Der Tagesspiegel 10 Dez 2008 Nr. 5940

Junge Türkinnen begehren gegen Familien auf

Das Wertesystem erschwert vielen Frauen den Kampf um Gleichberechtigung

Von Fatina Keilani

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) betätigte sich jüngst als „Heiratsanbahner“: In der Debatte um Ehen junger Migranten mit sogenannten Importbräuten aus der Türkei oder arabischen Ländern empfahl der Senator, Berliner Türken sollten lieber „freche Türkinnen“ von hier heiraten. Die Aussage machte er bei einer Podiumsdiskussion der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, und sie erzeugte ein großes Echo in deutschen und türkischen Blättern – bis hin zum ironisch erhobenen Vorwurf, nun plädiere schon der Innensenator für Zwangsheirat. Welche Schwierigkeiten haben junge Deutschtürken und -araber denn mit ihren Landsfrauen? Und haben moderne Migrantinnen in Berlin etwa Schwierigkeiten, einen Mann zu finden? Wir haben uns umgehört (siehe nebenstehender Text).

In Berlin gibt rund 90 aktenkundige Zwangsehen. Die Dunkelziffer liegt nach Schätzungen von Vereinen, die betroffenen Mädchen helfen, um ein Vielfaches höher.

In der Tat begehren in Berlin zwar immer mehr Mädchen und junge Frauen gegen die überholten Moralvorstellungen ihrer Familien auf – verlässliche Statistiken gibt es aber dazu nicht. Bekannt ist nur, dass zwölf Prozent der türkischen Frauen in Deutschland mit dem Ehemann, den die Familie ausgesucht hat, nicht einverstanden sein sollen. Das geht aus einer Studie des Bundesfamilienministeriums hervor. Das heißt aber noch nicht, dass alle diese Frauen Gewalt erleiden müssen, und auch nicht, dass sie überhaupt versuchen, sich aus der Situation zu befreien. Nach der Studie sind Migrantinnen jedoch viel häufiger Gewalt ausgesetzt als Deutsche, besonders durch den Ehepartner.