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faz.net 19 Mär 2010 Nr. 9091
Die vielen Fälle sexuellen Missbrauchs, die in den vergangenen Wochen in Deutschland ans Licht gekommen sind, verlangen nach Aufklärung - auch durch die Wissenschaft. Was ist eigentlich Pädophilie? Was sind ihre Ursachen? Kann man Pädophile therapieren? Sind es nur Pädophile, die Kinder missbrauchen? Gibt es, wie der öffentliche Rummel nahelegt, immer mehr Fälle von Missbrauch?
Um mit der Frage nach der Häufung zu beginnen: Nein, im Gegenteil. Neue Erhebungen belegen, dass sexueller Missbrauch und Gewalt gegenüber Kindern stark rückläufig sind. Zudem geht die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen längst nicht immer nur von pädophilen Tätern aus. Pädophilie mündet ihrerseits nicht zwangsläufig im Kindesmissbrauch.
Der Sexualforscher Michael Seto von der Universität in Toronto nimmt an, dass ungefähr jeder zweite, der Kinder sexuell belästigt oder missbraucht, im medizinischen Sinne pädophil ist. Das ist sicher nur ein Näherungswert, denn schon die Definition von Pädophilie ist mal weiter, mal enger gefasst. Der Missbrauch geschieht beispielsweise durch Entkleiden, Berühren, gegenseitiges Befriedigen, Geschlechtsverkehr oder durch die Herstellung von Kinderpornographie.
Von echter oder der so genannten Kernpädophilie spricht man, wenn ein Erwachsener sexuell ausschließlich von Kindern unter zwölf Jahren erregt wird. Als pädophil gilt jedoch auch, wer sich überwiegend Kinder als Sexualpartner wünscht. Kernpädophile sind eine Minderheit unter den Sexualstraftätern, darüber herrscht weitgehend Konsens unter den Sexualwissenschaftlern und forensischen Medizinern. Umgangssprachlich wird auch die erotisch-sexuelle Neigung zu pubertären Jungen, die Ephebophilie, als Pädophilie bezeichnet, was den Kreis der „Pädophilen“ stark vergrößert.
Es ist nicht klar, woher die sexuelle Fixierung auf Kinder rührt. Die sexuellen Abweichungen der Betroffenen werden vielfach klassifiziert oder psychopathologisch erklärt. Viele Pädophile waren in ihrer Kindheit selbst Opfer von sexuellen Übergriffen. In manchen Untersuchungen berichten mehr als 90 Prozent der Pädophilen von eigenem Missbrauch - bei vergleichbaren Kontrollgruppen, die keine einschlägige sexuelle Störung aufweisen, sind es etwa 15 Prozent. Am häufigsten wurden jene missbraucht, die sich nur durch gleichgeschlechtliche Kinder erregen lassen, also - da es meist Männer sind - Jungen begehren. Auffällig ist, dass sich Pädophile am ehesten an Kindern in jener Alterstufe vergreifen, in der sie selbst erstmals missbraucht wurden.
Manche Fachleute rücken das Verhalten der Pädophilen in die Nähe einer Sucht oder einer Zwangsstörung. Die Neurobiologie der Pädophilie ist bislang nur spärlich erforscht. Die Forschergruppe um Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zählt zu den wenigen, die mittels bildgebender Verfahren die neuronale Aktivität im Gehirn pädophiler Straftäter untersucht haben. Dabei zeigten sich bei Vorlage sexuell unterschiedlich stimulierender Photos - von Frauen und Kindern - nicht nur Unterschiede zu sexuell unauffälligen Kontrollpersonen. Die Mannheimer Forscher vermuten zudem, dass ein physiologischer Mechanismus, der eine sexuelle Stimulierung durch Kinder abschwächt, bei Pädophilen nicht funktioniert, sondern sich sogar ins Gegenteil verkehrt (“European Archive of Psychiatry and Clinical Neuro science“ 2008, Bd. 258 , S. 271). (...)
Doch nur eine Minderheit der Pädophilen wird straffällig. Daher sind Beobachtungen aus der psychiatrisch-psychologischen Arbeit mit Pädophilen nicht repräsentativ - viele begeben sich nicht freiwillig in Therapie. „Und deshalb kann man auch kaum die Häufigkeit pädophiler Veranlagungen in der Bevölkerung abschätzen.“
(...) Warum kommen aber sexuelle Übergriffe in bestimmten Institutionen so häufig vor? „Jedenfalls nicht, weil etwa das katholische Internat oder der Zölibat die Pädophilie hervorbrächte, sondern weil es sich hier um verlockende, abgeschirmte Räume für Personen mit solchen Neigungen handelt, die wie ein Magnet wirken können“, sagt Dreßing. Das belegen nicht nur die Fälle aus den betroffenen Internaten oder die literarischen Zeugnisse aus Kadettenanstalten. Man weiß aus neueren britischen Untersuchungen, dass die Unterbringung von Kindern in Heimen ihr Risiko, misshandelt oder missbraucht zu werden, um das Sechsfache erhöht. (...)