GBS-Schweiz

Zum kritisch-rationalen Denken anstoßen

Könnte man es so sagen? Religionskritik war anfänglich eure Basis und ihr sagt nun, ja, Religionskritik ist gut, aber das ist nicht unser Fundament, auf dem wir die Zukunft bauen, das ist nicht das, wo wir hin wollen, wir wollen woanders hin!

Micha: Ja, sagen wir es so: Religionskritik war und ist für uns alle wichtig, weil wir an der Religionskritik gelernt haben, klar zu denken und klar zu hinterfragen: Was ist ein Argument, wann ist ein Argument gültig, was ist empirisch-wissenschaftliche Evidenz, welche die Wahrscheinlichkeit der fraglichen Thesen erhöht, und was nicht. Das war der ‘Sandkasten’, um das kritisch-rationale Denken zu trainieren, aber es ist nicht der Ort, an dem wir erwarten, am meisten bewirken zu können. Zwar gibt es auch im Religionsbereich noch viel zu tun, aber dieses Gebiet wird schon gut von anderen Organisationen abgedeckt.

Adriano: Wir fragten uns auch: Weshalb ist uns Religionskritik eigentlich so wichtig? 
Irrationale Denkmuster führen beispielsweise zu religiös motivierten Konflikten, oder dazu, dass die Eltern von schwer kranken Kindern auf Alternativmedizin schwören oder es mit Beten versuchen. Diese irrationalen Denkmuster wollen wir in vielen Bereichen bekämpfen, insbesondere bei globalen politischen Prioritäten und in der Bioethik.
Wir möchten kritisch-rationales Denken fördern, weil wir uns dadurch den großen Problemen auf der Welt besser stellen können. Letzendlich läuft es auf das erste der zehn Angebote des Evolutionären Humanismus heraus, die Michael so treffend formuliert hat: "Diene weder fremden noch heimischen Göttern, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!" Vor diesem Hintergrund scheint es eher unwahrscheinlich, Religionskritik für denjenigen Aktivismusbereich zu halten, in dem man ethisch in unserer aktuellen Situation am meisten bewirken kann.

Jonas Vollmer: Bei mir war die Homöopathiekritik die Basis, anhand der ich denselben Prozess durchgemacht habe.

Kommt ihr alle aus dem universitären Zusammenhang oder wie setzt sich die Gruppe zusammen?

Micha: Die meisten von uns haben sich an der Universität kennengelernt, mit dabei waren immer auch interessierte Leute, die nicht studierten. Starken Zuwachs haben wir dank Facebook erhalten, das von vielen als Diskussionsplattform genutzt wird.

Wenn ich Facebook höre, … seid ihr sehr internetaffin?

Kay Honegger: Klar. Über das Internet lässt sich einiges viel einfacher regeln und unsere Bürowände sind nicht mit dicken Ordnern bedeckt (Lachen). Wir können gemeinsam und zur gleichen Zeit an einem Dokument arbeiten, selbst wenn eine Person in Basel und die andere in Oxford ist. Ebenfalls können wir über Skype-Video gemeinsam Sitzungen abhalten. Wir nutzen diese Hilfsmittel, weil sie die beste Lösung für uns darstellen, auch weil wir oft unterwegs sind. Insbesondere Facebook ist ein Novum in der Menschheitsgeschichte, das beispiellose Konsequenzen haben könnte: Es ermöglicht uns, mit allen Menschen, die wir jemals angetroffen haben, in Kontakt zu bleiben und zu kommunizieren. Unter anderem über die Themen des evolutionären Humanismus, versteht sich. (Lachen) Facebook könnte den sozialen Wandel in beispielloser Weise beschleunigen.

Jonas: Wir hatten auch spannende Diskussionen in der Facebook-Gruppe frei denken uni basel. Da fanden zahlreiche Diskussionen mit hunderten Kommentaren statt, auch zu Themen wie “Soll man heiraten”.

Und wie war die vorherrschende Meinung? Das diskutiert die katholische Kirche ja auch gerade. Wie sind die Beiträge der Freidenker, soll man heiraten? (Lachen)

Sara: Die Meinungen waren gespalten. Die Diskussion fing durch ein Zitat an und dann…

Jonas: ….die kirchliche Heirat, das ist ja ganz klar, wurde nicht bevorzugt. Es ging um die rein zivile Eheschließung …

… ein Vertrag als Aufzuchtgemeinschaft… (Lachen) Michael Schmidt-Salomon hat in seinen frühen Jahren einen Aufsatz geschrieben: “Vom Ehekäfig zum Intim-Netzwerk”, unter dem Aspekt, wenn man gemeinsame Kinder hat, dann gilt es, aber man muss es deshalb nicht unbedingt mit einer Ehe als Zwangsgemeinschaft verbinden…

Jonas:  … Ja, da gingen die Meinungen nach wie vor weit sehr auseinander, aber es zeichnete sich doch eine Tendenz in Richtung flexiblerer Beziehungsformen ab, die dann auch rechtlich neu geregelt werden müssten. Es gibt ja auch RechtswissenschaftlerInnen, die in diesem Bereich tätig sind.

Kay Honegger: Ich beispielsweise wurde auf die GBS Schweiz und all die Leute, die hier arbeiten, durch eben diese Diskussion aufmerksam. Ich habe keinen akademischen Hintergrund und habe mit Spannung die Diskussionen verfolgt. Ja, die Anwendung des kritisch-rationalen Denkens auf diese Frage  hat mich fasziniert und jetzt bin ich hier.

Beispielbild