklärung der Welt und deren Verbesserung" (S. 48). Er macht damit einhergehende Entwicklungen an unterschiedlichen Beispielen aus dem Alltagsleben deutlich, welche von der Finanzbranche über die Lebensversicherung bis zu Spekulationen reichen. Sandel will bei all dem deutlich machen, dass Gemeinsinn und Gerechtigkeit nicht aus den Märkten und der Ökonomie ableitbar sind. Er fordert gar, dass die Moralphilosophie eine bedeutende Perspektive für die Wirtschaftswissenschaften vorgeben solle. So beschreibt bzw. beschwört Sandel auch Amerikas Suche nach einer Philosophie des Öffentlichen, wobei Rückblicke auf Roosevelts New Deal wie auf Reagans Konservativismus erfolgen.

Im zweiten Abschnitt betrachtet er moralische und politische Kontroversen der letzten Jahrzehnte, wobei es um Clintons öffentliche Lügen, die Kontroverse um Affirmative Action, die moralische Logik der Stammzellforschung oder das Recht auf Sterbehilfe geht. Und schließlich findet man im letzen Teil dann noch eine Fülle von Beiträgen, die im Kontext der Debatte zwischen Kommunitaristen und Liberalen entstanden. Auch wenn er John Rawls in einem Nachruf würdigt, nimmt Sandel doch eine Gegenposition ein. Als Stränge seiner Kritik nennt er: "Erstens biete der Liberalismus, da er die individuelle Entscheidung betone, keine angemessene Erklärung für Gemeinschaft, Solidarität und Zugehörigkeit. Und da er die Tatsache betone, dass Menschen in pluralistischen Gesellschaften oft widersprüchliche Ansichten über das gute Leben hätten, bestehe er – zweitens – zu Unrecht darauf, dass die Bürger ihre moralischen und religiösen Überzeugungen in den privaten Bereich verbannen oder sie zumindest nicht für politische Zwecke berücksichtigen" (S. 216).

Mit den letztgenannten Aussagen positioniert sich Sandel dezidiert auf der Seite des Kommunitarismus: Er beklagt die Atomisierung und Entwurzelung in Gesellschaft als Folge des Individualismus und stellt sich gegen die Neutralität des Staates gegenüber umfassenden moralischen Anschauungen. Auch wenn bei diesen Erörterungen die Gefahren für die Identität und die Integration von Gesellschaften durchaus überzeugend angesprochen werden, bleibt Sandel bezogen auf die Alternativen doch sehr allgemein und diffus. Gerade eine große metaphysische und moralische Prägung des Staates kann zu Einschränkungen in Grundrechten und Pluralismus führen. Damit einhergehende Gefahren erörtert er nicht. Hier hat man es aber auch mit einer Grundschwäche des Kommunitarismus zu tun. Sandels sonstigen Betrachtungen verdienen als Fallstudien zu philosophischen Problemen gleichwohl Aufmerksamkeit. Indessen verharren sie aufgrund ihres fragmentarischen Charakters bezogen auf seine eigenen Positionen im Allgemeinen und Ungefähren.


Michael J. Sandel, Moral und Politik. Gedanken zu einer gerechten Gesellschaft. Wie wir das Richtige tun, Berlin 2015 (Ullstein-Verlag), 351 S., 22,00 Euro