Eine aktuelle Studie der Universität Bochum bringt den zunehmenden Religionsverlust in Zusammenhang mit erhöhten Raten von Angststörungen bei jungen Menschen. Brauchen wir also doch wieder stärkere religiöse Strukturen und in der Gesellschaft fest verankerte religiöse Werte?
Funk – das Content-Netzwerk von ARD und ZDF – veröffentlichte auf seinem Instagram-Account einen Beitrag über den Zusammenhang von "Religion und Psyche". Unter Berufung auf eine aktuelle Studie der Ruhr-Universität Bochum wird darin behauptet, dass ein geringerer Glaube bei Kindern und Adoleszenten mit mehr psychischen Problemen einhergehe. Dass Religion im Kontext gesundheitsbezogener Fragestellungen eine protektive Rolle zugeschrieben wird, ist nicht neu. Allerdings mangelt es einigen Studien an der notwendigen Differenzierung, um klare Schlussfolgerungen ziehen zu können. Der vorliegende Text untersucht daher die Frage, inwiefern die referenzierte Bochumer Studie den behaupteten Zusammenhang zwischen geringerer Religiosität und einer höheren Belastung durch psychische Probleme adäquat darstellen kann.
Die Studie
Bei der Studie mit dem Titel "Global Cultural Change and Anxiety in Children and Adolescents: Analyzing Socialization Goals Over Three Decades in 70 Countries" handelt es sich um eine Sekundäranalyse bereits bestehender Datensätze, die im März 2026 im Journal Developmental Science veröffentlicht wurde. Inhaltlich untersuchten die Autoren um Leonard Kulisch den Zusammenhang zwischen kulturellen Veränderungen und der Verbreitung von Angststörungen bei Kindern und Adoleszenten. Sie formulierten die Hypothese, dass eine "unabhängigkeitsorientierte" Sozialisation mit einer höheren Prävalenz von Angststörungen bei Kindern und Adoleszenten einhergeht als eine "beziehungsorientierte" Sozialisation.
Eine unabhängigkeitsorientierte Sozialisation findet sich vor allem in WEIRD-Ländern (westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch) und zeichnet sich durch die Vermittlung individualistischer Werte, das Erleben von Emotionen, die zu sozialem Rückzug führen, sowie durch ein unabhängiges Selbstkonzept aus. Kulturelle Veränderungen in Richtung einer unabhängigkeitsorientierten Sozialisation gehen auf Populationsebene mit negativeren körperlichen und psychischen Konsequenzen einher, waren jedoch zugleich historisch mit ökonomischem Wachstum und einer Verbesserung der Lebensqualität verbunden. Darüber hinaus wird diese Form der Sozialisation mit erhöhter Einsamkeit, stärkerem Wettbewerb, geringerer physischer Aktivität, verminderter intrinsischer Motivation sowie gesteigerten Erwartungen an Kinder und Adoleszente in Verbindung gebracht.
Eine beziehungsorientierte Sozialisation hingegen ist durch die Vermittlung kollektiver Werte, sozial verbindender Emotionen sowie ein interdependentes Selbstkonzept gekennzeichnet und findet sich vor allem in non-WEIRD-Ländern in Asien, Afrika und der arabischen Welt. Im Gegensatz zur unabhängigkeitsorientierten Sozialisation geht eine beziehungsorientierte Sozialisation mit einem höheren Wohlbefinden einher.
Die Forschenden überprüften ihre Hypothese in zwei Teilstudien. Die erste Teilstudie analysierte kulturspezifische Veränderungen in den Sozialisationszielen (unabhängigkeits- versus beziehungsorientiert) verschiedener Länder sowie deren Zusammenhang mit der Verbreitung von Angststörungen bei Kindern und Adoleszenten. Die zweite Teilstudie konzentrierte sich auf die Individualebene und befragte US-amerikanische Mütter zu möglichen Ängsten ihrer Kinder.
