Analyse

Religion und LGBTQ: Was entscheidet, ob Glaube schützt oder schadet?

Ist Religion für LGBTQ-Personen eher Risiko oder Schutz? Eine Übersichtsarbeit mit 50 Studien zeigt, warum einfache Antworten zu kurz greifen und es entscheidend auf Identität, Zugehörigkeit und konkrete religiöse Erfahrungen ankommt. Pauschale Aussagen über den Nutzen oder die Gefahren von Religion sind wissenschaftlich nicht gedeckt.

Symbolbild
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Ob Religion als positiv oder negativ, als gut oder schlecht bewertet oder gar verdammt beziehungsweise in den Himmel gelobt wird, hängt von den Interessen und der Perspektive des Betrachters ab. Allzu oft wird über Religion pointiert gestritten, wobei die jeweiligen Parteien nicht selten auf selektive und unvollständige Informationen zurückgreifen. So erging es auch den Autoren einer Bochumer Studie, die das Auftreten von Angststörungen mit geringer Religiosität in Verbindung brachte und dabei die notwendige Differenziertheit vermissen ließ (der hpd berichtete).

Denn was genau ist eigentlich Religiosität? Welche Dimensionen müssen unterschieden werden? Und welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle, wenn man den Wert und Nutzen von Religion überhaupt bestimmen will? Ähnliche Fragen dürfte sich auch Michael A. Goodman in seinem 2024 veröffentlichten Review-Artikel „Associations between religion and suicidality for LGBTQ individuals: A systematic review“ in der Fachzeitschrift Archive for the Psychology of Religion gestellt haben.

Goodman untersuchte 50 zwischen 2000 und 2022 veröffentlichte Studien und ging der Frage nach, inwiefern Religion mit Suizidalität bei LGBTQ-Personen zusammenhängt. In 65 Prozent der Studien fand er mindestens einen religionsbezogenen Risikofaktor für Suizidalität, in 41 Prozent mindestens einen religionsbezogenen Schutzfaktor und in 53 Prozent mindestens einen religionsbezogenen Faktor, der in keinem Zusammenhang mit Suizidalität stand.

Dieses Gesamtergebnis zeigt bereits zweierlei: Zum einen ist die Datenlage äußerst heterogen. Eine einfache Dichotomisierung in „positiv“ und „negativ“ greift daher zu kurz, wenn es um den Einfluss von Religion auf die Suizidalität von LGBTQ-Personen geht. Zum anderen ist ein genauerer Blick auf die jeweiligen Daten und Zusammenhänge notwendig.

Wann ist Religion eher ein Risikofaktor?

Der wichtigste Risikofaktor für Suizidalität sind Identitätskonflikte, insbesondere dann, wenn die religiöse Identität mit der LGBTQ-Identität in Konflikt steht. Goodman zeigte beispielsweise, dass „internalisierte Homonegativität“ bei religiösen Erwachsenen sowie religiös-familiäre Identitätskonflikte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit höherer Suizidalität einhergingen.

Eine Untersuchung mit knapp 4.000 Jugendlichen zeigte zudem, dass Suizidplanungen und -versuche besonders häufig vorkamen, wenn religiöse Führungspersonen Konversionstherapien nahelegten.

Andere Untersuchungen mit knapp 2.700 LGBTQ-Studierenden ergaben, dass die Zugehörigkeit zum Katholizismus sowie zur Gruppe der Christen ohne nähere konfessionelle Angabe im Vergleich zu atheistischen LGBTQ-Studierenden mit einem erhöhten Suizidalitätsrisiko einherging.

Auch bei jugendlichen Lesben und Schwulen wurden höhere Raten von Suizidgedanken und -versuchen festgestellt, wenn Religion oder Spiritualität eine sehr hohe Bedeutung in ihrem Leben hatte oder sie ihre sexuelle Orientierung hinterfragten.

