Wie junge Orang-Utans lernen, wirkt sich auf ihr Überleben aus

Wie viel Wissen sich ein wilder Orang-Utan im Laufe seiner langen Entwicklung aneignet, hängt von seinen individuellen Tendenzen für soziales und individuelles Lernen ab. Das ergab eine Studie des Max Planck Instituts für Verhaltensbiologie, in Zusammenarbeit mit der Universitas Nasional in Indonesien.

junger Orang Utan
Junger Orang Utan im Zoo Leipzig

Junge Orang-Utans verbringen ihre ersten acht Jahre bei ihrer Mutter und während dieser Zeit können sie auf ihr Wissen zurückgreifen. Danach sind sie auf sich alleine gestellt. Um dann gut zurechtzukommen, muss das Jungtier viele Fähigkeiten erlernen, um zu überleben. Die wichtigste ist, sich zu ernähren. Das Nahrungsspektrum eines erwachsenen Orang-Utans im Regenwald umfasst zirka 250 verschiedene Nahrungsquellen, darunter auch solche, die potenziell giftig sind. Bevor sie sich von der Mutter trennen, müssen junge Orang-Utans lernen, wie verschiedene Nahrungsquellen, zum Beispiel hartschalige Früchte, verarbeitet werden, und wann und wo diese im Regenwald zu finden sind.

„Wie lernen junge Orang-Utans in den ersten Lebensjahren das komplexe Nahrungsspektrum kennen?“ fragt Revathe Thillaikumar, Marie Sklodowska-Curie-Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie.

Die menschliche Entwicklung liefert Hinweise. Während unserer Evolutionsgeschichte haben wir Menschen eine immense Bandbreite an Fähigkeiten entwickelt, die für das Überleben über viele Entwicklungsjahre hinweg notwendig sind. Viele dieser Fähigkeiten, wie etwa das Wissen über Nahrungsressourcen oder Jagdtechniken, werden kulturell durch ein komplexes Zusammenspiel von unterschiedlichen Formen des sozialen und individuellen Lernens erlangt.

„Dennoch ist es bis heute nicht bekannt, ob und wie wilde Tiere unterschiedliche Formen des Lernens kombinieren, um überlebensrelevante Fähigkeiten zu entwickeln“, sagt sie.

In einer neuen Studie zeigt das Team um Revathe Thillaikumar, dass wilde Orang-Utans ihre breiten Nahrungsspektren durch ein faszinierendes Zusammenspiel von sozialem und individuellem Lernen während der Entwicklungsphase erlernen. Die im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, in Zusammenarbeit mit der Universitas Nasional in Indonesien, zeigt erstmalig, dass verschiedene Formen des Lernens über viele Jahre hinweg zusammenspielen und so ein breites Spektrum an ökologischen Fähigkeiten aufbauen, die für das Überleben von wilden Menschenaffen entscheidend sind.

Lernen durch Beobachten und Ausprobieren

Forschende sind sich einig, dass Tiere lernen müssen, um sich die Fähigkeiten anzueignen, die sie zum Überleben in freier Wildbahn benötigen. Umstritten ist jedoch, in welchem Maße Tiere von ihren Artgenossen lernen (soziales Lernen) oder sich diese Fähigkeiten durch eigenes Ausprobieren aneignen (individuelles Lernen).

Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig, besonders bei langlebigen Arten wie Menschenaffen. „Um wirklich zu verstehen, wie diese Formen des Lernens zu Fähigkeiten und Wissen führen, müssen wir Lernereignisse direkt mit konkreten, messbaren Ergebnissen wie der Ernährung verknüpfen. Da sich Orang-Utans jedoch so langsam entwickeln, liegen zwischen dem Lernen und den sichtbaren Veränderungen im Verhalten oft mehrere Jahre,“ sagt Caroline Schuppli, Seniorautorin der Studie und Leiterin der Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie.

Ein detaillierter Datensatz

Die Forschenden bewältigten diese Herausforderung, indem sie auf Langzeitdaten vom Forschungsgebiet Suaq Balimbing, Gunung Leuser National Park in Indonesien, zurückgriffen. Dort werden wilde Sumatra Orang-Utans von einem internationalen Team von Forschern und Feldassistenten über ihr gesamtes Leben hinweg beobachtet. Für die Studie wertete das Team Daten von 21 jungen Orang-Utans aus, die von Geburt bis zur Selbstständigkeit im Alter von etwa 8,5 Jahren gesammelt worden waren. Über 4.700 Beobachtungsstunden hinweg untersuchten sie drei Schlüsselverhaltensweisen: aktives Beobachten der Mutter oder anderer Artgenossen (als Verhaltensindikator für soziales Lernen), das Explorationsverhalten / aktive Untersuchen von unterschiedlichen Objekten in ihrem Lebensraum (als Verhaltensindikator für individuelles Lernen) und welche Nahrungsmittel sie erfolgreich ohne Hilfe der Mutter zu sich nahmen (als Indikator für ökologische Kompetenz).

