Das Tier im Menschen

(hpd) Hat Eustachius seinen geistig behinderten Bruder Emil auf der Flucht aus Schlesien erschossen, wie er als alter Mann behauptet, oder nicht? Auf jeden Fall hat Eustachius zwar keine Leichen im Keller, aber hält dort illegal importierte Bonobos, an denen er experimentiert. Vom Tier im Menschen handelt Ulrike Draesners Roman “Sieben Sprünge vom Rand der Welt”.

 

Der Verlust der paradiesischen Unschuld erklärt sich aus der Sicht der Affenforscherin Simone, Eustachius’ Tochter, so: Der Mensch hat nicht zu wenig Einfühlungsvermögen sondern zu viel. Er vermag sich nicht nur in andere einzufühlen, um ihre Absichten und Gefühle zu erraten, wie die Affen und Raben. Er kann sich auch hineinversetzen darin, was andere über ihn selbst denken, wenn sie sich in ihn hineinversetzen. Die Folge war die Scham. Oder das Gewissen.

In Ulrike Draesners Roman geht es um Migrationen. Migranten, ein Begriff aus der Vogelkunde, würden wir heute die Flüchtlinge aus Schlesien nennen. Doch das war nur der Anfang. Seit 2000 migrieren jährlich mehr Menschen als Vögel, heißt es in dem Buch. Migranten sind aber auch die letzten Bonobos in den Auffangstationen. Die Vögel freilich migrieren immer weniger, wird konstatiert, sie bleiben hier, wenn es geht, die Rotkehlchen und die Amseln. Der Rand der Welt, das ist die verlorene Heimat, aber auch das aus dem Blickfeld gerückte, das woran keine Elektroden heranreichen. Der Ort der Traumata. Die Zone unseres Daseins, auf die wir keinen Einfluss haben, die des Erlebten und Geerbten, mitunter auch des geerbten Erlebten. Sprünge gibt es in dem Roman viele, ja, eine geradezu expressionistische Sprunghaftigkeit – das muss an dem Hintergrundmotiv, dem von den Protagonisten gedanklich immer wieder zu verarbeitenden Krieg, liegen. Der ordnet sich nicht diskursiv im Gedächtnis und im Gehirn ein.

Beispielbild

“Menschentiere” sind die Bonobos. Simone erforscht sie ökologisch korrekt in Afrika, während der alte Eustachius früher noch die Nervenregungen der Affen maß, nachdem er ihnen den Schädel aufsägte. Er kann die Sache nicht lassen. Noch als Pensionär verschuldet er sich tief, um ihnen ein unterirdisches Paradies unter seinem Garten zu bauen. Ah, denken wir – das Unterbewusste, die Leichen im Keller, aber auch an jenen Wahnsinnigen, der über Jahre ein Mädchen in Geiselhaft in seinem Keller in Österreich gefangen hielt. Die Elektroden lässt Eustachius sich jedoch - der Leser atmet fast erleichtert auf - durch die eigene Hirnschale treiben.

Der alte Affenforscher bemerkt immerhin die Absurdität seines Unterfangens. Gibt es die Willensfreiheit oder nicht, will er wissen. Ist der Gehirnimpuls eher messbar, als dass wir etwas denken fühlen oder wollen, drängt es ihn herauszufinden. Dazu plant er, seine Reaktionen im Vergleich zu den Affen aufzuzeichnen. Das musste scheitern, räumt er schließlich ein, das Gehirn kann sich nicht selber vermessen.

Die Affen fliehen, lassen sich aber wie verunsicherte Kinder einfangen. - Wieder eine kleine Flucht. Eher ein Spaziergang, der im öffentlichen Toilettenhäuschen endet, aus dem der Bonobojunge Vlek nicht mehr rauskommt, weil er nicht mit Münzen zahlen kann, und leise wimmert. Was in der gepflegten Vorortsiedlung glatt überhört wird. Später fällt Eustachius ein, er hätte ihn durch rechtzeitiges Weinen einfangen können, Mitleid funktioniert bei Bonobos garantiert.

“Sieben Sprünge vom Rand der Welt” ist ein großartig recherchierter und gedichteter Familienroman, ein Flüchtlingsroman, ein Wissenschaftsroman. Simone verliebt sich in einen deutsch-polnischen Psychologen – ein bisschen Liebesroman muss sein für das grenzübergreifende Cross-over – und so kommen nicht nur vier Generationen einer deutschen Familie vor, Breslau und München, sondern auch einer polnischen, die ihre eigenen Fluchtwege hinter sich hat und verarbeiten musste, aus Lemberg nach Breslau. In der Enkelgeneration ähneln sie sich endlich. Das Smartphone ist gleich omnipräsent. Nur die Art der Migration hat sich geändert. Der Enkelin beste Freundin, Pawani, ist aus Pakistan.

“Die Vergangenheit ist nie vorbei”, heißt es einmal. So ist die Hauptperson Eustachius, der Großvater. Er steht für eine harte Generation, geprägt vom Krieg. Damals selbst noch Kind. Den Kindern und Enkeln bleibt die Wiedergutmachung. Pawanis Freund widmet sich der Wiederaussiedlung von Waldrappen, Simone in Holland der der Bonobos.

Ihr Vater wollte die Bonobos noch als Spielgefährten und Pfleger für Demenzkranke einsetzen. Wer ist hier der Bedürftigere, wer der mehr vom Geist Verlassene? - Die Frage hört nicht auf. Anstelle des Wahns tritt der demütige Pragmatismus. Die Enkelin entschließt sich nach dem Tod des Großvaters, Krankenschwester zu werden.

Die anwesendste Person von allen aber ist der vor über einem halben Jahrhundert abhanden gekommene Emil, der kaum sprechen konnte, aber die SS-Uniformierten bewunderte, die ihn als lebensunwert verachteten. Sein Schicksal wirkt in allen nach.

 


Ulrike Draesner: Sieben Sprünge vom Rand der Welt, Luchterhand Literaturverlag München 2014, 555 S. 22,99 Euro