Teilstudie 1
Um die Hypothese auf der Populationsebene zu untersuchen, nutzten die Forschenden Daten des World Values Survey (WVS), der weltweit Umfragedaten zu sozialen, politischen, ökonomischen, religiösen und kulturellen Werten erhebt. Insgesamt wurden für die Teilstudie Daten aus 70 Ländern (21 WEIRD- und 49 non-WEIRD-Länder) über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten (1989 bis 2022) einbezogen.
Da sich der Fragekatalog des WVS (siehe Anlage) als äußerst umfangreich darstellt, konzentrierte sich das Forschungsteam auf ausgewählte Kernvariablen aus der Sektion "Social Values, Norms, Stereotypes", die insbesondere danach fragt, welche Werte Kindern vermittelt werden sollten. Von besonderem Interesse waren dabei die Variablen "imagination", "independence", "feeling of responsibility", "determination and perseverance", "religious faith", "obedience", "hard work", "tolerance and respect for other people", "thrift saving money and things" sowie "unselfishness".
Zusätzlich griffen die Forschenden auf Daten der Global Burden of Disease-Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) zurück, um Veränderungen in den Raten von Angststörungen bei Kindern über die Zeit abzubilden. Diese Daten liegen für mehr als 350 Länder vor.
Als Kontrollvariable verwendeten die Bochumer Wissenschaftler eine Indexgröße aus dem Human Development Report, die auf Länderebene Informationen über das allgemeine gesellschaftliche Wohlergehen bereitstellt.
Die Ergebnisse der Auswertung zeigten zunächst keinen allgemeinen Zusammenhang zwischen Sozialisationszielen und Angststörungen bei Kindern und Adoleszenten über alle Länder hinweg. Allerdings ließ sich für WEIRD-Länder ein Zusammenhang zwischen kulturellen Entwicklungen in Richtung einer unabhängigkeitsorientierten Sozialisation und zunehmenden Angststörungen feststellen. Zentrale Faktoren in diesem Zusammenhang waren ein abnehmender religiöser Glaube ("religious faith") sowie eine Zunahme toleranzbezogener Sozialisationsziele ("tolerance and respect for other people"), wobei ersterer einen stärkeren Effekt aufwies. Der religiöse Glaube wurde dabei als beziehungsorientiertes Sozialisationsziel interpretiert, während toleranzbezogene Ziele nicht eindeutig einer der beiden Dimensionen (Unabhängigkeit vs. Beziehung) zugeordnet werden konnten.
Die Autoren interpretierten die Befunde dahingehend, dass religiöse Sozialisation vor angstbezogenen Problemen schützen könne, indem sie "ein persönliches Gefühl von Hoffnung und Lebenssinn fördert und gleichzeitig prosoziale, gemeinschaftsorientierte Einstellungen und Verhaltensweisen in der Kindheit und Jugend stärkt".
Der Zusammenhang zwischen zunehmender Toleranz und höheren berichteten Angstwerten wurde hingegen auf mögliche Verzerrungen in den Gesundheitsdaten zurückgeführt: In Kontexten, in denen Intoleranz und Stigmatisierung vorherrschen, könnten Angststörungen seltener berichtet werden.
Allerdings waren die Effektstärken insgesamt eher gering, und die genauen Wirkzusammenhänge blieben unklar. Entsprechend betonten die Forschenden die Notwendigkeit weiterführender Studien.
Teilstudie 2
Die zweite Teilstudie untersuchte individuelle Zusammenhänge zwischen religiösen Normen, der mütterlichen Religiosität und Angstsymptomen bei Kindern und Adoleszenten im Zeitverlauf. Auch hier gingen die Forschenden von einem Zusammenhang zwischen abnehmender Religiosität und zunehmenden Angstsymptomen aus.