Thillaikumar arbeitete mit dem Statistiker Paul-Christian Bürkner von der TU Dortmund zusammen, um knapp 7.000 Beobachtungen von sozialem und individuellem Lernen zu analysieren. Dabei wurde die Entwicklungsgeschichte jedes Tieres getrennt untersucht, um zu bestimmen, wie das individuelle Lernverhalten mit seinem späteren Nahrungsspektrum zusammenhängt. „Die Tatsache, dass wir die Entwicklung jedes Tieres einzeln analysiert haben, war ein wichtiger Schlüsselaspekt unserer Studie, denn nur dadurch konnten wir erstmals untersuchen, wie Lernen und das Erlangen von Fähigkeiten zusammenhängen“, sagt Thillaikumar.

Zwei Formen von Lernen

Die Forschenden stellten fest, dass sich junge Orang-Utans erheblich darin unterschieden, wie sehr sie sozial und individuell lernten. „Es hat uns verblüfft, wie unterschiedlich junge Orang-Utans lernen,“ fügt Thillaikumar hinzu. Trotz aller Unterschiede zeigten alle Menschenaffen deutlich mehr soziales Lernen als individuelles Lernen – bis zu fünfmal mehr im Durchschnitt.

„Sich Fähigkeiten nur durch individuelles Lernen anzueignen, kann sehr riskant für einen jungen Orang-Utan sein, besonders für Jungtiere, die sich noch im Wachstum befinden und es sich daher nicht leisten können, neue Möglichkeiten, sich zu ernähren, zu verpassen. Daher scheint es sicherer zu sein, Verhaltensweisen von erfahrenen Vorbildern wie der Mutter abzuschauen und von ihnen zu lernen,“ erklärt Schuppli.

Soziales Lernen trägt dreifach bei

Wenn Jungtiere sozial lernten, führte das dazu, dass sie direkt im Anschluss bis zu über 2,5 Stunden ein erhöhtes Explorationsverhalten zeigten. „Jedes Mal, wenn ein Jungtier einem anderen Tier ein Verhalten abschaute, hatte das einen anhaltenden Effekt auf das nachfolgende Explorationsverhalten,“ sagt Thillaikumar. Um die Effekte von individuellem und sozialem Lernen genau zu bestimmen und um zu testen, wie beide Lernstrategien zusammenspielen, wurde schließlich nur Explorationsverhalten berücksichtigt, welches unabhängig vom Tier initiiert worden war.

So fand man heraus, dass individuelles und soziales Lernen über den gesamten Entwicklungszeitraum hinweg zusammenspielt. Jungtiere, die beide Lernstrategien in hohem Maße zeigten, hatten letztendlich die breitesten Nahrungsprofile. Dagegen hatten Jungtiere, die kaum Zeit in Lernen investierten, die eingeschränktesten Nahrungsprofile, wobei sich die höchsten und niedrigen Werte um das Dreifache unterschieden.

Erhöhtes soziales Lernen konnte geringes individuelles Lernen sogar teilweise kompensieren, indem es das Nahrungsspektrum erweiterte. „Soziales Lernen ist zum Großteil für das Erlernen des Nahrungsspektrums verantwortlich. Das zeigt, wie bedeutsam es im Leben von Menschenaffen ist,“ fügt Thillaikumar hinzu.

Die Ergebnisse regen zu einem differenzierten Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen an. „Es geht um mehr als nur soziales und individuelles Lernen,“ sagt Schuppli. „Es geht um das Zusammenspiel von komplexen Lernmechanismen, das die Entwicklung eines breiten Spektrums überlebensrelevanter Fähigkeiten bei einem unserer nächsten lebenden Verwandten in freier Wildbahn vorantreibt. Das wiederum legt nahe, dass das anspruchsvolle kulturelle Lernen bei Menschen tiefe evolutionäre Wurzeln hat.“

Wie Lernen und Überleben zusammenspielt

Die Resultate zeigen zwar, dass erhöhtes Lernen zu einem breiteren Nahrungsspektrum führt. Dennoch bleibt die Frage offen, wie genau dieser Vorteil entsteht. „Lernen junge Orang-Utans mehr über potentielle Nahrungsquellen, oder werden sie besser beim Lernen an sich?“ fragt Thillaikumar.

Das Team plant nun, sich nicht nur auf die bloße Breite des Nahrungsspektrums zu beschränken, sondern zudem zu untersuchen, ob Lernen auch die Kalorienaufnahme verbessert, und letztendlich, ob dies tatsächlich auch Auswirkungen auf Überleben und Fortpflanzung hat.

„Fragen dieser Art können nur beantwortet werden, wenn man Orang-Utans in ihrem natürlichen Lebensraum von Geburt an bis zu ihrem Tod beobachtet,“ sagt Co-Autorin Sri Suci Utami-Atmoko von der Universitas Nasional in Indonesien. „Langzeitstudien in freier Wildbahn bieten den zeitlichen und räumlichen Rahmen, langlebige Tiere über ihr gesamtes Leben hinweg zu begleiten. Die Orang-Utans geben uns einen Einblick, wie sich Kultur und Überleben im Laufe der Evolution beeinflusst haben.“ (mpg)

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