Interview

"Ich habe Zeremonien verachtet"

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Daniel Stricker
Daniel Stricker

TOBEL/CH. (hpd) Für immer mehr Menschen hat Religion keine Bedeutung mehr. Doch auch religionsferne Menschen werden bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen zeitweilig mit einem Besuch in der Kirche konfrontiert. Um diesen Konflikt zu verhindern, bietet Daniel Stricker eine Lösung: Der 45-jährige Schweizer hält Zeremonien ohne religiöse Rituale ab. Mit mittlerweile fast 60 Zeremonien im Jahr gilt er als der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. Mit ihm sprach Sandro Bucher.

hpd: Daniel, du bist gelernter Luftverkehrsangestellter, hast den Kundendienst von Sony geleitet und neben Videotheken sogar eigene Pizzakurierdienste betrieben. Wieso jetzt Zeremonienleiter?

Daniel Stricker : Vor vielen Jahren habe ich eine schlimme Zeremonie in der Kirche erlebt. Mein bester Freund verstarb sehr jung. Bei der Abdankung meinte der Pfarrer, dass er gerne mehr über das Leben des Verstorbenen erzählen würde, doch es gäbe nichts zu sagen, weil dieser so jung verstorben sei. Diese Zeremonie war zwar noch nicht der Grund, weshalb ich Zeremonienleiter wurde, doch es war der Grund, weshalb ich Zeremonien fortan vermieden und verachtet habe.

Und was war dann der Grund?

Zwei Jahre nachdem ich meine Firma verkauft habe, wurde ich von einem entfernten Bekannten angefragt, eine Zeremonie für ihn zu leiten. Anfangs war ich aufgrund meiner Abneigung gegenüber Zeremonien skeptisch. Doch der Gedanke, es besser zu machen, liess mich nicht mehr los. Ich dachte, dass ich Zeremonien revolutionieren könnte, indem ich statt einer Predigt die Geschichte des Paars ins Zentrum rücke. In Wirklichkeit gibt es freie Redner wie mich natürlich schon seit der Aufklärung.

Heute bist du mit fast 60 Zeremonien im Jahr der bekannteste Zeremonienleiter der Schweiz. Welche Menschen suchen deine Begleitung?

Neben religionsfernen Menschen und Atheisten traue ich auch viele Paare, die noch in einer Kirche sind, aber kirchenfern leben oder nicht derselben Konfession angehören. Sie suchen mich auf, gerade weil meine Zeremonien religionsneutral gestaltet sind. Ich habe keine Mission und erteile keinen Segen im Namen Gottes. Dadurch habe ich den Vorteil, Zeremonien kurzweiliger zu machen und mich viel stärker auf die Geschichte des jeweiligen Brautpaars abzustützen.

Trotzdem magst du es nicht, wenn Menschen deine Zeremonien als Alternative zur Kirche bezeichnen.

Ja, denn ich sehe mich nicht als Alternative. Das würde implizieren, dass wer anders das Original ist. Ich bin ein Zeremonienleiter, der einen neutralen Standpunkt einnimmt. Die institutionalisierten Religionen, die wir heute kennen, gibt es erst seit einigen tausend Jahren, während Ausgrabungen belegen, dass schon vor über einer Million Jahre Menschen Rituale durchgeführt haben. Die Kirchen haben die Zeremonien also nicht erfunden. Sie haben schlicht die existierenden Bräuche übernommen und ein Monopol beansprucht. Die Idee des Heiratens samt Eheringe und Ja-Wort sind wesentlich älter als das Christentum.

Wie äussert sich dieser neutrale Standpunkt konkret in den Zeremonien?

Ich habe nicht den Anspruch, Leute zu belehren, sondern einzig das Ziel, die Menschen zu berühren. Ich habe keine eigene Mission sondern sehe mich als Sprachrohr. Im Falle einer Hochzeit verkünde ich, dass die beiden Menschen sich gefunden haben und zusammenbleiben möchten. Dies möchte ich auf möglichst schöne Weise tun. Einen erzieherischen, moralischen, missionarischen oder anderswie belehrenden Anspruch habe ich nicht.

Und dieses Bedürfnis nach Feiern und Ritualen steigt auch bei jüngeren Menschen wieder. Wie erklärst du dir diesen Trend?

Durch die ständige Erreichbarkeit haben junge Menschen immer weniger Fixpunkte und Routine im Alltag. Dadurch werden sie sehr ungeduldig. Zeremonien hingegen sorgen für Entschleunigung und schaffen gerade dadurch Stunden und Tage, die man sein ganzes Leben lang nicht mehr vergisst.

Mit 60 Zeremonien im Jahr feierst du mindestens einmal in der Woche mit Menschen. Ist die Tendenz steigend?

Ja, vor allem bei Trauerfeiern. Doch da jede Zeremonie viel Zeit und Energie beansprucht, kann ich gar nicht mehr machen. Ich habe mir sogar schon überlegt, mittelfristig etwas kürzer zu treten. Sonst besteht die Gefahr, dass ich eines Tages in eine Routine verfalle und ich meinem Anspruch nicht mehr gerecht würde.

Wäre dann der nächste Schritt, andere zu Zeremonienleitern auszubilden?

Ich bin dabei, einen Online-Kurs zu machen. In diesem möchte ich Interessierten beibringen, wie man Zeremonien schreibt, führt, aber vor allem auch, wie man Kunden gewinnt. Es gibt tausende von Zeremonienleitern in Deutschland und in der Schweiz, doch aufgrund ihrer Internetauftritte vermute ich, dass die meisten von ihnen im Jahr zwischen null und zwei Zeremonien machen. Obwohl sie zwar die Begeisterung und vermutlich auch das Talent mitbringen, stehen viele vor demselben Problem: es ist niemand da, der ihnen die handwerklichen Aspekte detailliert aufzeigt. Und es fehlt am Wissen, wie man eine Dienstleistung günstig und effektiv anpreist. Doch wenn man in dieser Nische Erfolg haben will, muss man zu den allerbesten gehören.

Hast du für dein Engagement auch schon Kritik von religiösen Menschen erhalten?

Nur selten. Vielleicht haben die meisten Kritiker einfach den Anstand, zu schweigen. Vor einigen Jahren leitete ich eine Zeremonie, bei der die Mutter der Braut von Anfang an gegen eine Hochzeit ohne Religionsbezug war. Bei der Zeremonie selbst sass sie mit verschränkten Armen in der ersten Reihe. Schlussendlich war sie die erste, die geweint hat. Das hat mir gezeigt: Auch wenn Menschen sehr religiös sind, fallen ihre Vorbehalte ab, wenn man es schafft, sie auf eine gute Art zu berühren. Und bei Beerdigungen sind Menschen, die jemand verloren haben, der ihnen sehr nahe stand, sowieso untröstlich. Egal ob sie an Gott glauben oder nicht.

Welche war die schönste Zeremonie, die du je erlebt hast?

Eine meiner schönsten Zeremonien war die Hochzeit von einer Muslimin und einem Reformierten. Sie wollten in der Nähe eines Bergrestaurants heiraten und gingen fest von gutem Wetter aus. Doch es regnete in Strömen. Das Ausweichszenario war eine Scheune, in der nichts vorbereitet war und sogar noch ein Traktor stand. Ein paar Kerzen und Scheinwerfer reichten für eine unglaubliche Atmosphäre. Dieses Beispiel zeigt, dass teure Hochzeiten manchmal eher wie ein Schleier über der eigentlichen Zeremonie liegen. Es braucht nicht viel Geld, um einen unvergesslichen Tag zu erleben.

Das Interview führte Sandro Bucher für den hpd.