Grundlage bildeten Daten der Child Wellbeing Study, in der 4.898 Kinder, die zwischen 1998 und 2000 geboren wurden, bis ins frühe Erwachsenenalter begleitet wurden. Im Fokus der Analysen stand insbesondere die Perspektive der Mütter sowie deren Zustimmung zu folgenden Aussagen: "My religious faith is a guide for the way I treat my family/for my daily life" ("Mein religiöser Glaube ist ein Leitfaden für meinen Umgang mit meiner Familie/für mein tägliches Leben") sowie "My child is too fearful or anxious" ("Mein Kind ist zu ängstlich oder zu nervös").
Die Auswertungen zeigten erneut einen Zusammenhang zwischen abnehmender Religiosität – sowohl auf Ebene der individuellen mütterlichen Religiosität als auch im Durchschnitt über alle Mütter hinweg – und dem vermehrten Auftreten von Angstsymptomen bei Kindern und Adoleszenten. Die berichteten Effektstärken waren jedoch ebenfalls gering.
Das Forschungsteam argumentierte, dass religiöse Normen gemeinsame Überzeugungssysteme bereitstellen, die Kindern und Adoleszenten einen strukturierten Rahmen zur Orientierung in der Welt bieten. Darüber hinaus vermittelten sie klare Leitlinien für Verhalten, Moral und Entscheidungsfindung, die in einer komplexen Umwelt ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit fördern und so Ängste und Unsicherheiten reduzieren könnten. Gemeinsame religiöse Überzeugungen können zudem das Zugehörigkeitsgefühl stärken und soziale Unterstützung über das Familiensystem hinaus erweitern.
Obwohl aus den Ergebnissen der Teilstudie keine kausalen Schlüsse gezogen werden können, verweisen die Autoren darauf, dass therapeutische Interventionen, die religiöse Praktiken oder Spiritualität einbeziehen, mit einer Verbesserung der psychischen Gesundheit assoziiert sein können. Gleichzeitig könne jedoch auch eine negative religiöse Verarbeitung – etwa das Gefühl, von Gott verlassen zu sein oder Gott für belastende Ereignisse verantwortlich zu machen – mit einer schlechteren psychischen Gesundheit einhergehen.
Gesamtfazit der Autoren
Veränderungen in den Sozialisationszielen zeigten weltweit keinen generellen Zusammenhang mit dem Auftreten von Angststörungen. Allerdings gingen unabhängigkeitsorientierte Sozialisationen in WEIRD-Ländern mit negativen Effekten einher. Ein schwindender religiöser Glaube als Wert erwies sich dabei als stärkster Faktor für die Zunahme von Angststörungen bei Kindern und Adoleszente. Einen ähnlichen Trend beobachteten die Forschenden auch auf individueller Ebene.
Die Autoren betonen, dass säkulare Gesellschaften Strategien entwickeln sollten, die Sinn- und Zugehörigkeitsgefühle außerhalb religiöser Kontexte fördern. Religion könne dabei die Autonomie und den sozialen Zusammenhalt stärken, die Bewältigung alltäglicher Herausforderungen unterstützen, moralische Entwicklung fördern sowie Sinn und Orientierung im Leben vermitteln. Zudem könne religiöse Sozialisation die Selbstakzeptanz verbessern, indem sie Werte wie Vergebung, Liebe und Selbstwertgefühl vermittelt.
In Zeiten des Bedeutungsverlusts von Religion kommt Schulen und NGOs eine wichtige Rolle bei der Vermittlung kollektiver Werte, Rituale und sozialer Betreuung zu. Auch außerschulische Einrichtungen wie Sportvereine tragen zur Resilienzbildung von Kindern und Adoleszenten bei. Politische Entscheidungsträger sind gefordert, familienfreundliche Maßnahmen und Unterstützungsnetzwerke zu schaffen, die Kindern und Adoleszenten stabile Aufwachsbedingungen bieten. Durch diese Maßnahmen könnte der Verlust religiöser Normen durch Säkularisierung für die psychische Gesundheit von Kindern und Adoleszenten abgemildert werden.
