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Interview 05.08.2009 · Nr. 7572

Jenseits von Gut und Böse

Abschied von der Willensfreiheit

hpd: Deine radikale Absage an die Idee der Willensfreiheit wird viele Leser sicherlich weit mehr verstören als der geforderte Abschied von Gut und Böse…

Schmidt-Salomon: Das ist ja auch verständlich. Unsere Gehirne wurden über Jahrhunderte hinweg auf der Basis von „freiem Willen, Schuld und Sühne“ programmiert. Dass man die Welt auch auf eine andere Weise wahrnehmen könnte, kommt vielen Menschen gar nicht erst in den Sinn. Dennoch wäre ein Abschied von der Willensfreiheit das Beste, was uns passieren könnte. Denn diese Idee hat uns krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm gemacht.
 

hpd: Aber würden wir durch den Abschied von der Willensfreiheit nicht etwas Wesentliches verlieren, was uns als Menschen auszeichnet? Gehört Freiheit nicht zu den zentralen Gütern, nach denen wir Menschen streben?

Schmidt-Salomon: Letzteres bestreite ich gar nicht! Doch die Freiheit, die wir meinen, wenn wir diesen Begriff emphatisch benutzen, ist stets eine Freiheit des Tuns, eine Handlungsfreiheit – und die sollte man keinesfalls mit dem illusionären Konzept der Willensfreiheit verwechseln. „Frei sein“ bedeutet, tun zu können, was man will – es bedeutet nicht, zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas anderes wollen zu können als das, was man will. Wer für mehr Freiheit kämpft, der versucht, innere und äußere Zwänge zu überwinden, die Handlungsfreiheiten einschränken. Niemand wird seine „Freiheit“ ernsthaft in der Ursachenlosigkeit seines Willens erblicken, in dessen Loslösung von äußeren Reizen und inneren, neuronalen Verarbeitungsmustern, also in jenen Fiktionen, die mit der Idee der Willensfreiheit notwendigerweise verbunden sind.
 

„Wer von seinem Selbst lassen kann, entwickelt ein gelasseneres Selbst“

hpd: Du behauptest, der Abschied von der Willensfreiheitsidee würde uns zu einem entspannteren Verhältnis zu uns selbst und unseren Mitmenschen verhelfen. Kannst du das kurz erläutern?

Schmidt-Salomon: Im Grunde ist es ganz einfach: Wer weiß, dass er sich in der Vergangenheit nur in der Weise verhalten konnte, wie er sich unter den gegebenen Bedingungen verhalten musste, der wird zurückliegende Fehlentscheidungen wohl bedauern und auch daran arbeiten, künftig anders zu reagieren, er wird daraus jedoch keine Selbstvorwürfe ableiten, da es sinnlos ist, sich für etwas zu kasteien, was notwendigerweise so war, wie es war. Die hiermit verbundene Fähigkeit zur Selbstvergebung führt nicht nur zu einer Verbesserung des individuellen Vermögens, dem Druck der Gruppe zu widerstehen, vermeintliche Autoritäten zu hinterfragen und eigene Wege im Dschungel des Lebens einzuschlagen. Wer sich selbst vergibt, kann auch anderen besser vergeben und dadurch ein entspannteres Verhältnis zu seinen Mitmenschen entwickeln…
 

hpd: In „Jenseits von Gut und Böse“ gibt es ein Kapitel über „rationale Mystik“, das einige deiner Leser sicherlich überraschen wird. Von einem Religionskritiker wie dir erwartet man nicht, dass er für eine Überwindung der „Ich-Fixierung“ im Sinne östlicher Weisheitslehren eintritt…

Schmidt-Salomon: In der Tat stehen manche philosophische Konsequenzen, die sich aus dem naturalistischen Menschenbild ergeben, in Einklang mit östlichen Weisheitslehren, etwa dem Zen-Buddhismus. Um dies zu verstehen, muss man sich nur bewusst machen, dass unser Selbst, das wir normalerweise als so außerordentlich bedeutsam erleben, in Wirklichkeit bloß eine virtuelle Inszenierung jenes blumenkohlartigen Organs ist, das wir in unseren Köpfen mit uns herum tragen. Sollte man ein solches neuronales Artefakt wirklich so ernst nehmen, wie dies gemeinhin geschieht? Ich meine, das wäre töricht, zumal sich eine Befreiung von der Ich-Fixierung sehr positiv in unserem Leben niederschlagen würde. Pointiert formuliert: Wer von seinem Selbst lassen kann, der entwickelt ein gelasseneres Selbst. Gelassenheit hat nämlich sehr viel mit Gelassenhaben, dem Loslassenkönnen der Fiktion eines von der Welt abgegrenzten Ichs, zu tun.
 

hpd: Das klingt einigermaßen esoterisch…

Schmidt-Salomon: Mit Esoterik hat dies allerdings überhaupt nichts zu tun! Für das befreiende Erlebnis der „Selbst-Entgrenzung“ braucht es keinerlei esoterischen Schnickschnack, man muss sich bloß die empirischen Befunde der Hirnforschung bewusst machen und daraus die entsprechenden Konsequenzen ziehen…
 

„Es geht um die Kernfragen unserer Existenz“

hpd: Bislang sind deine Bücher im Alibri Verlag erschienen, „Jenseits von Gut und Böse“ kommt aber nun bei Pendo, einem Unterverlag von Piper, heraus. Was waren die Gründe für den Verlagswechsel?

