Essay
Kommt jetzt die Krise der Soziologie?
Forschung soll objektiv und ergebnisoffen sein. Aber in sozialwissenschaftlichen Fächern wirkt sich offenbar die politische Einstellung der Forscherinnen und Forscher auf die Ergebnisse aus. Dazu kommt ein weitgehend postmodernes Menschenbild. Kein Wunder, dass sozialwissenschaftliche Studien kaum helfen, gesellschaftliche Probleme zu lösen.
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Die psychologische Forschung steckt schon eine Weile in einer Krise. Viele ihrer Ergebnisse lassen sich nicht nachvollziehen (Replikationskrise), zudem gibt es Vorwürfe, die „links-progressive“ Einstellung der Mehrheit ihrer Vertreter schade ihrer Arbeit und dem Ruf des Fachs. Holt eine entsprechende „Ideologiekrise“ jetzt auch die Soziologie ein?
Klar ist: Professorinnen und Professoren an den Universitäten in Europa und den USA stehen im politischen Spektrum deutlich häufiger links als rechts. Gerade in den Sozialwissenschaften bezeichnet sich eine überwältigende Mehrheit als liberal oder links. Doch rechts oder links orientierte Forscher sollten mit wissenschaftlichen Methoden ähnliche Erkenntnisse gewinnen. Schließlich leben wir alle in derselben Welt.
Darüber hinaus kommen Untersuchungen wichtiger sozialer Phänomene seit Jahrzehnten zu den immer gleichen Ergebnissen – ein Replikationsproblem scheint die Soziologie nicht zu haben: Beständig finden sie heraus, dass in menschlichen Gesellschaften vielfältige Ungleichheit und Ungerechtigkeit herrschen. Abgeleitet werden daraus die immer gleichen Forderungen, wie die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake jüngst in der Zeit berichtet haben. „Mehr Partizipation, mehr Empowerment, mehr Frauenförderung, mehr Diversity, mehr Gleichheit auf internationaler Ebene zwischen Lebenschancen und Produktionsbedingungen“.
Und auch bei den Ursachen sind sich die Forscherinnen und Forscher sicher: „Man weiß ja immer schon, dass es um Macht und Herrschaft geht“, stellen Nassehi und Saake ironisch fest. Und stoßen dann zum wichtigsten Problem vor: Warum ist es dann so schwierig, die Forderungen umzusetzen, fragen sie – und geben selbst die Antwort: „Weil man die Funktion der Ungleichheit ja nicht studiert hat“. Mit anderen Worten: Die tieferen Ursachen und Mechanismen werden mit Phrasen abgetan.
Eine wichtige Ursache für diese Verhältnisse: Die betroffenen sozialwissenschaftlichen Fächer geben alle ein „Gleichheitsversprechen“ ab, mit dem man „jungen Leuten, die die Welt verbessern möchten, etwas anbieten kann, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht“, konstatieren Nassehi und Saake . „Sobald sie Ungleichheit sehen, reden sie über Macht, Herrschaft und Kapitalismus. Die Kritik am Patriarchat läuft still im Hintergrund mit.“
Wer soziokulturelle Studien liest, kann diese Beobachtung bestätigen. Doch wie ist es so weit gekommen in der Soziologie? Eine mögliche Ursache deckt die Studie der Universität Oxford auf, die Nassehi und Saake Anlass für ihren Zeit-Artikel gegeben hat. Der Soziologe James Manzi hat untersucht, ob sich die politische Orientierung von Sozialwissenschaftlern auf ihre Studienergebnisse auswirkt. 600.000 Abstracts von sozialwissenschaftlichen Studien von 1960 bis 2024 hat er durch Large-Language-Modelle (LLM) auf Muster überprüfen lassen, die auf eine ideologische Nähe zu bekannten rechten oder linken US-Politikern hindeuten. In etwa 180.000 Studien fanden sich Sätze, die zu einer politischen Haltung passten. Und 90 Prozent davon lagen im linken Spektrum. Zudem „zeigten alle Disziplinen zwischen 1990 und 2024 eine Verschiebung nach links“. Betroffen waren dabei vor allem soziokulturelle Studien.
Die Daten deuten Manzi zufolge auf eine „berufliche Selbstselektion“ unter Sozialwissenschaftlern seit den 1960er Jahren hin. Nachdem sich das Fach einen gewissen politischen Ruf erarbeitet hatte, wären demnach vor allem linksgerichtete Wissenschaftler dort eingestiegen. „Der Schwenk nach links geht einher mit Bürgerrechts-, Antikriegs- und feministischen Mobilisierungen“, stellt Manzi fest. Er selbst spricht es zwar nicht an, aber die Entwicklung verläuft auffällig parallel mit der zunehmenden Bedeutung der marxistisch orientierten „kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse und später der postmodernen „Denker“ wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Judith Butler, von denen auch prominente Soziologen wie Jutta Almendinger, Andreas Reckwitz, Heinz Bude, Philipp Sarasin, aber auch Armin Nassehi selbst beeinflusst sind. Kein Wunder, dass sie immer wieder bei Macht, Herrschaft, Kapitalismus und Patriarchat landen.
Ein großer Teil der sozialwissenschaftlichen Arbeiten wirft demnach wenig Licht auf die realen Gesellschaftsverhältnisse, weil sie im Schatten einer politischen Einstellung und Denkschule stattfinden, die ergebnisoffene und objektive Forschung nicht besonders wichtig nimmt.