Kritische Würdigung der Bochumer Studie
Bei der Studie von Kulisch und Kollegen handelt es sich um eine kulturvergleichende Sekundäranalyse großangelegter Langzeitstudien, die gesellschaftliche Werte und deren Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Adoleszenten untersucht. Das Forschungsdesign ist dabei interessant aufgebaut und ermöglicht Einblicke auf unterschiedlichen Datenebenen, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene.
Durch die Kombination verschiedener Datensätze können diese Ebenen jedoch nicht in direkten Bezug zueinander gesetzt werden. Daher stehen die beiden Teilstudien in der vorliegenden Analyse lediglich deskriptiv nebeneinander. Methodisch basiert das Forschungsdesign insgesamt auf einem soliden Fundament. Probleme ergeben sich jedoch insbesondere bei der Operationalisierung der religionsbezogenen Variablen sowie bei der Interpretation der Ergebnisse, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.
Operationalisierung
Wie in einigen anderen Studien wird auch hier mit dem Religionsbegriff operiert, ohne dass klar definiert wird, was genau darunter verstanden werden soll. Im Text finden sich neben "Religion" auch Formulierungen wie "Religiosität", "religiöser Glaube" oder "Spiritualität", die teilweise synonym verwendet werden. Unklar bleibt, ob es sich dabei um eine spezifische Form der Glaubenspraxis, der Glaubensinhalte, eines konkreten Bekenntnisses, der Art der Exegese, eine bestimmte Religion, eine subjektive Deutung, die Bezugnahme auf eine heilige Schrift, das Ausmaß an Liberalität oder Fundamentalismus im Glauben usw. handelt.
In der ersten Teilstudie wird Religion lediglich über eine grobe subjektive Wertbeimessung erfasst. Ähnlich verhält es sich in der zweiten Teilstudie, in der die Aussage der Mutter, dass ihr religiöser Glaube ein Leitfaden für den Umgang mit der Familie oder dem täglichen Leben sei, als hinreichend für den Begriff "Religion" betrachtet wird. Angesichts der Vielzahl und Unterschiedlichkeit religiöser und weltanschaulicher Systeme erscheint diese Operationalisierung deutlich zu oberflächlich.
Generell ist zudem zu hinterfragen, inwiefern Methoden der Selbstbeschreibung (z.B. Fragebögen) überhaupt sinnvolle Maße zur Erfassung von Religiosität darstellen, wenn sie nicht gleichzeitig auch konkretes Verhalten erfassen. Der sogenannte Attitude-Behavior-Gap beschreibt ein häufiges Phänomen, dass Menschen in bestimmten Situationen anders handeln, als sie zuvor behauptet haben. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten "U-Boot-Christen", die sich in der Selbstbeschreibung religiös darstellen, im praktischen Alltag jedoch atheistisch leben und nur zu bestimmten Feiertagen wieder christlich "auftauchen".
Aus diesen Gründen bleibt unklar, was im Kontext der Religion überhaupt gemessen wurde – abgesehen von einer äußerst abstrakten und subjektiven Idee.
Interpretation
Neben den genannten Problemen bei der Operationalisierung der "Glaubensvariablen" erscheinen die Interpretationen der unabhängigkeits- und beziehungsorientierten Sozialisierung recht einseitig. Unabhängigkeitsorientierte Sozialisation wird, abgesehen von ökonomischen Parametern, überwiegend mit negativen Attributen belegt, während beziehungsorientierte Sozialisation – zu der auch Religion gezählt wird – fast ausschließlich positiv dargestellt wird. An einer Stelle erwähnen die Autoren, dass es sich hierbei um entgegengesetzte Pole handelt und eine Mischung beider Sozialisierungsziele für Kinder und Adoleszente günstig wäre. Dieser Ansatz wird jedoch leider nicht weiterverfolgt.