Noch differenzierter fiel eine Untersuchung unter aktuellen oder ehemaligen Mormonen aus. Positive religiöse Bewältigungsstrategien, etwa Beten oder Gottesdienstbesuche, korrelierten mit dem Auftreten von Suizidgedanken. Häufige Gottesdienstbesuche gingen bei Mormonen insbesondere dann mit Suizidgedanken einher, wenn sich die Betroffenen stark mit der LGBTQ-Community verbunden fühlten. Fühlten sie sich dagegen stärker mit der Kirche verbunden, kehrte sich dieser Zusammenhang um.

Wann ist Religion eher ein Schutzfaktor?

Andere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass christliche LGBTQ-Studierende weniger Suizidgedanken hatten als atheistische und jüdische LGBTQ-Studierende wiederum weniger als christliche. Eine große Studie mit rund 6.000 LGBTQ-Jugendlichen zeigte zudem, dass die Zugehörigkeit zu den Mormonen mit geringerer Suizidalität einherging. Die Studien argumentieren, dass ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu einer religiösen Gruppe möglicherweise einen Schutzfaktor gegen Suizidalität darstellen könnte.

Ein weiterer wichtiger Faktor scheint die subjektive Bedeutung von Religion zu sein. Mehrere Untersuchungen legten nahe, dass LGBTQ-Personen weniger Suizidalität, Suizidgedanken und Suizidpläne aufwiesen, wenn Religion für sie eine besonders große Bedeutung hatte.

Laut Goodman lassen sich die Schutzfaktoren von Religion im Wesentlichen auf drei Elemente reduzieren, die an sich nur noch wenig spezifisch mit Religion zu tun haben: Erstens die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zweitens Sinn und Lebensbedeutung und drittens Bewältigungsstrategien im Umgang mit Problemen.

Es ist kompliziert!

Ob Religion bei LGBTQ-Personen eher als Risiko- oder als Schutzfaktor wirkt, hängt von den jeweiligen Lebensbedingungen ab. Gibt es einen Konflikt zwischen religiöser und LGBTQ-Identität? Sind Identitätsveränderungsbemühungen vorhanden, etwa in Form von Konversionstherapien? Wie stark ist das religiöse Zugehörigkeitsgefühl ausgeprägt? Welche Bedeutung hat Religion für die einzelne Person? Und welche konkreten religiösen Überzeugungen und Praktiken werden gelebt?

Je nachdem, wie diese Fragen beantwortet werden, kann Religion laut Goodman als Risiko- oder als Schutzfaktor für Suizidalität wirken.

Das Review von Goodman bemüht sich um einen differenzierten Blick auf den Einfluss von Religion auf die Suizidalität von LGBTQ-Personen und macht dabei vieles richtig. Anders als in der Bochumer Studie werden zahlreiche unterschiedliche Faktoren und Ebenen von Religion und Religiosität betrachtet und differenziert gewürdigt. Dies könnte künftigen Studien, Debatten und medialen Beiträgen zum Themenfeld Religion als Vorbild dienen.

Gleichzeitig sollten die Ergebnisse des Reviews nicht überinterpretiert werden. Die Forschungsfrage ist eng gefasst und lässt sich nicht ohne Weiteres auf verwandte Fragestellungen übertragen. Zudem sind die in das Review einbezogenen Studien korrelativer oder qualitativer Natur, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse zusätzlich einschränkt. Andere Lebensumstände, etwa Mobbing, traumatische Lebensereignisse oder psychische Störungen, wurden ebenfalls nicht systematisch erfasst, obwohl auch sie mit Suizidalität zusammenhängen können.

Bedauerlich ist außerdem, dass andere, nicht religiöse Weltanschauungen in den untersuchten Studien unberücksichtigt blieben.

Schlussendlich legt das Review nahe, dass pauschalisierende Aussagen über den Nutzen oder die Gefahren von Religion durch die vorhandenen Forschungsdaten nicht gedeckt sind.

 

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Alexander Wolber

Der Autor studierte Psychologie in Marburg. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Konstanz und arbeitet als Psychotherapeut i. A. in einer psychiatrischen Institutsambulanz. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und leitet die Abteilung „Beratung und Bildung“ im Humanistischen Bildungs- und Begegnungszentrum in Konstanz (hbbk).

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