„TERFs in die Elbe”: Wenn der Protest selbst die Debatte beschädigt

In Hamburg eskalierte am Weltkindertag der Streit um Transmedizin, als eine kritische Protestveranstaltung auf lautstarken Gegenprotest traf. Zwischen Trillerpfeifen, Sprechchören und gegenseitigen Vorwürfen geriet die eigentliche Frage aus dem Blick: Wie lässt sich über medizinische Behandlungen von Kindern und Jugendlichen sachlich streiten? Der Konflikt zeigt, wie schwer es inzwischen fällt, politische Gegensätze auszuhalten, ohne die jeweils andere Seite mundtot machen zu wollen.

Transaktivist*innen demonstrierten gegen Feministinnen
Gegendemonstranten schirmten die Versammlung der „Frauenheldinnen” mit großen Stoffbannern zur Straße hin ab.

Am 20. September trafen in Hamburg bei einer Demonstration zwei Seiten aufeinander, die kaum noch miteinander sprechen. Der Verein Frauenheldinnen hielt am Hamburger Jungfernstieg eine Protest- und Informationsveranstaltung ab unter dem Titel „Transmedizin macht krank − ein Leben lang“. Anlass war der Weltkindertag. Auf der anderen Seite formierte sich Gegenprotest. Die Frauenheldinnen gehören zu jener feministischen Strömung, die Geschlecht über körperliche Merkmale definiert und insbesondere medizinische Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen kritisch sieht. Ihre Positionen reichen vom Widerstand gegen das Selbstbestimmungsgesetz bis zur grundsätzlichen Kritik an geschlechtsangleichenden Behandlungen vor allem bei Minderjährigen.

Dass diese Positionen Widerspruch hervorrufen, ist inzwischen bekannt und nicht überraschend. Ebenso wenig überraschend ist, dass eine Veranstaltung, deren Titel bereits die Schlussfolgerung „Transmedizin macht krank − ein Leben lang“ enthält, nicht als neutrale medizinische Informationsveranstaltung verstanden werden muss. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Form des Gegenprotests akzeptabel wäre.

Die Frauenheldinnen selbst kündigten die Hamburger Veranstaltung ausdrücklich als Protestaktion an. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, Kinder und Jugendliche müssten vor medizinischen Eingriffen geschützt werden, die sie als zu früh, zu irreversibel oder wissenschaftlich nicht hinreichend abgesichert ansehen. Zu den Rednern in Hamburg gehörte Chris Brönimann, der früher unter dem Namen Nadja Brönimann bekannt war und nach eigener Darstellung nach einer Detransition wieder als Mann lebt. Die Frauenheldinnen kündigten Brönimann als zentralen Redner der Veranstaltung an. Brönimanns Geschichte ist ohne Zweifel persönlich einschneidend. Auf X beschreibt Brönimann die eigene Erfahrung in einem Beitrag folgendermaßen: „Es geht mir nicht um Ablehnung, sondern um Verantwortung. Aus eigener Erfahrung kenne ich die Tragweite und weiss: Eine vorschnelle Transmedizin im Jugendalter heilt oft nicht, sondern birgt das Risiko, ein Leben lang krank zu machen.“ Dies stellt sicherlich eine legitime Position dar, sie alleine kann jedoch nicht beantworten, wie eine Behandlung anderer Menschen mit Geschlechtsinkongruenz beurteilt werden sollte.

Nach Angaben der Frauenheldinnen nahmen bis zu 200 Menschen am Gegenprotest teil. Der Verein berichtet, Gegendemonstrierende hätten die eigene Versammlungsfläche verlassen, die Frauenheldinnen-Veranstaltung mit Trillerpfeifen und Sprechchören übertönt und unter anderem „TERFs1 in die Elbe“ skandiert. Außerdem sei eine Teilnehmerin bespuckt worden. Der Verein veröffentlichte hierzu einen Offenen Brief an die Hamburgische Bürgerschaft.