Ignoranz gegenüber der menschlichen Evolution
Es gibt schon lange ein weiteres Problem in den Sozialwissenschaften. Der Mensch und sein Sozialverhalten sind das Ergebnis von Millionen Jahren evolutionärer Entwicklungen. Unsere Gene geben den Rahmen vor, innerhalb dessen unsere Persönlichkeiten und Verhaltensneigungen sich entwickeln (können), weil sie Anpassungen an die physikalische und soziale Umwelt kodieren. Ein großer Teil der Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler betrachtet den Menschen jedoch als reines Produkt seiner sozialen und kulturellen Entwicklung. Sie haben sich den alten Vorstellungen Émile Durkheims und Franz Boas und den neuen Verirrungen Foucaults und der anderen postmodernen „Denker“ ausgeliefert, in deren Vorstellung der Mensch nicht nur als „tabula rasa“, als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt, sondern seine Eigenschaften, sogar sein Körper irgendwie losgelöst sein sollen von Biologie, Physik und Chemie.
Dieses Menschenbild dürfte zu den Ursachen gehören, dass sozialwissenschaftliche Studien seit Jahrzehnten wenig dazu beitragen, die gesellschaftlichen Probleme, die sie untersuchen, zu lösen. Ein hochaktuelles Beispiel ist die Fremdenfeindlichkeit. Denn die Ablehnung von Migrantinnen und Migranten hängt eng zusammen mit der wachsenden Zustimmung zu rechten bis rechtsextremen Parteien wie der AfD.
„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, verkündeten die Grünen einst auf einem Wahlplakat – und hofften, mit dem Zitat Karl Valentins der kulturellen Vielfalt das Wort zu reden. Tatsächlich besagt das Wortspiel allerdings vor allem eines: Außerhalb seiner Heimat ist der Mensch ein Fremder. Und Menschen reagieren auf Fremde in der Regel nicht so, wie es sich die Grünen wünschen. Im Idealfall findet man sie interessant und lernt sogar etwas über die Vielfalt der Kulturen. Wird die Zahl der „Fremden“, die uns im Alltag begegnen, allerdings groß, ist die spontane Reaktion bei vielen Menschen anders: Irritation, Ablehnung, sogar Feindseligkeit. Veränderungen führen zu Unsicherheit. Sich an sie zu gewöhnen, benötigt Zeit und Aufgeschlossenheit.
Bezeichnet wurde und wird dieses Phänomen als Fremdenfeindlichkeit und Fremdenangst. Es hängt mit einer Neigung zusammen, die Menschen während ihrer langen Stammesgeschichte entwickelt haben: Das Fremde ist ja gerade dadurch charakterisiert, dass wir nicht wissen, was es bringt – schlimmstenfalls ist es sogar gefährlich. Das gilt auch für fremde Menschen. Also ist man erst einmal zurückhaltend, skeptisch, geht ihnen vielleicht lieber erst einmal aus dem Weg – oder schafft sie sogar aus dem Weg. Und zwar ohne darüber nachzudenken. Angesichts der Gewaltbereitschaft unserer Spezies dürfte eine solche Risikovermeidung ein nicht zu unterschätzender Selektionsvorteil gewesen sein. Evolutionär gesehen, so hat es der Biophilosoph Eckart Voland einmal erklärt, war es ein Vorteil, Fremde eher zu Unrecht als gefährlich zu betrachten, als das Risiko zu unterschätzen. (Wer auf „Gastfreundschaft“ als Gegenargument verweist: In der vertrauten Umgebung einige Gäste aufzunehmen, stillt eine andere Neigung: unsere Neugier. Was aber ist, wenn die Gäste beschließen, einzuziehen und die ganze Verwandtschaft nachzuholen?)
Fühlen sich Menschen nun gezwungen, schnell weitgehende Veränderungen zu akzeptieren, die sie selbst gar nicht wollen, ist das also heikel. Machen sie sich bereits aus anderen Gründen Sorgen, etwa aufgrund wirtschaftlicher Entwicklungen oder der Globalisierung und Digitalisierung, wird es umso heikler. Und die Begegnung mit „Fremden“ muss nicht einmal persönlich stattfinden – schon Medienberichte über ihre zunehmende Zahl in der Gesellschaft können Abwehrhaltungen auslösen.
Von Sozialwissenschaftlern wird Fremdenfeindlichkeit allerdings meist genauso so betrachtet wie oben beschrieben: „Als hätten sie von Einsichten in die Evolution des Menschen, in seine vorbewussten und emotionalen Anteile, in die für Kognitionen und Emotionen wichtigen Differenzierungen und Hierarchiebildungen des Gehirnaufbaus nie gehört.“ So hat es Klaus Wahl, selbst Sozialwissenschaftler, 2001 beschrieben. In seinem Fach ging man damals überwiegend davon aus, dass die Wahrnehmung von Menschen als Fremde, insbesondere als „ethnisch Fremde“, lediglich gesellschaftlich konstruiert sei. Und man meinte, „diese gesellschaftlichen Konstruktionen seien kulturelle Phänomene, die quasi aus sich selbst heraus das Handeln von Menschen bestimmen“.
