Kommentar

Leihmutterschaft: Frauenfeindliche Menschenzucht

KASSEL. (hpd) Am 10. Dezember 2014 hat der Bundesgerichtshof (BGH) eine kalifornische Gerichtsentscheidung zur “Leihmutterschaft” anerkannt: Zwei homosexuelle Männer aus Berlin, die durch eine Spermien-Spende, einen anonymen Eizell-Kauf sowie über eine angemietete “Surrogate mother” ein künstlich erzeugtes Kind erworben haben, wurden als rechtliche Eltern anerkannt (Eintrag im Geburtsregister). Die biologischen Grundlagen dieser kommerziellen Menschenzucht sind nachfolgend dargestellt und aus ethischer Sicht bewertet.

Nur wenige Wochen nach dem 100. Todestag des Urvaters der “Sex-Forschung” August Weismann (1834–1914) hat ein deutsches Gericht (BGH) einen Text veröffentlicht, der problematisch ist.

Seit Jahren ist in Kalifornien die Schein-Mutterschaft (Surrogate motherhood) ein lukratives Geschäftsmodell, das mit der freizügigen US-Ideologie in Einklang steht. Ein homosexuelles Paar aus Berlin hatte 2010 mit einer “Surrogate mother” aus Kalifornien einen Vertrag abgeschlossen, um über eine Spermien-Spende einer der beiden Männer sowie einer käuflich erworbenen Eizelle einer anonymen Frau im Reagenzglas eine Zygote kreieren zu lassen, die dann im Körper einer Schein-Mutter entwickelt, ernährt und 2011 zur Welt gebracht worden ist.

Nach kalifornischem Recht sind die männlichen Kunden dieser frischen Menschen-Ware die rechtlichen Eltern, da es sich um ein in den USA legales Homo sapiens-Zuchtprodukt handelt. Nach deutschem Recht sind “Leih-Mutterschaften” verboten. Aus naturwissenschaftlicher Sicht bemerkenswert, werden von unseren Juristen als “Mutter eines Kindes jene Frau angenommen, die es geboren hat” (§ 1591 BGB). Nachfolgend möchte ich diesen Sachverhalt “im Lichte der Biologie” klarstellen.

Wie aus der oben gezeigten Lehrbuch-Grafik hervorgeht, werden bei Säugetieren wie Mäusen und Menschen als Eltern (Mutter/Vater) jene Individuen definiert, die Eizell- bzw. Spermien-Lieferanten waren. Die Eizelle und das Spermium steuern bei der Zeugung jeweils einen haploiden Chromosomensatz bei und es entsteht in der Zygote ein diploider Chromosomensatz, der zu je 50 Prozent von der Mutter und dem Vater stammt.

Darüber hinaus enthält die weibliche Eizelle sämtliche Mitochondrien für das zukünftige Kind. Das Erbgut (DNA) stammt somit bzgl. des chromosomalen Kern-Genoms je zur Hälfte von der Eizelle und dem Spermium, während die relativ große weibliche Keimzelle außerdem noch das mitochondriale Genom (mtDNA) liefert. Unabhängig davon, ob die entstandene befruchtete Eizelle (Zygote) von einer leiblichen oder einer Schein-Mutter ausgetragen wird, sind die Eltern immer die Keimzellen-Lieferanten (bei genetischen Abstammungstests wird das Kern- bzw. mt-Genom der Eltern analysiert, während der weibliche Ernährungs- bzw. Gebärapparat nicht erfasst wird).

Prof. Dr. Ulrich Kutschera (Foto: © Evelin Frerk)Prof. Dr. Ulrich Kutschera, (Foto: © Evelin Frerk)

Im BGH-Text steht geschrieben, dass nach deutschem Recht “der Lebenspartner, der die Vaterschaft anerkennt, der rechtliche Vater des Kindes” sei; als rechtliche Mutter gilt die gebärende “Leih-Mutter” – eine den biologischen Fakten widersprechende Behauptung. Die genetische Mutter (Eizell-Spenderin) wird komplett ignoriert, nur der Spermien-Lieferant (Mann) zählt – er wird als “mit dem Kind genetisch verwandt” bezeichnet. Fakt ist jedoch, dass Eizell- wie Spermien-Produzenten zu je 50 Prozent mit dem Kind genetisch weitgehend identisch sind, wobei die leibliche Chromosomen-Mutter zusätzlich über die Eizelle das lebensnotwendige mt-Genom einbringt (Stichworte: eukaryotischer Zellstoffwechsel, ATP-Produktion, mitochondriale Erbkrankheiten).

Die im BGH-Schreiben dargelegte, einer antiquierten Männerdenkweise entstammenden Sicht des menschlichen Reproduktionsvorgangs ist zutiefst frauenverachtend: Feministen-Verbände sollten dagegen protestieren, da in dieser Vor-Darwin’schen Gedankenwelt die genetische Abstammung eines Menschen nur über den Vater definiert wird. Frauen werden in dieser pseudowissenschaftlichen Biopolitik anonyme, genetisch tote Eizell-Spenderinnen bzw. zum Gebären angemietete, rechtlose Legehennen.

Zurück zum Berliner “Zwei-Männer-Elternpaar”. Wie der BGH-Text enthüllt, kam das Kind im Mai 2011 in Kalifornien zur Welt; bereits im Juni reisten die “Wunscheltern” mit ihrem Zucht-Baby nach Deutschland. Bei Menschen u. a. Säugetieren (Mammalia) gehört aber das Stillen (Brust-Ernährung) zum natürlichen Verhaltensmuster, da die Muttermilch nicht nur der Ernährung dient, sondern auch das Immunsystem des Babys aufbaut. Im Tier- und Menschenreich ist darüber hinaus die Mutter-Kind-Bindung die stärkste Assoziation, die es überhaupt gibt – “Mama” = Mutter = Säugevorgang!

Offensichtlich sollte das künstlich hergestellte Baby nach dem Abwerfen durch die gefühlskalte Gebärmaschine vom Aufbau einer natürlichen Mutter-Baby-Bindung abgehalten werden: Das ist eine eklatante Grund- und Menschenrechtsverletzung des Kindes sowie der kalifornischen Miet-Mutter.

Im Berliner Geburtenregister sind nun zwei Männer, d. h. der Spermien-Lieferant (Vater) sowie ein genetisch fremder Lebenspartner als “Eltern” eingetragen, aber die beiden Mütter, d. h. die echte, genetische Eizell-Mama 1 und die austragende, vom Säugevorgang abgehaltene Pseudo-Mama 2, fehlen (eine Adoption durch den “Vater 2” wäre eine vertretbare Lösung gewesen). Spätestens in der Schule beginnen aber die Probleme: Das Kind wird nach seiner Mutter gefragt werden – was soll es antworten? Was wird z. B. bei einer Heirat in der Abstammungsurkunde stehen? Wie soll ein Familienstammbaum dargestellt werden?

August Weismann, Vater der Neodarwin’schen Theorie der biologischen Evolution (und sechs leiblicher Kinder) würde sich “im Grabe umdrehen”, wenn er von dieser Pervertierung der Biologie erfahren könnte. Abschließend sei vermerkt, dass die Berliner Leihmutter-Geschichte in zahlreichen Medien (FAZ-, Spiegel-, und Focus-online usw.) kommentiert wurde, aber die hier dargestellten biologischen Fakten fehlen in diesen Berichten.

 


Der Autor, Prof. Dr. Ulrich Kutschera, lehrt und forscht an der Universität Kassel und in Stanford (Kalifornien, USA).