Schwerer Schaden für die demokratische Kultur

Die Formulierung „TERFs in die Elbe“ ist dabei mehr als eine bloße pointierte politische Parole. Auch wenn ein solcher Slogan im Kontext einer Demonstration nicht automatisch als konkreter Gewaltaufruf gegen eine bestimmte Person zu verstehen ist, arbeitet er mit einer Sprache, die Gewalt und Einschüchterung als Bild verwendet. Das ist ein Weg, der der demokratischen Kultur in diesem Land schweren Schaden zufügt. Wer den Frauenheldinnen vorwirft, trans Menschen auszugrenzen, sollte nicht gleichzeitig versuchen, ihre Veranstaltung durch Einschüchterung unhörbar zu machen. Wer für sich beansprucht, für die Rechte einer Minderheit zu demonstrieren, muss die Versammlungs- und Meinungsfreiheit der politischen Gegner nicht gutheißen, aber er sollte sie aushalten. Trillerpfeifen sind keine Argumente. „Halt die Fresse“ ist kein Argument. Und „TERFs in die Elbe“ ist keine politische Antwort auf eine medizinische oder feministische Streitfrage.

Besonders aufschlussreich ist deshalb, dass der Streit offenbar nicht nur zwischen Aktivistengruppen ausgetragen wurde. Nach Darstellung der Frauenheldinnen sprach auf der Gegenkundgebung auch die Grünen-Abgeordnete Miriam Block. Sie erklärte demnach: „Hört auf mit eurer Hetze! Ihr schützt niemanden. Eure Forderungen gefährden Menschenleben, sie töten.“ Auch hier wäre Differenzierung angebracht. Die Behauptung, bestimmte politische Forderungen würden „töten“, ist eine äußerst schwere politische Zuschreibung. Das gleiche Prinzip gilt allerdings für die Frauenheldinnen selbst: Wer behauptet, „Transmedizin“ mache Kinder und Jugendliche lebenslang krank, muss ebenfalls differenzieren und seine Aussagen mit belastbaren Daten belegen. Die Auseinandersetzung wird nicht dadurch wissenschaftlicher, dass eine Seite ihre Gegner moralisch maximal negativ auflädt.

Neben all dem aktivistischen Getöse gibt es nämlich durchaus legitime Fragen: Wie sicher sind bestimmte medizinische Interventionen? Wie werden Jugendliche diagnostisch begleitet? Welche Rolle spielen psychische Belastungen und andere Erkrankungen? Wie reversibel sind einzelne Maßnahmen? Welche Folgen haben Pubertätsblocker, Hormone oder Operationen? Und wie werden Menschen beraten, die später ihre Entscheidung ändern?

Die Auseinandersetzung müsste deshalb eigentlich genau dort stattfinden, wo es kompliziert wird: bei Evidenz, individuellen Voraussetzungen, Risiken, Nutzen und Einwilligungsfähigkeit. Stattdessen dominieren zunehmend Lagerbegriffe. Die einen sprechen von „Trans-Ideologie“, die anderen von „TERFs“. Die einen sprechen von „Transmedizin“, als handele es sich um einen einheitlichen Block, die anderen behandeln jede Kritik daran als Angriff auf trans Menschen. Beides macht eine sachliche Debatte schwierig. Die Hamburger Vorgänge sind daher beispielhaft für einen größeren Zusammenhang.


1 „TERF“ steht für Trans-Exclusionary Radical Feminist („Trans-ausschließende(r) Radikalfeminist(in)“).

Kommentare (1)

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A.S. (nicht überprüft)

Mi. 30 Sep 2026 - 13:25

Wer sachliche Diskussion will, muss seine Emotionen bremsen. Mir scheint, das haben weite Kreise in der Bevölkerung verlernt.
Affektkontrolle galt in meiner Jugend als Tugend.

Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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