Ein Vierteljahrhundert später ist der Blick auf evolutionäre Prozesse unter Sozialwissenschaftlern Umfragen zufolge noch immer genauso verpönt. Konkret spiegelt sich das etwa in den bekannten „Mitte“-Studien der Universität Bielefeld wider, deren Ergebnisse von den Medien alle zwei Jahre verkündet werden. Der Begriff Fremdenfeindlichkeit wird hier zwar verwendet, aber nur als eine Dimension eines „völkisch-rassistischen Menschenbildes“, das sich ausdrückt „in feindseliger Abwertung von Gruppen, die als ,Ausländer‘ markiert werden.“ Der Begriff sei im wissenschaftlichen Diskurs umstritten, weil er „eine Verzerrung beschreibt, was das dahinterliegende Motiv rassistischer Abwertung betrifft.“ Der Begriff soll in den Studien nur dazu dienen, den „Prozess des Fremdmachens bestimmter Gruppen explizit zu benennen und die entsprechenden Einstellungen als Ergebnis davon darzustellen (Die angespannte Mitte 2025. S. 77. Fettungen durch den Autor.). In der Studie 2023 hieß es bereits, dass der Begriff Fremdenfeindlichkeit „die Vorstellung wiedergibt, dass es sich um ,Fremde‘ oder ,Ausländer‘ handelt und es diese Gruppe gäbe“. Menschen würden „fremd“ gemacht durch „gesellschaftliche und historische Prozesse der Ethnisierung und Kulturalisierung“ (Die distanzierte Mitte. 2023. S 54. Fettung durch den Autor.). Die Autoren sagen also, eine Gruppe von „Fremden“ existiere gar nicht. Wir nehmen Menschen nur als „fremd“ wahr, weil wir gelernt haben, andere Kulturen, Religionen und Ethnien abzulehnen.
Die Verzerrung des Rassismus-Begriffs
Richtig ist: Wir sozialisieren uns in einer Kultur und entwickeln dort Teile unserer Identität. Vor diesem Hintergrund teilen wir Menschen auf in „Wir“ („in-group“) und „die Anderen“ („out-group“) – und bewerten die Mitglieder der eigenen Gruppe in der Regel als wertvoller als alle anderen. Wie stark diese Neigung von frühester Kindheit an vorhanden ist und wie leicht sie aktiviert werden kann, haben gerade sozialwissenschaftliche Studien immer und immer wieder belegt. Und eine wichtige Kategorie unter den „out-groups“ sind natürlich die, die wir als „Fremde“ wahrnehmen.
Was wir in der Gesellschaft beobachten, beginnt also nicht mit dem „Motiv rassistischer Abwertung“ und einem „Prozess des Fremdmachens bestimmter Gruppen“. Das ist erst die zweite Ebene, auf die sich die Sozialwissenschaften allerdings in der Regel beschränken. Das gibt ihnen die Freiheit, Zusammenhänge bis in ihr Gegenteil zu verkehren. So bezeichnet Rassismus eigentlich eine klar definierte extreme Ausprägung von Fremdenfeindlichkeit unter kulturellem Einfluss. Weil die Mechanismen hinter Rassismus jedoch denen anderer Formen von Fremdenfeindlichkeit entsprechen – etwa der Ablehnung anderer Religionen oder kultureller Merkmale – wird auch hier nun von Rassismus gesprochen. Obwohl es nicht um die rassistische Abwertung von Menschen anhand biologischer Merkmale geht.
Den Bielefelder Forschern zufolge hat die Vorstellung von Rassen „immer auch eine ideologische Funktion, beispielsweise, um europäische, weiße Vorherrschaft und den Kolonialismus gegenüber anderen Ländern zu legitimieren“ (Die distanzierte Mitte. 2023. S 156). Und weil die Ablehnung von Migranten oder Fremden jetzt grundsätzlich rassistisch ist, geht es auch hier nun immer und überall nur noch um die „Ideologie“ der Herrschenden.
Wer jedoch die tiefer liegenden Ursachen ignoriert, muss dann darüber rätseln, wieso der „Rassismus“ sich sogar in unseren modernen, liberalen, aufgeklärten Gesellschaften so hartnäckig gehalten hat und angesichts der Migrationsbewegungen (wenn auch nicht nur) immer mehr Menschen die AfD wählen. Wer Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit dagegen als menschliche Neigung begreift, dem dürfte es leichter fallen, vernünftige Maßnahmen gegen sie und ihre Auswüchse zu ergreifen. Ein erster Schritt könnte sein, diejenigen, die sich darüber beklagen, ihr Umfeld würde „durch die vielen Ausländer überfremdet“, nicht nur als Rassisten, rohe Bürger (Wilhelm Heitmeyer) oder Rechtsextreme abzutun, sondern genauer hinzuschauen. Die tieferen Ursachen von Gefühlen und Sorgen verstehen zu wollen, heißt dabei nicht, „Verständnis“ zu haben oder Fremdenfeindlichkeit als naturgegeben hinzunehmen. Solche normativen Fehlschlüsse (das Schließen vom Sein auf das Sollen) werden in der Biologie schon lange strikt abgelehnt. Aber wer Gegenmaßnahmen ergreifen will, sollte wissen, womit wir es zu tun haben. Der Gegner lässt sich bewältigen, aber er ist stärker, als die Sozialwissenschaftler sich das vorstellen. Denn er wurzelt in unserer Stammesgeschichte. Er steckt in unseren Genen.
- Foucault, M. Die Ordnung der Dinge, 1971 / Von der Subversion des Wissens, 1974
- Manzi, D. The ideological orientation of academic social science research 1960–2024. Theory and Society, 55, 2026
- Proulx, T. An ,outgroup’ public won't trust a progressive ,ingroup’ psychology. Current Opinion in Psychology, Vol. 70, 102316, 2026
- Schulte von Drach, M. C. Die Wurzeln der Angst. SZ.de, 9. November 2011
- Voland E. / Meißelbach, C. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 73, 2021
- Wahl, K. et al. Fremdenfeindlichkeit, 2001
Kommentare (19)
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Der Text bricht an genau der…
Der Text bricht an genau der Stelle ab, an der es eigentlich erst interessant wird. Wie genau sollen die Ausführungen des Autors denn dabei helfen, Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit zu ergreifen? Dazu erfährt man nichts konkretes. Es bleibt letztlich nur hängen: "Das steckt halt in den Genen".
malte schrieb: "Es bleibt…
malte schrieb: "Es bleibt letztlich nur hängen: 'Das steckt halt in den Genen'."