Nun geht es in der Studie vornehmlich um gesundheitsbezogene Faktoren, konkret um Angststörungen. Trotzdem bleibt bei dieser Auslegung eine gewisse Verwunderung bestehen. Aus der Perspektive der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wirkt diese einseitige Deutung irritierend. Menschenrechte sind historisch oft gegen den Widerstand von Religionen erkämpft worden und verfolgen eine dezidiert individuumsbezogene Perspektive, die sich gegen kollektivistische Anmaßungen einer Gruppe gegenüber dem Einzelnen richtet. Rein beziehungsorientierte Sozialisation ist daher im besten Fall nicht schädlich, tendiert jedoch bei Mangel an unabhängigkeitsorientierten Sozialisationszielen zu negativen Folgen für das Individuum, da das Kollektiv im Zweifel prioritär ist. Zugleich ist der Mensch soziobiologisch ein sozial agierendes Wesen, weshalb das Fehlen eines stabilen sozialen Umfeldes ebenfalls gesundheitliche Kosten nach sich ziehen kann. Aus diesen Gründen hätte sich eine nähere Bearbeitung einer möglichen Kombination beider Sozialisierungsziele angeboten.
Zudem stellt sich die Frage, warum die Autoren den religiösen Glauben so in den Vordergrund rücken. In beiden Teilstudien zeigt sich lediglich ein kleiner Effekt zugunsten religiöser Variablen. Die Forschenden selbst merken an, dass die Relevanz dieses Effekts in der "echten Welt" unklar sei.
Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Interpretation verschiedener Zusammenhangsmaße. Der Zusammenhang zwischen toleranzbezogenen Sozialisationszielen und vermehrten Ängsten bei Kindern und Adoleszenten wird auf mögliche Verzerrungen in den Gesundheitsdaten zurückgeführt: Dort, wo Intoleranz und Stigmatisierung herrschen, werden Ängste seltener berichtet, daher komme es zu mehr berichteten Ängsten, wenn Toleranz ein relevanter Wert ist. Interessanterweise ziehen die Autoren einen ähnlichen Effekt beim religiösen Glauben nicht in Betracht, sondern interpretieren ihn ausschließlich protektiv. Andere Studien zeichnen da ein weniger optimistisches Bild: Koch et al. berichten, dass 59 Prozent der LGBTQ+-Personen aufgrund religiöser Normen ihre sexuelle Orientierung unterdrücken und Angst sowie Scham empfinden. Scheepers et al. zeigen die andere Seite, dass nicht-religiöse Personen weniger Vorurteile gegenüber ethnischen Minderheiten aufweisen als Katholiken und Protestanten.
Zudem könnte ein Survivorship Bias eine Rolle spielen: Personen, die negative Erfahrungen mit Religion gemacht haben, sind möglicherweise nicht mehr religiös, während die verbleibenden religiösen Personen überwiegend positive Erfahrungen berichten – was den beobachteten Effekt erklären könnte.
Neben der Abnahme religiöser Werte in WEIRD-Ländern wurden globale Krisen durch die zunehmende Globalisierung und Social Media in der breiten Öffentlichkeit immer sichtbarer. Dieser Prozess fand insbesondere im Erhebungszeitraum der zugrunde liegenden Daten statt. Durch die Hinwendung zu einer unabhängigkeitsorientierten Sozialisation verstärkte sich das individuelle Verantwortungsgefühl, was moderne Jugendprotestbewegungen wie Fridays for Future überhaupt erst ermöglichte, gerade durch die Abwendung von der Religion und die Hinwendung zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. In diesem Kontext sind zunehmende Ängste aufgrund realer Bedrohungslagen nichts Negatives, sondern für den gesellschaftlichen Fortschritt konstitutiv. Generell ist zu bedenken, dass nicht erhobene Drittvariablen den vermeintlich protektiven Effekt der Religion erklären könnten.
