Was nützt die Wahrheit, wenn sie niemand hören will?
Können Nachrichten Menschen zu klimafreundlichem Verhalten motivieren? Das fragte sich ein interdisziplinäres Forschungsteam in Graz. Ihre Antwort lautet: ja, mit vielen Abers.
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„Mega-Hitze-Welle“, „Extrem-Temperaturen“, „Waldbrände wüten im Süden Europas“, „Klimakrise außer Kontrolle“, „Klimakollaps“. Angesichts eines solchen Dauerfeuers an alarmierenden Meldungen ist es nachvollziehbar, wenn man die Zeitung beiseitelegt oder statt der Abendnachrichten lieber zum Unterhaltungsprogramm wechselt.
Medienschaffende stellt das vor ein Problem: Die Auswirkungen der Klimakrise werden immer gravierender, dementsprechend passen sie auch ihre Wortwahl an. Statt von Erderwärmung oder Klimawandel sprechen sie mittlerweile von Erderhitzung oder Klimakrise, mancherorts vom Klimakollaps. Das mag fachlich richtig sein, beim Publikum kommt das nicht immer gut an. Die wenigsten beschäftigen sich gerne rund um die Uhr mit Katastrophen. Letztlich stehen Medienschaffende vor der Frage: Was nützt die Wahrheit, wenn sie niemand lesen, hören oder schauen will?
Diesem Dilemma hat sich ein interdisziplinäres Team an der Universität Graz gewidmet. Wissenschaftler:innen aus den Fachrichtungen Systemwissenschaften, Linguistik, Sozialwissenschaften, Psychologie, Neurowissenschaften, Natural Language Processing (NLP) und Computerwissenschaften forschten im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts „Reaktionen zu bedrohungs- und lösungsorientierten Klima-News“ (REASON) zur Klimaberichterstattung und ihrer gesellschaftlichen Wirkung. Zuvorderst stellten sie die Frage, inwiefern bedrohungs- und lösungsorientierte Botschaften klimafreundliches Verhalten fördern beziehungsweise behindern können.
Lösungen statt „Doom and Gloom“
Die gesellschaftliche Wirkung von Klimaberichterstattung untersuchten die Forschenden entlang dreier Dimensionen: mediale Klimakommunikation, Selbstwahrnehmung und unbewusste psychologische Reaktionen der Rezipient:innen.
Marie Kogler ist Projektleiterin und forscht als Umweltsystemwissenschaftlerin an der Universität Graz auf Basis mathematischer Methoden zu den Wechselwirkungen von Umwelt, Gesellschaft und Individuum: „Für mich war klar, wenn ich mich so komplexen Themen wie Klimainformation, Meinungen und Emotionen widme, brauche ich die Kollaboration in den entsprechenden Feldern.“ Eine Zusammenarbeit über eine solche Bandbreite an – teils höchst unterschiedlichen – Disziplinen hinweg klingt auf den ersten Blick herausfordernd, war letztlich jedoch „einfacher als gedacht und unglaublich bereichernd“, betont Kogler.
Zur Analyse, wie über Klima berichtet wird, hat das Forschungsteam Artikel in den neun auflagenstärksten österreichischen Medien im Zeitraum von 2002 bis 2023 untersucht, insgesamt gut 100.000 Beiträge. Im analysierten Korpus zeichnete sich ein deutlicher Trend ab: Seit 2016 wurde viel intensiver und differenzierter über Klima berichtet. „Auch diese einfache Annahme, Klimajournalismus sei vor allem Doom and Gloom, wurde durch unsere Studie etwas ausgehebelt“, erklärt Kogler, denn detaillierte Analysen der Berichterstattung ab 2018 zeigen, dass lösungsorientierte Botschaften mindestens genauso häufig wie bedrohungsorientierte vorkamen.