.
Womit der Autor aber auch recht hat. Die Diskussion um Migration gehört zu den Konstanten der Menschheitsgeschichte, weil die Migration selbst so alt wie die Menschheit ist. Darum lässt sich sagen: Schon vor einigen tausend Jahren, kurz nach der neolithischen Revolution, damals, als die jagenden und sammelnden Mitteleuropäer ihre Kultur und ihre wirtschaftlichen Grundlagen durch eine Flut von Migranten aus dem Nahen Osten bedroht sahen, schon damals standen sich wohl 'Verteidiger' und 'Entdecker' (1) gegenüber. Und die 'Verteidiger' mitteleuropäischer Kultur und Lebensart hatten damals ja auch recht: Der menschliche Rücken ist einfach nicht dafür gemacht, dass man den ganzen Tag gräbt und ackert. 'Das steckt halt in den Genen'.
Trotzdem: Obwohl Rückenprobleme seitdem zur Volkskrankheit geworden sind, bin ich – und ich kann da wirklich nur für mich sprechen – im Nachhinein sehr froh über die neuen Impulse, die diese Migranten nach Mitteleuropa brachten. Aber klar: Ich hätte schon damals zu den 'Entdeckern' gehört, die das 'Problem' im Stadt- bzw. Landschaftsbild einfach nicht sehen wollten.
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(1) https://fowid.de/meldung/identitaetskonflikte-europa
malte schrieb: "Wie genau…
malte schrieb: "Wie genau sollen die Ausführungen des Autors denn dabei helfen, Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit zu ergreifen?"
Der Autor legt uns nahe, dass Fremdenfeindlichkeit quasi in den Genen liegt. Das entschuldigt natürlich vieles: z.B. Clausnitz → https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_gegen_Fl%C3%BCchtlinge_in_Clausnitz
Was der Autor leider gar nicht einbezieht, ist, dass der Mensch auch ein vernunftbegabtes Wesen ist.
Wollte gerne darauf hingewiesen haben. Danke.
Warum sollten sich in einem…
Warum sollten sich in einem kontingenten naturgeschichtlichen Prozess die Begabung für Vernunft und Fremdenfeindlichkeit quasi kategorisch ausschließen? Ich kann - auch wegen des "Ortes" hpd, an dem wir uns hier befinden - nur vermuten, dass bei vielen, die Vernunft(anwendung) anmahnen in der Behandlung gewisser Dinge, zugleich implizit bereits ein ganzes normatives und in seinem Anspruch universales Menschenbild im Hintergrund mitläuft dahingehend, wie "der Mensch" nicht zuletzt in seinem Verhalten sein sollte, und das vor allem das Negativspektrum menschlicher Emotionalität, also z.B. Wut, Hass, Ablehnung etc., a priori ausgeblendet lässt - schließlich gibt es doch angeblich inzwischen zivilisatorische Standards, die immer für einen entsprechenden Appell gut sind. Stattdessen wäre es vielleicht der Erkenntnis förderlicher, den normativen Olymp auch mal wieder zu verlassen und (weiterhin) zu schauen, wie homo sapiens im 21. Jahrhundert tatsächlich (nicht nur in Deutschland!) in seinem Denken, Fühlen und Handeln nach wie vor IST. Der reflexartige Sprung von einer im Artikel thematisierten biologischen Ebene der Gene zu einer darin gesehenen (?) - böse, böse - möglichen Entschuldigung konkreten fremdenfeindlichen Handelns ist jedenfalls ein "Danke-für nichts-Hinweis", der moralisch wohlfeil agiert und lediglich routiniert einen Biologismus-Verdacht durchscheinen lässt. Der Artikel-Autor jedenfalls hat nichts diesbezüglich Entschuldigendes vorgetragen, aber womöglich sind Humanisten (?) mitunter bereits durch Beschreibung beunruhigt, ein bestimmtes Menschenbild könnte (empirisch) fallen.
Ich glaube nicht, dass der…
Ich glaube nicht, dass der Autor irgendetwas entschuldigen will. Aber er stellt eine letztlich spekulative These in den Raum und bietet auch keine Lösung für das beschriebene Problem an. Das bietet zum einen keinen Erkenntnisgewinn und zudem in dieser Form unverantwortlich.
Ursachen zu erkennen und zu…
Ursachen zu erkennen und zu benennen, ist doch schon mal ein wichtiger Schritt, würde ich sagen. Für einen Maßnahmenkatalog fehlt hier zum einen der Platz, zum anderen könnten von den Ursachen ausgehend - wenn sie denn mal nicht ignoriert würden - auch andere Leute vernünftige Maßnahmen entwickeln. (Vielleicht in den Sozialwissenschaften?) Das wäre jedenfalls meine Hoffnung.
Es stimmt, dass die…
Es stimmt, dass die Evolutionstheorie, also die menschliche Biologie, in den Sozial- und Kulturwissenschaften kaum eine Rolle spielt. Dafür mögen auch linke Einstellungen der Forscher verantwortlich sein.
Es gibt allerdings auch eine forschungshistorische Erklärung. Die Evolutionstheorie wurde im 19. Jahrhundert sozial- und kulturdarwinistisch fehlinterpretiert, z. B. eine Evolutionsgeschichte der Religionen mit einer evangelischen Lesart an der Spitze der Evolution. Die damalige "Forschung" führte direkt in den deutschen Faschismus, s. Tübinger Religionswissenschaft und dazu die Habil von Horst Junginger.
