Sehr pointiert, aber im Kern richtig geschrieben.

Aus meiner Sicht ist das zentrale Problem ein sehr altes: Als der Mensch sich seiner selbst bewusst wurde und seine Umwelt aktiv wahrnahm, begann er sie zu erforschen. Mangels Empirie füllten am Beginn mystische Erklärungen das Weltbild, um sich die Existenz der Welt und die eigene erklären zu können. Es ging auch im Sinnsuche. Warum gibt es das alles? Warum gibt es mich? Alles berechtigte, bohrende Fragen.

Zunächst (Augustinus: "Glaube, damit du erkennst") gab es nur sehr wenig echtes Wissen. Doch nach und nach verfestigte sich die "geglaubte Welt", bevor die "gewusste Welt" sie ablösen konnte. Es wäre ein Akt der Evolution gewesen, wenn überholte Glaubensbilder (die sowieso in jedem Teil der Erde andere waren) durch überprüfbare Realität ersetzt worden wären.

Doch warum geschah dies nicht? Weil Glaube den Mächtigen einen mächtigen Vorteil bringt: Es klingt einfach geiler, wenn man - gottgefälliges Leben vorausgesetzt - eine super Belohnung bekäme: ewiges Leben, Glückseligkeit bis zum Abwinken. Gleichzeitig wurden Höllenängste geschürt - alles ohne jedes Fundament. Aber eben geil!

Die letztlich sinnlose Realität ist nicht sexy. Daher ist der Mensch bis heute für Ideologien jeglicher Art anfällig. Unabhängig, ob diese mit Repressionen durchgesetzt werden oder nicht.

Demokratie ist schmucklos, ohne Heilsversprechen. Sie setzt geistige Arbeit im Hier und Heute voraus, hält keine jenseitige Belohnung parat. Doch sie hat etwas, dass jeder Ideologie - ob religiös oder politisch - um Längen voraus ist: Sie enthält das Versprechen von Freiheit, Frieden, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit.

Wenn Menschen lernten, dass diese Versprechen erstens durch eigene Anstrengung erfüllbar sind und zweitens viel wertvoller als einem erfundenen Gott gefällig zu leben, mit all den Entbehrungen und Ausgrenzungen, mit den finanziellen Einbußen und den Selbstkasteiungen, dann könnte man diese Menschen in der nicht-ideologischen, echten Mitte der Gesellschaft begrüßen.

Wir haben inzwischen so viel Wissen über die reale Welt angehäuft, dass wir getrost diesen evolutionären Schritt wagen können: vom glaubenden Menschen zum wissenden Menschen...

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