Grafik: © Marie Kogler
Frage der Selbstwirksamkeit
Was macht das nun mit den Leser:innen, Hörer:innen und Zuseher:innen? Anhand zweier empirischer Case-Studies wurden die Reaktionen der Rezipient:innen auf bedrohungs- und lösungsorientierte Meldungen untersucht: Sind Menschen infolge des Konsums von Klima-News bereit, ihr Verhalten zu ändern – etwa indem sie weniger Auto fahren, auf Flugreisen oder Fleisch verzichten? Sind sie eher bereit dazu, wenn Beiträge konkrete Lösungswege aufzeigen?
„Das Interessante war, dass der direkte Effekt nicht entlang der Unterscheidung zwischen lösungs- oder bedrohungsorientierten Statements messbar war“, erklärt Annina Thaller, Postdoktorandin am Institut für Umweltsystemwissenschaften der Universität Graz und Projektverantwortliche für den Bereich „Empirische Sozialforschung“. Wesentlicher waren die dadurch ausgelösten Emotionen. „Doom and Gloom“-Berichte, also bedrohliche Szenarien, führen bei vielen Rezipient:innen zu Phänomenen wie Klimaangst – bei manchen übersetzt sich diese in Hoffnungslosigkeit, in Apathie, andere jedoch motiviert sie zu politischem Engagement. Ähnlich zweischneidig verhält es sich mit lösungsorientierten Berichten. Sie können ein Wohlgefühl vermitteln und Engagement dadurch ausbremsen, oder aber motivieren, da sie konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
Daraus schlussfolgern die Forscher:innen: Es gibt im Bereich der Klimakommunikation keine „One size fits all“-Lösungen. Vielmehr braucht es maßgeschneiderte Kommunikation für die jeweilige Zielgruppe. Die gängige Annahme, Medien müssten Leser:innen, Hörer:innen oder Zuseher:innen lediglich mehr Lösungen anbieten, ist in dieser Einfachheit nicht gültig.
Den meisten Leser:innen mangelt es nicht an Informationen oder Wissen über den Klimawandel. Der entscheidende Faktor, so Thaller, sei die Frage der Selbstwirksamkeit: Haben Menschen das Gefühl, dass sie mit ihren Handlungen etwas bewirken können? Spätestens hier wird es komplex, denn diese Frage geht weit über Klimakommunikation hinaus und berührt Faktoren wie Einkommen, Status, soziales Umfeld oder vorhandene Infrastruktur. Wenn ein Wohnort nicht an den öffentlichen Verkehr angebunden ist, können dessen Bürger:innen schwerer auf das Auto verzichten – unabhängig davon, welche Medien sie konsumieren.
Hoffnungslosigkeit überwinden
Eine Ebene tiefer bohrte das neurowissenschaftliche Team koordiniert von Florian Fischmeister an der Medizinischen Universität Wien. Dort werden die psychophysiologischen Reaktionen auf Klimanachrichten untersucht. Proband:innen wurden insgesamt 57 verschiedene Aussagen zum Thema Klima vorgelegt, mittels MRT-Untersuchungen wurde beobachtet, welche Reaktionen diese im Gehirn auslösen. „Das Gehirn reagierte ähnlich auf bedrohliche und lösungsorientierte Klimaaussagen. Insgesamt wurden negative Klimanachrichten jedoch etwas weniger leicht verarbeitet als neutrale Nachrichten“, erklärt Projektmitarbeiterin Gabija Aurylaite. Auffällig war: „Bei lösungsorientierten Botschaften zeigte sich außerdem etwas mehr Aktivität in Bereichen, die mit Mobilisation zusammenhängen. Dieser Befund ist allerdings noch vorläufig und muss weiter untersucht werden.“
Das Forschungsprojekt läuft noch bis Ende des Jahres und neue Publikationen sind in Vorbereitung. Kogler und das Projektteam wollen mit ihrer Forschung allerdings nicht an der Bürotür haltmachen. Die Ergebnisse geben sie in Workshops und Webinaren an Journalist:innen, NGOs oder Politiker:innen weiter. Mit diesen Angeboten sollen konkrete Strategien zur Verbesserung der Klimakommunikation entwickelt werden. Das Ziel: Menschen zu klimafreundlicherem Verhalten zu motivieren – auch wenn es dafür kein Patentrezept gibt.