Auch wenn heutige Evolutionstheorien zu einem besseren Verständnis des Menschen und seines sozialen Gefüges beitragen könnten, scheut man sich ein wenig davor, sie anzuwenden.
Zusätzlich kommt erschwerend hinzu, dass sozial- und kulturwissenschaftliche Theorien nicht den Grad der Modellbildung und Theoretisierung erreichen, wie dies bei biologischen Theorien der Fall ist.
Die Vorausüberlegung des…
Die Vorausüberlegung des Essays entspricht offensichtlich dem Dictum Dawkins', wonach nichts in den Geisteswissenschaften einen Sinn ergebe, außer im Lichte der Biologie. Das ist schon deshalb zweifelhaft, weil Biologie und Kultur in einer Wechselwirkung stehen; das Dictum ließe sich also genauso gut andersherum formulieren.
Rassismuskonzepte, die über biologischen Rassismus hinausgehen, hat es bereits vor Generationen gegeben. Insofern ist es unrichtig, von einer Aufweichung des Rassismusbegriffes zu sprechen. Kulturbezogener Rassismus wird – worüber man streiten kann – nicht nur deshalb als Rassismus beschrieben, weil die in ihm liegenden Mechanismen denen des "klassischen" Rassismus gleichkommen, sondern weil die Grenzen zwischen biologischen und kulturellen Merkmalen sprachlich und ideologisch torpediert werden.
Die Behauptung, die Sozialwissenschaften könnten zur Verbesserung der Gesellschaft nichts beitragen oder hätten das nicht, ist, vorsichtig ausgedrückt, kühn. Neu ist sie allerdings nicht. Dass Geisteswissenschaftler in erster Linie am wirklichen Geschehen vorbeidiskutierten und nur ein Luxus einer modernen Gesellschaft wären, liest man ständig. Allein, wo ist der Beweis dafür, dass ohne eine zunehmend liberal und links geprägte Wissenschaftslandschaft die Aufwärtsentwicklung der Menschenrechte im Westen in den letzten 50 Jahren genauso stattgefunden hätte?
Anders als suggeriert wird, ist auch die Forschung in den vermeintlich "exakten" Wissenschaftszweigen nie frei von Prämissen, Vorannahmen und Verzerrungsmomenten, die sich ideologisch ansiedeln lassen. Es gibt keine völlig objektive und ergebnisoffene Wissenschaft, diese ist ein Ideal, das man verfolgen kann, aber nicht erreichen wird.
"Allein, wo ist der Beweis…
"Allein, wo ist der Beweis dafür, dass ohne eine zunehmend liberal und links geprägte Wissenschaftslandschaft die Aufwärtsentwicklung der Menschenrechte im Westen in den letzten 50 Jahren genauso stattgefunden hätte?"
Es ist nicht Sache der (Sozial-/Geistes-)Wissenschaft, einer normativen und durchaus kritikablen Idee zur Aufwärtsentwicklung zu verhelfen. Eben bei so etwas beginnt der Umschlag von Wissenschaft in politischen Aktivismus; von jeher geradezu anmaßend-arrogant demonstriert von denjenigen, die als "Kritische Theorie" schon im Beiwort ihr Engagement bekunden und zur Schaffung der vermeintlich besseren Welt beitragen wollen.
"Das ist schon deshalb zweifelhaft, weil Biologie und Kultur in einer Wechselwirkung stehen; das Dictum ließe sich also genauso gut andersherum formulieren."
Ist es nicht, und insofern lässt sich hier auch nichts andersherum formulieren. "Kultur" ist immer nur derjenige Modus, den die Spezies Mensch zum Zwecke des Überlebens für sich im Laufe der - vorgängigen, mitgängigen, nachgängigen -Naturgeschichte ausdifferenziert und - nicht zuletzt in Abhängigkeit von dem sich in der Menschheitsgeschichte evolutiv erweiternden kognitiven Raum der Gattung - weiter und durchaus subtil elaboriert hat. Dabei hat das Menschentier - aus ex-post-Perspektive leider, aber so lief es halt - auch die Ressource "Einbildung" kultiviert und neben allerlei Göttern auch die toxischen Leit-Dichotomien Mensch/Natur - Natur/Kultur - Mensch/Welt in die Geistesgeschichte eingebracht, die eine Position des "daneben" für den Menschen suggerieren und bis heute verheerend wirken. "Kultur" ist eben nicht "Natur" neben- oder womöglich nachgeordnet, sondern unaufhebbar integraler Bestandteil der Naturgeschichte. Dies gilt weiterhin trotz der vielfachen Artefakte, die der Mensch generiert hat, und trotz der vielen Leistungen, die er sich zugutehält (Einstein, Mozart, Goethe usw. usf.) selbst noch in der Welt des 21. Jahrhunderts. Auch z.B. in der High-Tec-Küche braucht es i.d.R. noch einen hinreichenden Luftdruck, der ausreichend Sauerstoff in die Lungen presst .....
Es mag sein, dass der Klimawandel diese wohletablierte Verkennung der "Stellung des Menschen im Kosmos", der m.E. auch Humanisten gerne anhängen und die sich zwangdläufig auch in Hinsicht auf Normen und Werte ausgewirkt hat, gründlich dekonstruiert.
