Papst unerwünscht

FRANKFURT. (hpd/hu) Als der Papst vor dem Bundestag in Berlin predigte, demonstrierten Tausende in Berlin gegen den Staatsbesuch des letzten Diktators in Europa - doch nicht jeder konnte werktags in die Hauptstadt zur Demonstration "Der Papst kommt" fahren. Die Frankfurter Humanistische Union bündelte den Protest im Rhein-Main-Gebiet in bester aufklärerischer Tradition.

Peter Menne las aus "Opus Diaboli" von Karlheinz Deschner. Düster waren die Wahrheiten über das Treiben der Kirche nicht erst seit Gründung ihres Vatikanstaates. Doch Helge Nyncke hellte die Stimmung mit witzig-bissigen Satiren auf. Gekonnt persiflierte er die karnevalesken Kostümierung des Papstes: Helge Nyncke trat mit weißem Umhang und aus alter Baseball-Mütze ausgeschnittenem rundem Käppi auf. Frankfurts Club Voltaire war gut besucht, manche Gäste sogar aus Frankreich, Duisburg oder Weilburg angereist, um kirchenkritische Texte von den beiden zu hören.

Peter Menne rief in Erinnerung, dass Papst Ratzinger nicht etwas als Tourist durch Deutschland reist - so wurde sein Amtsvorgänger Wojtyla im Februar 1979 vom mexikanischen Präsidenten begrüßt. Zwar sind 97,5 % der Mexikaner Katholiken - doch der Staat ist säkular und unterhält keine diplomatischen Beziehungen zum Vatikan. Anders Deutschland: kaum ein Drittel der Bevölkerung gehört der katholischen Kirche an - doch "Papa Ratzi" wird als Staatsgast empfangen. Was für einem Staat steht Ratzinger vor?

Bevor Peter Menne mit Deschner einen Streifzug durch die neuere Geschichte - die Nazi-Geschichte, mit der der Vatikan sehr verbunden ist - unternahm, stellte Helge Nyncke dessen Staatschef vor - im Originaltext: "Das Dilemma der Gleichzeitigkeit von Glaube und Geschichte" besteht für Papst Ratzinger darin, dass man entweder versucht, "Christologie auf der Ebene des Historischen zu beweisen", oder sich dazu entschließt, sie "schlicht auf das Belegbare zu reduzieren", oder aber, da beide Wege nicht zum Erfolg führen können, "der Historie ganz zu entfliehen und sie als überflüssig für den Glauben hinter sich zu lassen". Und wenn man sich schon dergestalt flugs des unangenehmen Ballasts der Geschichte, insbesondere der Kriminalgeschichte des Christentums entledigt hat, fällt es umso leichter, Sätze zu formulieren wie den, dass "da, wo Gott den Menschen außer Sichtweite gerät, auch der Friede verfällt und die Gewalt mit vorher ungeahnten Grausamkeiten überhandnimmt".

Nach solchen fundamentalen Einsichten wendet sich der Kirchenmann dann doch lieber wirklich wichtigen Lebensfragen zu, etwa dem schwierigen Glauben an die Trinität: Deren Widersprüche versucht er damit zu erklären, dass es hier um einen Bereich gehe, "in dem nur das demütige Geständnis des Nichtwissens wahres Wissen und nur das staunende Verbleiben vor dem unfassbaren Geheimnis rechtes Bekenntnis zu Gott sein" könne.

Klingt das logisch - oder ein wenig verwirrt? Aus den Worten des als "intellektuell" apostrophierten Papstes wird dennoch deutlich: auf historische Wahrheit, auf empirische Fakten legt der Vatikan-Chef keinen Wert. Wenn man erinnert, wie der Vatikanstaat entstanden ist, mit wessen Hilfe, dann scheint Ratzingers Fremdeln mit der Historie nachvollziehbar, geradezu einleuchtend.

Denn "Mussolini, Autor von 'Es gibt keinen Gott' und 'Die Mätresse des Kardinals', hatte noch 1920 religiöse Menschen krank genannt, auf die Dogmen gespuckt" (Deschner, S. 152) und sich über die Pfaffen lustig gemacht. Doch nach seinem "Marsch auf Rom" suchte der Duce institutionelle Unterstützung - und fand sie bei der katholischen Kirche: Menne referierte aus "Opus Diaboli", wie die Kirche erst dem italienischen Faschismus huldigte: zum Dank dafür, dass der Duce Rom geteilt und der Kirche 1929 den Vatikanstaat geschenkt hat.

Als "man vom König Mussolinis Absetzung forderte, stellte sich der 'Heilige Vater' wieder auf die Seite des faschistischen Verbrechers und verkündete am 20. Dezember 1926: 'Mussolini wurde uns von der Vorsehung gesandt.' Drei Jahre später schloß man die Lateranverträge, die das Ansehen der Faschisten enorm steigerten, wie bald darauf das Konkordat mit Hitlerdeutschland das Prestige der Nazis, vor allem aber der Kurie gewaltige Vorteile brachten." (Deschner, S. 153). Die Lateran-Verträge: mit ihnen wurde das von Garibaldi geeinte Italien wieder geteilt. Zusätzlich zu dem Stadtteil von Rom, der seit 1929 als selbständiger "Vatikanstaat" gilt, erhielt die Kirche "die nach damaliger Währung ungeheure Summe von einer Milliarde Lire in Staatspapieren und 750 Millionen Lire in bar; bei fünfprozentiger Verzinsung eine Jahresrente von fast 90 Millionen." (Deschner, S. 154).

Faschistisches und katholisches Denken harmonierten - nicht nur in Mussolinis Italien, sondern genauso in Francos Spanien und in Hitlers Deutschland und Österreich. Österreich? Anlässlich des "Anschlusses" verfassten eine Reihe von Kirchenfürsten, Kardinälen, Fürstäbten etc. pp. eine "feierliche Erklärung":

"Aus innerster Überzeugung und mit freiem Willen erklären wir unterzeichneten Bischöfe der österreichischen Kirchenprovinz anläßlich der großen geschichtlichen Geschehnisse in Deutsch-Österreich: Wir erkennen freudig an, dass die nationalsozialistische Bewegung auf dem Gebiet des völkischen und wirtschaftlichen Aufbaues ... für das Deutsche Reich und Volk ... Hervorragendes geleistet hat und leistet. Wir sind auch der Überzeugung, dass durch das Wirken der nationalsozialistischen Bewegung die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus abgewehrt wurde. Die Bischöfe begleiten dieses Wirken ... mit ihren besten Segenswünschen und werden auch die Gläubigen in diesem Sinne ermahnen. Am Tage der Volksabstimmung ist es für uns Bischöfe selbstverständliche nationale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen, und wir erwarten auch von allen gläubigen Christen, dass sie wissen, was sie ihrem Volke schuldig sind. Wien, am 18. März 1938, ..." (Deschner, S. 161 f.) Diese Huldigung wurde dem Gauleiter "mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und Heil Hitler" von Kardinal Innitzer übersandt (Deschner, S. 162).

Mitunter legt die Kirche großen Wert auf ihre lange Geschichte. Bitter war die Erinnerung daran, was für einen Staat der Bundestag zu Gast hatte: Die Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte hat der Vatikan bis heute nicht unterzeichnet - wohl aus gutem Grund: so mancher Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte z.B. wegen Frauendiskriminierung wäre wohl schnell verloren gewesen.

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