Es existieren jedoch auch Studien, die positive Effekte von Religion auf die mentale Gesundheit nachweisen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Präzisierung des Forschungsgegenstandes, die in der Bochumer Studie nicht gegeben ist.
Abschließend erwähnen die Autoren keine Interessenskonflikte, was angesichts der überwiegend positiven Darstellung von Religion überraschend wirkt. Zudem ist eine der Co-Autorinnen an der Catholic University of Pereira in Kolumbien affiliiert, was potenziell eine Nähe zur Religion und damit die Möglichkeit von motivated reasoning nahelegt.
Fazit
Ob weniger Religion mit einem häufigeren Auftreten von Angststörungen bei Kindern und Adoleszenten zusammenhängt, lässt sich aufgrund der Probleme in der Operationalisierung und der geringen Differenzierung der untersuchten Variablen in der Bochumer Studie nicht beantworten. Zudem wirft die kritische Betrachtung der Studie, die dem Instagram-Post von Funk zugrunde liegt, Fragen nach dem Nutzen solcher Beiträge auf. Die stark verkürzte Darstellung von Studien in solchen Posts geht mit einem nicht unerheblichen Risiko von Fehldarstellungen einher.
Unabhängig von der Studienlage und dem Forschungsgegenstand überrascht die Bochumer Untersuchung durch ihre optimistische Grundhaltung gegenüber Religionen, insbesondere vor dem Hintergrund mediendominierender Schlagzeilen über kirchliche Missbrauchsfälle. Laut dem aktuellen "MOTRA-Monitor" zeigen etwa 45 Prozent der unter 40-jährigen Muslime in Deutschland latent oder manifest islamismusaffine Einstellungen. Gleichzeitig prägen religiöse Akteure die "großen Kriege" unserer Zeit, sei es die russisch-orthodoxe Kirche im Angriffskrieg auf die Ukraine oder der Nahostkonflikt, an dem evangelikale Christen, Muslime und Juden beteiligt sind. Eine Beurteilung möglicher angstmildernder Effekte von Religion auf Kinder und Adoleszente wirkt im Kontrast zu den eben genannten Themen geradezu grotesk.
Dennoch greifen die Autoren in der abschließenden Diskussion einen wichtigen Punkt auf, den ich in meinem Fazit besonders hervorheben möchte: Die Gemeinsamkeit der meisten Studien zur positiven Wirkung von Religion auf die Lebenszufriedenheit lässt sich zumeist über das Sinn- und Gemeinschaftserleben erklären1. Diese beiden psychischen Bedürfnisse werden im religiösen Kontext regelmäßig bedient und bereits vorgefertigt vermittelt, beispielsweise durch religiöse Veranstaltungen oder durch Sinnstiftung von geistlichen Oberhäuptern.
Fällt die Religion und damit das ideologische Korsett weg, sind Menschen gezwungen, eigenverantwortlich ihre psychischen Bedürfnisse zu befriedigen, was mit erheblichem Mehraufwand verbunden ist. Kinder und Adoleszente sind altersbedingt oft noch nicht selbstständig in der Lage, diese Bedürfnisse zu erfüllen, weshalb sie auf externe Stützstrukturen angewiesen sind.
Der Appell der Autoren, Schulen, Vereine, andere Einrichtungen und die Politik in die Pflicht zu nehmen, ist daher unterstützenswert. Es gilt, die Vorteile einer säkularen Gesellschaft, die auf weltanschauliche Vereinnahmung verzichtet, zu nutzen und das Vernünftige – die Unterstützung junger Menschen bei der subjektiven Sinnfindung und gesellschaftlichen Teilhabe – vom Unvernünftigen – der Religion – zu trennen.
1 Davis, E. B., Worthington Jr, E. L., & Schnitker, S. A. (2023). Handbook of positive psychology, religion, and spirituality (p. 513). Springer Nature.







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