Herzlichen Dank dem Autoren…
Herzlichen Dank dem Autoren für seinen triftigen Stich ins Wespennest. Das Sendungsbewusstsein mancher akademischer Milieus in den Sozial-/Geisteswissenschaten, ihr Weltverbesserungsimpetus entlang bevorzugter Ideologie(en) ist vielfach unerträglich. (Btw: verbeamtete Professoren werden vom Steuerzahler alimentiert.) Kann man von einem Professor für Theologie ergebnisoffene Forschung erwarten? Nein. Kann man dies z.B. von einer Professorin für Gender Studies, die ja wie Pilze aus dem Boden schießen? Nein. Diese akademischen Milieus sichern vor allem ihre eigene Subsistenz, gerne auch im Wechselspiel mit sich "progressiv" dünkenden Medien, die als Multiplikatoren der vermeintlich neuen und hochrelevanten, augenöffnenden "Erkenntnisse" wirken und damit ersteren Kreisen angebliche Bedeutsamkeit verleihen. Wer in solchen Zusammenhängen - also in Anwendung auf den Menschen und die Sozialsphäre -Naturwissenschaften ins Spiel bringt, erntet schnell den Biologismus-Vorwurf.
Mehr zur Biophobie der…
Mehr zur Biophobie der Soziologie (Ignoranz gegenüber Evolution, Genetik, Emotionen, frühe Persönlichkeitsentwicklung etc.):
> Klaus Wahl: Kritik der soziologischen Vernunft. Sondierungen zu einer Tiefensoziologie. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2000
Mehr zum Zusammenspiel vorpolitischer und politischer Faktoren bei der Entwicklung von Aggression, Fremdenfeindlichkeit, rechtsradikalen politischen Einstellungen (Gene, Epigenetik, Schwangerschaftseinflüsse, frühe Bindungs- und Erziehungserfahrungen in Familie, Kita, später in Schule, peer groups, Medieninhalten, ökologisch-ökonomisch-kulturelle Umwelt)
sowie
Prävention beginnend bei vorpolitischen Emotionen und psychosozialen Mechanismen statt mit zu später (kognitiver) politischer Bildung:
>Klaus Wahl: Die Radikale Rechte. Biopsychosoziologische Wurzeln und internationale Variationen. Wiesbaden: Springer VS 2023
>Klaus Wahl: The Radical Right. Biopsychosocial Roots and International Variations. London: Palgrave Macmillan / Cham: Springer Nature Switzerland 2020
>Klaus Wahl: Was führt zu Aggression, was zu Toleranz? Eine Analyse mit dem Schwerpunkt Fremdenfeindlichkeit. In: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Theorie und Praxis gesellschaftlichen Zusammenhalts. Berlin: BMI 2008, S. 115-136
>Klaus Wahl/Christiane Tramitz/Jörg Blumtritt: Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen. Opladen. Leske + Budrich 2001
Schön, dass Sie hier sind,…
Schön, dass Sie hier sind, Herr Wahl, und danke für die Liste!
Ja, es steckt in den Genen…
Ja, es steckt in den Genen. Es steckt in jedem von uns.
Es ist die Frage nach dem Umgang damit. Inwiefern kann Erziehung auf die geänderte Weltlage reagieren? Schließlich leben wir in einer global vernetzten Welt, alles hängt mit allem zusammen. Fast nichts ist noch trennbar. Daher funktionieren alle Konzepte der (überwiegend) rechten Populisten nicht, durch Abkapselung oder Nationalismus, ja Rassenfanatismus irgendein Problem lösen zu wollen.
Im Gegenteil: Eine Abnabelung von der Welt würde uns zur Plazenta machen! Es muss also eine Neubewertung des Zusammenlebens auf unserer einzigen Welt stattfinden. Das erfordert Einsicht, aber auch Berücksichtigung der Gene.
Ich greife ein anderes Beispiel heraus, wo ich ebenfalls einen ideologisch/biologischen Konflikt sehe: Die Wirkungen der Geschlechter aufeinander.
Männer schauen auf Frauenhintern. Frauen wollen das nicht (ich verallgemeinere hier bewusst). Warum schauen Männer auf Frauenhintern? Um sie zu erniedrigen? Um sich darüber lustig zu machen? Defacto weiß jeder, wozu ein Hintern biologisch-funktionell da ist. Die Attraktion, die er auf Männer ausübt, muss also einen in den Genen verankerten Sinn haben. Dieser hängt mit der Fortpflanzung zusammen.
Genauso die männliche Beurteilung von weiblichen Brüsten. Man muss sich nur die Venus von Willendorf anschauen. Seit Jahrtausenden fühlen sich Männer von breiten Becken, prallen Hintern und dicken Brüsten angezogen. Weil derart ausgestattete Frauen Garanten für Nachwuchs sind. Und um was geht es in der Evolution ausschließlich? Um Arterhaltung, nicht um Erhaltung des Individuums. Daher ist der Sexualtrieb der mit Abstand stärkste Trieb. Er musste vor allem Hunderttausende Jahre lang völlig automatisch funktionieren, weil es erst seit etwa 50 Jahren Sexualkundeunterricht gibt. Und er hat bei allen Vorfahren jedes lebenden Menschen funktioniert, weil es ihn sonst nicht gäbe.
Jetzt kollidiert dies mit einer neuen Einstellung mancher Frauen, die nicht mehr als "Sexualobjekt" wahrgenommen werden wollen. So stecken wir als Gesellschaft in einem Dilemma: Da das Patriarchat erwiesenermaßen frauenunterdrückend wirkte, muss dieses in einer Gesellschaft, die Artikel 3 GG ernstnimmt, abgeschafft werden. Das geht aber "von oben diktiert" nur in der Gesetzgebung und sonstigen gesellschaftlichen Regeln. Die Gene lassen sich davon vielleicht in zehntausend Jahren beeindrucken.
