3.9.1859
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Schwarze Pädadogik [Forum] 8 Feb 2010 - 12:21 Nr. 8772
So konnten Wirtschaftssystem und Kirche gemeinsam ihre Interessen befriedigen: sie bildeten gut qualifizierte junge Frauen aus Arbeiterfamilien mit einem schlechten Selbstwertgefühl heran, die sich später im Berufsleben nicht gegen Unterbezahlung wehrten.
Judith: „Das Gefühl, ausgeliefert zu sein wurde noch schlimmer, wenn ich erfolglos versuchte, meine Mutter um Unterstützung zu bitten. Denn meine Mutter wurde als Bäuerin von der Schulleitung nicht ernst genommen.“
Anna (Jahrgang 1962) besuchte ein Kloster-Internat der Armen Schulschwestern in Nordrhein-Westfalen: „Für die Anderen über die eigene Kraft, die eigene Grenze zu gehen, wurde als erstrebenswert gelehrt.“
In dem katholischen Erziehungsratgeber lesen wir, wie es gelingen kann, Kinder zu selbstausbeuterischen Erwachsenen zu konditionieren: „Die dunkle Urschuld hat nach christlicher Lehre die Kräfte und Triebe des Menschen in Unordnung gebracht. So besteht denn die große Aufgabe eines Menschen in der Selbstbeherrschung …“ (Seite 13)
Anna: „Meine Familie hat es gut gefunden, dass ich in so ein Format – ein Kloster-Internat- komme, da ich eine wilde Trude war. Wenn ich gebrochen wurde, dann damit, dass ich nicht ich selbst sein konnte. Es war erst gut, Ruhe, als ich keine Leidenschaften mehr hatte, keine Fähigkeit mehr, selbst für mich zu sorgen.“
Unser katholischer Erziehungsratgeber, der übrigens nur an einer einzigen Stelle erwähnt, dass es eine wichtige Aufgabe ist, die „hasserfüllte Menschheit der Nachkriegsjahre“(Seite 23) zu bilden, geht nicht im Geringsten auf die Kriegstraumatisierungen und Folgen der nationalsozialistischen Indoktrination ein. Viel wichtiger sind ihm Beschämungsrituale, um die Kinder dazu zu bringen, sich „freiwillig“ in die Schablonen der katholischen Geschlechterrollenkonstrukte zu legen.
Hier eine Maßregelungsvorlage, die Anwendung finden sollte bei einem „Verstoß des Kindes“:
Magda.
Unschickliches, grobes Benehmen.
Judith: „Mit 15 entwickelte ich Bulimie. Es war ein Aufbegehren, ein Versuch mich zu retten. Ich fühlte mich erdrückt von Lasten. Ich fühlte mich immer gebremst, gehemmt und wertlos. Dann habe ich das Instrumentarium entwickelt, mich abzugrenzen. Erst war es faszinierend: Pah! Du bist ja gar nicht so machtlos, nicht so ausgeliefert. Die ersten Wochen waren Durchatmen. Die Bulimie war ein Rettungsversuch, der mich stabilisiert hat. Aber relativ bald ist mir das Gefühl gekommen: Hilfe, du bist ja ganz pervers! Dann aber hatte die Bulimie mich im Griff bis Anfang 40. Ich hatte 25 Jahre lang Bulimie.“
Hildegard, Anna und Judith (die Namen wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert) sind inzwischen 42 und 47 Jahre alt. Bis heute leiden sie unter bio-psycho-sozialen Einschränkungen und Belastungen als Folge der Zertrümmerung ihrer natürlichen psychosexuellen Entwicklung. Geholfen hat ihnen die Auseinandersetzung mit feministischen Ideen. Aber die Verletzungen sitzen tief, der Heilungsprozess gestaltet sich langwierig und erfordert professionelle Hilfe: psychosomatische Behandlung, Psychotherapie, berufliches Coaching. Leider betrachten viele Berater/innen die Probleme als Einzelschicksal. Häufig wird der Zusammenhang zwischen der Indoktrination zur Selbstaufopferung von Mädchen und ihrer Schwierigkeit, für sich einzustehen, nicht auf das katholische Weiblichkeitsideal zurückgeführt. In einem Land, in dem viel über die Unterdrückung der Frau im Islam diskutiert wird, bleibt der blinde Fleck für die Gehirnwäsche durch die katholische Kirche in professionellen Kreisen zu oft unbemerkt, steht in keinem Ausbildungs-Lehrplan.