Schmidt-Salomon: Natürlich hoffe ich, über die besseren Vertriebsmöglichkeiten von Piper eine größere Leserschaft zu erreichen. Vielleicht werden so ja auch neue Leser auf interessante Publikationen bei Alibri – nicht nur meine eigenen – aufmerksam. Das würde mich freuen…
 

hpd: Im Vergleich zum „Manifest“ ist „Jenseits von Gut und Böse“ viel lockerer und unterhaltsamer geschrieben, obwohl die Thematik nicht minder kompliziert ist. Du illustrierst deine Gedankengänge mit anschaulichen Beispielen aus der Natur, Politik und Geschichte. Häufig unternimmst du sogar Ausflüge in die Popkultur wie im Kapitel „Harry Potter und die Achse des Bösen“ oder berichtest von Erfahrungen, die du selbst gemacht hast, was dem Buch eine sehr persönliche Note gibt. War diese andere Form der Darstellung eine Maßgabe des Verlags oder entwickelte sich das automatisch während des Schreibens?

Schmidt-Salomon: Dass sich „Jenseits von Gut und Böse“ und „Manifest des evolutionären Humanismus“ in formaler Hinsicht unterscheiden, ist vor allem auf die unterschiedliche Grundausrichtung der Bücher zurückzuführen. Das „Manifest“ war ja zunächst nur für die Beiräte der Giordano Bruno Stiftung gedacht, sollte so etwas wie ein internes Arbeitspapier der Stiftung werden. Es war anfangs überhaupt nicht geplant, den Text in Buchform erscheinen zu lassen, weshalb wir auch ziemlich überrascht waren, als sich das Buch später so gut verkaufte. Bei „Jenseits von Gut und Böse“ war mir hingegen von Anfang an bewusst, dass ich für ein größeres Publikum schreiben werde. Deshalb habe ich mir größere Mühe gegeben, den Text lesefreundlich zu gestalten. Ich wollte unter allen Umständen vermeiden, dass das Buch nur von einem kleinen akademischen Zirkel verstanden wird. Schließlich sind die Fragen, die in „Jenseits von Gut und Böse“ behandelt werden, viel zu wichtig, als dass man sie einigen wenigen Experten vorbehalten sollte. Es geht letztlich um die Kernfragen unserer Existenz: Wer sind wir? Was wollen wir? Was können, was sollten wir wollen? Worauf dürfen wir hoffen?
 

„Die Erlösung von dem Bösen – kommt im Herbst 2009“

hpd: Zum Buch wurde ein Videotrailer produziert, der ziemlich reißerisch daherkommt…

Schmidt-Salomon (lacht): Manchmal muss man halt klotzen und nicht kleckern! Mir persönlich gefällt der subversive Witz des Trailers sehr! Er treibt die Klischees von Gut und Böse, Licht und Finsternis, so herrlich auf die Spitze, dass sie sich am Ende selbst entzaubern. Außerdem ist die zentrale Botschaft „Die Zeit des Wartens hat ein Ende: Die Erlösung von dem Bösen – kommt im Herbst 2009!“ doch wirklich reizend, oder? Sicherlich wird das einige Leute erzürnen und sie werden mir wohl auch „Größenwahn“ vorwerfen. Im Grunde sollte jedoch jeder begreifen, dass das Ganze mit einem guten Schuss Selbstironie gewürzt ist.
 

hpd: Zwischen der Erstveröffentlichung des „Manifest des evolutionären Humanismus“ und „Jenseits von Gut und Böse“ liegen vier Jahre. Du hast in der Zwischenzeit drei Kinderbücher, ein satirisches Lexikon sowie eine Reihe kleinerer Essays veröffentlicht. Wird es wieder vier Jahre bis zu deiner nächsten größeren philosophischen Publikation dauern?

Schmidt-Salomon: Ich weiß es wirklich nicht. „Jenseits von Gut und Böse“ trug ich 15 Jahre in meinem Kopf herum und es brannte mir die ganze Zeit unter den Nägeln, diese spezielle Sicht der Dinge zu Papier zu bringen. Im vergangenen Jahr habe ich es endlich geschafft – und zwar in einem Anfall von Schreibwut, der mich selbst überraschte: Ich schrieb das komplette Buch in nur dreieinhalb Monaten! Nach der Niederschrift war ich auf eine merkwürdige Weise „leer“, hatte das Gefühl, alles gesagt zu haben, was ich überhaupt sagen kann. Seither sind einige Monate vergangen, aber das Gefühl ist relativ stabil geblieben. Es gibt zwar durchaus Themen, über die ich gerne schreiben würde, aber ich verspüre nicht mehr diesen ungeheuren Druck, es unbedingt tun zu müssen. Mal schauen, ob sich das noch ändert. Jetzt bin ich erst einmal neugierig zu erfahren, wie „Jenseits von Gut und Böse“ bei den Lesern ankommt. Ich persönlich halte es für das wichtigste und radikalste, d.h. „am tiefsten an die Wurzel gehende“, Buch, das ich je geschrieben habe. Ob die Leserinnen und Leser das auch so sehen werden? Ich bin gespannt…
 

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Videotrailer zum Buch

Weitere Informationen auf der Website des Autors