Es kommt noch erschwerend dazu, dass sich viele (die meisten?) Frauen genauso "genetisch" verhalten wie Männer. D. h. sie stellen gerade die "Sexualreize" besonders heraus, durch Kleidung, Make-up oder sogar plastische Chirurgie. Natürlich folgen sie damit dem gleichen Genprogramm wie die Venus von Willendorf, weil auch ihr stärkster Trieb die Reproduktion ist. Ob das jedem oder jeder bewusst ist, spielt keine Rolle.
Wir brauchen also - wie beim Thema "Fremde" - gesellschaftliche Regeln/Absprachen, wie wir damit umgehen, dass niemand über Gebühr benachteiligt wird. "Über Gebühr" ist dabei das Zauberwort, denn die "reine Lehre" kann es nicht geben, wenn genetische Dispositionen auseinanderprallen. Frauen sollten es also ertragen, von Männern als Frauen wahrgenommen zu werden und Männer müssen es ertragen, wenn die Frau nicht jeden Mann als potentiellen Partner zur Reproduktion auswählt...
Vom biologischen…
Vom biologischen Gruppenwesen zum demokratischen Kulturbildner
Der Mensch trägt evolutionär entstandene Dispositionen zur Unterscheidung von Eigen- und Fremdgruppen in sich. Unter Unsicherheit und wahrgenommener Bedrohung können diese Mechanismen Abgrenzung, Misstrauen und Feindseligkeit verstärken. Eine demokratische Gesellschaft kann solche Dispositionen weder durch moralische Appelle noch durch Wissensvermittlung abschaffen.
Dieselbe menschliche Entwicklung hat jedoch eine zweite Fähigkeit hervorgebracht: Menschen können in überschaubaren Gruppen gemeinsame Wirklichkeiten erzeugen. Sie können Erfahrungen vergleichen, Probleme benennen, Bedeutungen aushandeln, Regeln vereinbaren, gemeinsam handeln und diese Regeln anhand ihrer Folgen wieder verändern.
Auf dieser Fähigkeit beruht Kultur.
Kultur ist damit nicht lediglich etwas, das einer neuen Generation vermittelt wird. Sie ist eine von Menschen gemeinsam erzeugte soziale Umwelt, die anschließend auf ihre Mitglieder zurückwirkt und von jeder Generation erneut angeeignet, verändert und weitergegeben wird.
Moderne Großgesellschaften haben jedoch die Größenordnung überschritten, in der dieser Kulturbildungsprozess unmittelbar stattfinden kann. Millionen Menschen teilen Gesetze und Institutionen, ohne einander persönlich zu kennen. Der politische Kulturraum bleibt daher leicht abstrakt, während intensive Zugehörigkeit weiterhin vor allem in überschaubaren Familien-, Peer-, Milieu- und Identitätsgruppen entsteht.
PSI-21 versucht, diese Größenordnungsgrenze institutionell zu überbrücken. Die menschliche Kleingruppe bleibt der Ort der eigentlichen Verständigung und Kulturbildung. Viele solcher Dialogräume werden über Schulen und Jugendkohorten miteinander verbunden. Eine transparente Human-KI-Struktur unterstützt die Verbindung der Ergebnisse, ohne die menschliche Aushandlung zu ersetzen. Politik und Verwaltung stellen durch nachvollziehbare Antworten die Rückbindung an die gemeinsame gesellschaftliche Wirklichkeit her.
Besonders bedeutsam ist dieser Prozess während der jugendlichen sozialen Neuorientierung. Jugendliche übernehmen die Kultur ihrer Herkunft nicht lediglich. Sie begegnen neuen Gruppen, neuen Lebensbedingungen und anderen kulturellen Deutungen und entwickeln daraus ihre eigene gesellschaftliche Orientierung.
PSI-21 gibt diesem ohnehin stattfindenden Revisionsprozess einen demokratischen Raum.
Jugendliche dürfen bestehende Selbstverständlichkeiten irritieren. Ihre Irritation wird nicht pädagogisch neutralisiert, sondern mit anderen Wahrnehmungen, Fachwissen, Grundrechten und institutioneller Verantwortung konfrontiert. Daraus können neue Regeln und Handlungsformen entstehen.
Werden solche Veränderungen praktisch wirksam, entsteht zugleich kulturelle Rückbindung: Die Beteiligten erleben eine neue Regel nicht nur als Vorgabe von außen, sondern als Teil einer gemeinsamen Geschichte ihrer Entstehung.
PSI-21 möchte damit eine menschliche Fähigkeit kultivieren, die in modernen Großgesellschaften leicht verschüttet wird: durch gemeinsames Handeln nicht nur auf Kultur zu reagieren, sondern Kultur gemeinsam hervorzubringen.
Das Ziel ist deshalb weder Anpassung noch konfliktfreie Harmonie. Es ist eine disruptiv-konstruktive Demokratie, die jeder neuen Generation einen geschützten Raum eröffnet, überlieferte kulturelle Muster an einer veränderten Wirklichkeit zu prüfen und ihre Gesellschaft dialogisch weiterzuentwickeln. (psi-21.info)
Danke für diesen Essay, der…
Danke für diesen Essay, der das auf den Punkt bringt, was ich seit Jahren beobachte: dass beim Diskurs um "unerwünschte Verhaltensweisen" wie z.B. Fremdenfeindlichkeit und geschlechtsspezifisches Verhalten wissenschaftliche Fakten, die die (Evolutions-)Biologie klar bezeichnen kann, ignoriert bzw. abgelehnt werden.
Stattdessen werden die problematischen Verhaltensweisen auf die moralische Ebene gehoben, was ihre Ursachen verdreht und gleichzeitig die Lösung in der Gesellschaft erschwert bzw. gänzlich unmöglich macht.
Genauso wie die Religion, die dasselbe schon seit Jahrtausenden macht und damit Teil des Problems, nicht Teil der Lösung ist.
