Ein Vorkämpfer der Judenemanzipation in Preußen

Johann Jacoby

* 1. Mai 1805 in Königsberg, Δ 6. März 1877 in Königsberg;
deutscher Politiker und Arzt, stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie und wurde zu einem Vorkämpfer der Judenemanzipation in Preußen.

1841 forderte er eine Verfassung für Preußen und wurde deswegen zunächst wegen Hochverrats verurteilt, danach aber freigesprochen. 1848 war er Mitglied in der preußischen Nationalversammlung, Mitglied des Vorparlaments in der Frankfurter Paulskirche und ab 1849 Mitglied des Stuttgarter Rumpfparlaments. Er war im preußischen Abgeordnetenhaus und im Norddeutschen Reichstag Vertreter der äußersten bürgerlichen Linken in der Fortschrittspartei. Er wurde wiederholt angeklagt und verhaftet. 1864 wurde er wegen Steuerverweigerung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er war entschiedener Kriegsgegner und Gegner der Annexion von Elsass-Lothringen und trat 1872 der Sozialdemokratischen Partei bei.
Jacoby trat für das Reformjudentum ein und war weltanschaulich der deistischen Aufklärung verpflichtet. Er bezog sich hauptsächlich auf den materialistischen Pantheismus Spinozas und den Toleranzbegriff Lessings. In seinem Aufsatz „Über Nervenphysik“ von 1846 bekannte er sich zum naturwissenschaftlichen Materialismus. Für die Bewegung der Freireligiösen entwickelte er große Sympathie und war mit deren Protagonisten politisch eng befreundet (Robert Blum, Julius Rupp u. a.).

Gegenüber deren politischer Wirksamkeit blieb er jedoch skeptisch. Sein eigenes pantheistisches Reformjudentum war da weltanschaulich schon weiter. Philosophisch stellte er sich in seinen Publikationen in die Tradition von Kant, Spinoza und Feuerbach, vor allem Spinozas „Ethik“ beeinflusste ihn stark. Seine Schrift „Der freie Mensch. Rück- und Vorschau eines Staatsgefangenen“, entstand während seiner Gefängnishaft 1865/66. Schon in seinem Aufsatz von 1853 „Zum Kulturkampf“ begründete Jacoby mit Gedanken Spinozas und Feuerbachs seine grundsätzliche Kritik der Religionen und seine Ansichten über das Verhältnis von Kirche und Staat. Religion sei demnach Scheinwissen, auf niedriger Kulturstufe stehend. Sie würde in dem Maße überwunden und überflüssig werden, wie Wissenschaft und Bildung voranschritten, wie der Mensch jeder Fremdbestimmung entwachsen und Herr seiner selbst würde. Staat und Kirche wären „Zwangsmittel“ in den Händen der Herrschenden, die damit den Fortschritt behinderten und das moderne Geistesleben und menschliche Niveau zurückdrängen wollten. Er prognostizierte das Absterben der religiösen Bedürfnisse und zweifelte an der Notwendigkeit von Kirchen und Staat. Auch wenn er sich im Alter der Sozialdemokratie zuwandte, wurde er trotz aller Radikalität nie Marxist. Seine sozialen Forderungen begründete er aus seiner Ethik.

Am 11. März 1877 nahmen rund 5.000 Menschen von ihm Abschied. Nachdem ein Rabbiner seinen Beerdigungs-Ritus vollzogen und hierbei auch den jüdischen Dissidenten Spinoza als Jacobys Lehrmeister gewürdigt hatte, sprachen am Grab u. a. der Freidenker Johann Most.