Nunja, dass es andere "Begutachtungen" gibt, die mindestens genauso schlimm sind, ist kein Argument dafür. Für keine entwürdigende Behandlung. Weder bei Pflege, noch bei einem Eintrag, der ausschliesslich für staatliche Belange Relevanz hat - aka nicht im zwischenmenchlichen Alltag.
Der Konsens der med-psych Fachwelt zum ehemaligen "Geschlechts-TÜV" des TSG ist jedenfalls einhellig: Geschlechtsidentität kann weder bewiesen noch falsifiziert werden.

Im Gegensatz zum Pflegegrad (ja, ich hab das bei meiner Mutter und anderen erlebt), können diese Geschlechts-"Gutachten" nichts messen oder einigermassen objektiv feststellen. Nur, ob eine Person die Gender-Stereotype der Begutachtenden hinreichen vortanzen kann - was bei nichtbinären Menschen quasi unmöglich ist. Originalaussage eines Gutachters zu einem trans Mann (in Jeans und T-Shirt) "Ohne Herrenhemd kriegen Sie von mir kein Gutachten". Von diesem Unfug gab es reichlich.

Eine Fremdzuschreibung ist deshalb unredlich und unethisch, zumal der Eintrag selbst im deutschen Privatalltag nirgendwo auftaucht. Die allermeisten Menschen könnten ihn nicht mal spontan beweisen, weil er nirgendwo steht. Nein, auch nicht im Perso, nicht im Führerschein. Noch nie.

Im Alltag wird Geschlechts nach "Augenschein" verhandelt. So wie man an der Backtheke angesprochen wird, nicht nach dem amtlichen Eintrag.

Das amtliche Geschlecht gibt keinerlei Rechte oder Privilegien. Es nimmt auch Dritten keinerlei Rechte. Wer sich mit der Praxis befasst weiss das.

Beim TSG war tatsächlich eine wesentliche Motivation, keine (rechtlich) gleichgeschlechtliche Ehe über den Umweg der Transition zu ermöglichen. Das ist dokumentiert. Deshalb mussten sich trans Personen vor der Vornamens- und Personenstandsänderung bis 2009 zuerst scheiden und noch bis 2011 sterilisieren lassen. Und - damit die armen Seelen des Mitmenschen keinen Schaden nehmen - "operativ an das Aussehen des Zielgeschlechts angleichen".

Heisst: Das Gesetz forderte nicht nur Zwangs-OPs und (zukünftige) Kinderlosigkeit, sondern auch offizielle "Tarnung" und Unsichtbarkeit für trans Personen.

Das wurde erst vor 15 Jahren durch erfolgreiche Verfassungsbeschwerde ausgesetzt wg Verstoss gegen Art. 1 GG und andere. Nicht durch das Parlament. Dem waren trans Personen 43 Jahre lang egal.

Die bürgerliche Ehe hat übrigens nichts mit "Wahrheit" zu tun, sondern mit wechselseitiger Fürsorge. Seit 2017 ist es egal, welches Geschlecht die beiden Menschen einer Ehe haben. Frauen nicht nur in Ehen sondern in allen Lebensbereichen zu schützen, hat auch nichts mir Ehe zu tun.

Es schützt übrigens keine cis Frau, wenn trans Frauen sogar von den Brosamen ausgeschlossen werden. Damit sind sie dann mehrfach marginalisiert: Als Frauen und als trans Personen. Das Problem heisst patriarchale Hegemonie. Dort werden Ressourcen und Einfluss verteilt, und diese Macht auch mit Gewalt verteidigt. Weil die kaum in Frage gestellt wird, müssen alle nicht-männlichen Menschen täglich vorsichtig und aufmerksam leben, ihre Nischen verteidigen und sich um die Almosen des Patriarchats streiten. Teile und herrsche - bzw lass die marginalisierten Gruppen sich gegenseitig klein halten.

Im übrigen gibt es ungefähr genauso viele trans Männer wie trans Frauen und ein Drittel aller trans Personen ist nichtbinär. Das geht im uninformierten Geschwurbel manchmal (absichtlich?) unter.

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