Ich mache mir große Sorgen, weil die zunehmende Popularität rechter und antidemokratischer Parteien nicht an den wahren Ursachen angegangen werden.
(Und sowas nennt sich "Wissenschaft").
"Wer Fremdenangst…
"Wer Fremdenangst ausschließlich als anerzogenes Vorurteil, rassistische Konstruktion oder Herrschaftsinstrument behandelt, untersucht nicht mehr, warum sie entsteht. Er verurteilt sie lediglich."
Ein Artikel dieser Qualität entschädigt für die zahlreichen reichlich schlichten Anti-AfD-Beiträge im hpd. Wenn sich dessen einschlägige Autoren hauptsächlich an der AfD abarbeiten, deren Migrationspolitik zu Recht oder zu Unrecht kritisieren, abweichende Sichtweisen aber kaum zu Wort kommen lassen, gerät dieser Humanismus bedenklich nahe an den Papageienjournalismus jener Leitmedien, die er ansonsten selbst kritisiert.
In der Konsequenz lautet die unausgesprochene Botschaft der hpd-Brandmauer: Wählt lieber die vermeintlich humanismusaffinen Parteien – selbst wenn deren maßgebliche Vertreter wie Pistorius, Kiesewetter oder Hofreiter immer neue Waffenlieferungen, Aufrüstung und militärische Stärke verlangen. Weshalb diese Politik humanistischer sein soll, müsste der hpd erst einmal erklären.
Die Giordano-Bruno-Stiftung und der hpd erfüllen dennoch eine wichtige und unterstützenswerte gesellschaftliche Funktion. Gerade deshalb ist ihre politische Einseitigkeit so bedauerlich. Gelegentlich entsteht der Eindruck, dass man kritische Geister zwar gern beschwört, einen Abweichler wie mich aber lieber auf den symbolischen Scheiterhaufen schicken würde.
Pflegt also ruhig weiter eure AfD-Brandmauer-Denkschule. Mein Motto lautet – mit Peter Brandt gesprochen – „Sich ändern, um sich treu zu bleiben“. Als ehemaliges SPD- und Grünen-Mitglied fühle ich mich jedenfalls nicht verpflichtet, meinen politischen Standort für alle Zeiten einzufrieren.
Wenn mir der von Richard David Precht beklagte „deutsche Massenwahn“ und das Merz-Pistorius-Kriegsgeschrei Angst machen, suche ich politische Alternativen auch beim BSW oder bei der AfD. Und zur Lage der Nation lese ich inzwischen mitunter lieber Ulrike Guérot als den hpd.
Peter Brandt:
http://generalkritik.de/beitraege/peter-brandt-sich-aendern-um-sich-treu-zu-bleiben/
Ich sehe zwischen der im…
Ich sehe zwischen der im Artikel geäußerten Position und der des hpd keinen Widerspruch.
Sicher mag einem bei SPD, CDU oder GRÜNEN einiges oder auch vieles nicht gefallen. Mir auch.
Doch die AfD auch nur als hypothetisch wählbar ins Auge zu fassen, grenzt an politische Blindheit. Diese Partei ist mit ihrer Grundhaltung unerträglich menschenverachtend. Ab und zu finden sich in Unionsparteien ähnlich unsägliche Sprüche. Aber die AfD hat eindeutig den Löwenanteil daran...
Lieber Herr Kammermeier, ich…
Lieber Herr Kammermeier, ich lese seit nunmehr 13 Jahren regelmäßig den hpd und Bruno - ich kenne viele ihrer Meinungen. Meine Hoffnung ist, das wir uns auch auf dem Niveau des hpd eines Tages respektvoll und auf Augenhöhe ungeschminkt alles Erforderliche sagen können. Und wenn ich z. B. die Meinungen von Prof. Neuhaus (EU-Parlament) oder Dr. Rotfuß (Bundestag) (beide AfD) für gut erachte, würde ich es auch im hpd äußern dürfen. Mein Augenmerk liegt immer, auf das was gesagt wird und nicht wer es sagt. Sie dürfen gern mal eines meiner 120 Beiträge im Internet auf meiner Seite lesen und auch gerne auch einen Beitrag schreiben. Ich versichere Ihnen schon jetzt, dass er zu 100% veröffentlicht wird - egal was Sie als Gastbetrag schreiben. :http://generalkritik.de/
Es geht nicht um einzelne…
Es geht nicht um einzelne Stimme in der AfD, die positiv sein mögen. Das macht die Partei nicht besser in ihrer Ausrichtung, wie eine der demokratischen Parteien nicht schlechter in ihrer Ausrichtung wird, weil einzelne Stimmen blödes Zeug erzählen.
Parteien setzen sich aus einzelnen Personen zusammen, die unterschiedlichste Gründe haben, warum sie in dieser oder jener Partei aktiv sind. Für mich sind fast alle der "Köpfe" der AfD unerträglich. Ihr Menschenbild, ihr Vergangenheitsbild, ihr Zukunftsbild, selbst ihr Gegenwartsbild. Unerträglich! Es geht doch letztlich darum: Was würde die Partei initiieren, wenn sie eines Tages an die Macht käme?
Wenn sie in ihrem Wahlprogramm nicht völlig gelogen hat, dann ist das nichts Gutes. Wir leben nicht auf dem Planeten Deutschland, sondern auf dem Planeten Erde. Wer nicht dessen Einigung anstrebt, um die vielen Konflikte zu lösen und die Umwelt zu heilen, der hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden.
Was wir brauchen, sind Parteien, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Das haben die Parteien der Mitte auch nicht völlig, aber die AfD hat sie gar nicht begriffen...