Darwinische Evolution im Mayr-Jahr 2015

KASSEL. (hpd) Nach den zu Ende gegangenen Wallace- und Weismann-Jahren 2013 und 2014 steht derzeit das Lebenswerk von Ernst Mayr (1904–2005) im Zentrum biologiehistorischer Betrachtungen. Mayr hat sich insbesondere Charles Darwin (1809–1882) gewidmet, der in einem aktuellen Sammelband gewürdigt wird.

Der aus Deutschland stammende US-Harvard-Biologe Mayr vertrat die Ansicht, die von ihm maßgeblich mitentwickelte Synthetische Theorie der Biologischen Evolution der 1940er Jahre wäre im Wesentlichen eine verfeinerte Fassung des Darwin’schen Fünf-Theorien-Systems (On the Origin of Species, 1859), ergänzt durch die Erkenntnisse der Vererbungslehre (Genetik). Da Mayr ein fairer Wissenschaftler war, hat er in seinen Werken auch immer wieder hervorgehoben, dass Alfred Russel Wallace (1823–1913) wesentlich zur Entwicklung bzw. Ausarbeitung des Konzepts der Naturzüchtung beigetragen hat. Dieses "Darwin-Wallace-Prinzip der natürlichen Selektion" steht im Zentrum eines Ende 2014 erschienenen Sammelbandes, der unter dem griffigen Titel Darwin heute: Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften zum Mayr-Jahr 2015 eine willkommene Lektüre darstellt.

Das Autorenkollektiv betrachtet, unter der Herausgeberschaft von Martin Neukamm, verschiedene Aspekte des Evolutionsforschers Darwin, wobei der Bogen weit gespannt ist: Er reicht von kosmologischen Aspekten über das Problem der Protozellen-Entstehung (Biogenese) bis zu philosophischen Diskussionen zum Naturalismus. Meiner Ansicht nach ist das Kapitel mit Betrachtungen zu Altern und Tod unter Berücksichtigung der evolutionären Medizin von besonderer Signifikanz: In diesen Abschnitten wird die "Darwin-Wallace-Linie" durchbrochen und mit Erfolg ein anderes, entfernt liegendes biologisches Themengebiet betreten.

Der vielseitige Sammelband enthält eine Fülle spannender Informationen zu Darwins bleibender Wirkung als einer der Pioniere der Evolutionsforschung des 19. Jahrhunderts und ist daher für an diesem Thema Interessierte nachdrücklich zu empfehlen. Da der britische Naturforscher aber auch als Geologe, Bodenbiologe, Botaniker, Tierpsychologe und Pflanzenphysiologe grundlegende Erkenntnisse publiziert hat, wäre ein Folgeband wünschenswert, in welchem der "weniger populäre", bevorzugt experimentell arbeitende Darwin, angemessen gewürdigt ist.

 


Neukamm, M. (Hrsg.) (2014) [Darwin heute. Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften]((http://www.wbg-wissenverbindet.de/shop/de/wbg/darwin-heute–1012696–001). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt .