Rezension
Miteinander reden, auch wenn es weh tut
Der Psychologe und Autor Ahmad Mansour sorgt sich um die Debattenkultur in Deutschland. In seinem neuen Buch „Haltung ohne Hass“ beschreibt er, wie und warum politischer Streit eskaliert und was geschehen muss, damit Menschen wieder verschiedene Meinungen aushalten.
Foto: © Felipe Tofani, Flickr CC BY-SA 2.0
Sie heißen Markus, Javad und Jonas, und auf den ersten Blick gibt es nicht viel, was sie verbindet: Markus ist Ende 30, Kundenberater einer Marketingagentur. Javad ist afghanischer Flüchtling, der es geschafft hat, sich nach Deutschland durchzuschlagen. Jonas studiert und kommt aus einer eher alternativen Mittelstandsfamilie. Ahmad Mansour nutzt diese fiktiven Personen, um den Weg der Radikalisierung aufzuzeigen. Er tut das, ohne zu verurteilen. Während der Corona-Pandemie arbeitet Markus im Homeoffice. Persönliche Kontakte zu seinen Kollegen, Freunden und Bekannten hat er, wie Millionen andere in dieser Zeit, kaum noch. Das Leben findet online und in der Wohnung statt. Die Lebenssituation belastet die Familie. Markus liest in den sozialen Medien viel über Corona. Erst sind es vor allem seriöse Berichte über die Pandemie, Impffortschritte und die Maßnahmen. Nach und nach gleitet er ab, liest immer mehr Texte von Corona-Leugnern, und die Algorithmen sorgen dafür, dass er immer mehr von dem harten Stoff zu lesen bekommt, der die meisten Klicks erhält und am häufigsten geteilt wird. Erst skeptisch, öffnet er sich den dort zu lesenden „alternativen Fakten“ und beginnt, sich erst langsam, dann nach dem krisenbedingten Verlust seines Jobs immer schneller zu radikalisieren. Am Ende zerbricht sogar seine Ehe.
Die Familie hat Schulden gemacht, um Javads Flucht nach Deutschland zu finanzieren. Nun drängst sie ihn, dass er möglichst schnell anfängt zu arbeiten und Geld nach Afghanistan zu schicken. Doch Javad will Deutsch lernen, eine Ausbildung machen, und er genießt die Freiheiten des Westens: Er betet kaum noch und lernt Anna kennen. Sie werden ein Paar. Als die junge Beziehung in eine Krise gerät und er mehr Zeit online verbringt, sind es islamistische Postings, die Javad radikalisieren. Am Ende wünscht er sich, Anna würde so werden wie Hanna Hansen, die verhüllte, radikale Islamistin aus Köln, die online ein Star ist.
Jonas kommt aus einer linksalternativen Familie, in der man sich, wie Mansour treffend beschreibt, für den eigenen Wohlstand in wohldosiertem Maße schämt. Jonas nimmt, auch wegen des Interesses an einer jungen Frau, an Fridays-for-Future-Demos teil. Während der Corona-Pandemie sitzt er oft allein in seinem WG-Zimmer. Das Leben draußen steht still, online pulsiert es. Er beginnt, sich global mit anderen Klimaaktivisten zu vernetzen, gerät so in den Sog postkolonialen Denkens und radikalisiert sich schnell. Israel, ja der ganze Westen, wird für ihn zum Feindbild. Und wenn er das online äußert, gewinnt er Follower und Reputation.
Anhand der Entwicklung von Jonas, Markus und Javad beschreibt Mansour die Mechanismen der Radikalisierung. „Radikalisierung entsteht dort, wo innere Anfälligkeit auf ein Angebot trifft, das Entlastung, Bedeutung oder Zugehörigkeit verspricht.“ Auslöser können Krisen sein, ein Milieu, das wenig andere Weltsichten kennt, oder die Erfahrung, nicht dazuzugehören. Entscheidend sei, was im Inneren passiert: „Wie ein Mensch mit Unsicherheit umgeht, ob er Unsicherheit aushalten kann, ob er gelernt hat, eigene Gefühle zu benennen, ob er im anderen noch einen Menschen sieht oder nur eine Kategorie.“
Letzteres verbindet die von Mansour beschriebenen drei mehr oder weniger jungen Männer: Sie ziehen sich in Blasen zurück, sind für die Argumente anderer nicht mehr zu erreichen und beginnen, Menschen mit einer anderen Meinung zusehends als Feinde zu begreifen.
Mansour beschreibt ein Muster der Radikalisierung. Am Anfang stehe oft ein Kontrollverlust, das Gefühl, sein Leben nicht mehr gestalten zu können. Als Konsequenz werde nach Erklärungen gesucht, die Ordnung versprechen.
Dazu komme ein Empathiedefizit. Wer seine eigenen Gefühle nicht benennen könne, habe schwereren Zugang zu den Gefühlen anderer. „Das führt“, schreibt Mansour, „dazu, dass das Gegenüber schneller entmenschlicht und zur bloßen Kategorie wird.“
Wer Widersprüche nicht aushalte, erlebe zudem Zweifel als Bedrohung und verlange nach Eindeutigkeit. Ambiguitätstoleranz gebe es dann nicht mehr.
Ein wichtiger Faktor sei auch, dass viele für ihre Zugehörigkeit die Abgrenzung von anderen Menschen bräuchten. „Menschen brauchen Zugehörigkeit. Sie wird gefährlich, wenn sie hauptsächlich über Ausgrenzung funktioniert.“
Ein wichtiger Faktor der Radikalisierung sind für Mansour die sozialen Medien, die radikale und emotionalisierende Postings bevorzugen, um ihre Nutzer online zu halten und ihnen so mehr Werbung zeigen zu können. Mansour plädiert deswegen für ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren. Eine umstrittene Maßnahme, die nach Umfragen allerdings auch von 47 Prozent der Jugendlichen befürwortet wird.
Für Mansour ist der Dialog zwischen Andersdenkenden eine zentrale Grundlage einer Gesellschaft. Und er spürt durch seine Arbeit mit Schülern, wie viel schwieriger es wird, den Dialog zu führen, wie beispielsweise Antisemitismus unter Jugendlichen wächst und die Bereitschaft nachlässt, sich offen und neugierig auch mit Fakten und Meinungen auseinanderzusetzen, die dem eigenen Weltbild widersprechen. Mansour, der von der Polizei beschützt werden muss, weil er sich kritisch mit Islamismus beschäftigt und gegen Antisemitismus eintritt, geht mit gutem Beispiel voran: Als die NGO Correctiv im vergangenen Jahr verzerrend über seine Arbeit berichtete und ihn als Person massiv angriff, suchte er trotzdem den Dialog. Er besuchte die Redaktion und diskutierte mit Chefredakteurin Anette Dowideit Anfang des Jahres in einem Podcast.
Es war, erinnert sich Mansour, ein Gespräch über Integration, über Werte und über die Frage, wie man sachlich bleibt, wenn die Öffentlichkeit es nicht belohnt: „Wir sind nicht einer Meinung. Wir streiten. Aber wir hören einander auch zu. Es gibt Momente, in denen wir aneinander vorbeireden – und Momente, in denen wir den anderen verstehen und Dinge klar werden, die es davor nicht waren.“