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AHA! Belletristik (2)

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Bearbeitung und Collage: F. Lorenz

(hpd) Trotz zum Teil streng religiöser Erziehung wurden sie zu Atheisten. Gleich zwei dekadente Dandys, die großen Einfluss nicht nur auf die Literatur nach ihnen hatten, stellt der hpd heute vor. Ebenso wie die Verfasserin eines der meistzitierten Essays der Frauenbewegung und dem Verfasser mehrerer New York Times-Bestseller. Drei der heute vorgestellten Autoren waren im Gefängnis – aus politischen Gründen oder weil sie „skandalös“ lebten.

Unter den Belletristen finden sich besonders viele Atheisten, Agnostiker und Humanisten. Einen der heute Präsentierten würde man wohl nicht gerade als Humanisten bezeichnen, aber aufgrund seiner wegweisenden Werke wird er dennoch vorgestellt. Ansonsten stammen die Autoren aus verschiedenen Ländern: England, Wales, Frankreich, der Türkei, Portugal und Schottland.
 

Die Belletristen sind nach Geburtsdatum sortiert:

Donatien-Alphonse-François, Marquis de Sade, 2. Juni 1740 – 2. Dezember 1814, schrieb während diverser Gefängnisaufenthalte eine Reihe pornographischer, kirchenfeindlicher und philosophischer Romane. Von seinem Namen ist der Begriff Sadismus abgeleitet.
Die Gefängnisaufenthalte sind auf sein skandalöses Leben zurückzuführen, was dem Adligen durch seinen Reichtum ermöglicht wurde. De Sade hielt Orgien in Paris und in Lacoste (seinem Landsitz) ab. Er lud Angehörige beiderlei Geschlechts ein und entlohnte sie, zwang jedoch manche zur Teilnahme, was ihn nicht eben zum Humanisten macht.
Jedoch beeinflussten seine Werke wie Justine, deren Gegenpart Juliette oder die 120 Tage von Sodom in der Folge die Literatur (z.B. Albert Camus), die bildende Kunst und sie „nahmen Freuds Prinzip von Eros und Thanatos um mehr als ein Jahrhundert vorweg.“ Er propagierte in seinen Werken die freie Liebe, die Gemeinschaftserziehung und setzte sich für die Entkriminalisierung bestimmter Sexualpraktiken sowie der Bisexualität und Homosexualität ein, die von seinen Zeitgenossen als Perversionen angesehen wurden. Philosophisch basierten seine Werke auf Holbach, LaMettrie, Machiavielli, Montesquieu und Voltaire. De Sades Libertin-Protagonisten vertraten atheistische, materialistische, naturalistische, deterministische, amoralische sowie ethisch-egoistische Positionen, jedoch stellte er ihnen jeweils auch eine Gegenmeinung gegenüber.
Feministische Autorinnen wie Angela Carter und Susan Sontag interpretierten de Sade als frühen sexuellen Aufklärer und einen Vorläufer des Feminismus, da in einigen seiner Romane Frauen sich sexuell durchaus forsch verhalten, aber auch, weil Übergriffe von Frauen und von Männern sowohl an Frauen wie Männern verübt werden.
In der Britannica heißt es, de Sade habe seine Langeweile und seinen Ärger im Gefängnis dadurch bewältigt, dass er sexuell eindeutige Romane und Stücke geschrieben habe. Im Juli 1782 beendete er seinen Dialogue entre un prêtre et un moribond (Dialog zwischen einem Priester und einem Sterbenden), in welchem er sich zum Atheisten erklärt.
“De Sade overcame his boredom and anger in prison by writing sexually graphic novels and plays. In July 1782 he finished his Dialogue entre un prêtre et un moribond (Dialogue Between a Priest and a Dying Man), in which he declared himself an atheist.”

 

Robert Louis Balfour Stevenson, 13. November 1850 – 3. Dezember 1894, war ein schottischer Romanautor, Dichter, Essayist und Reiseschriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Treasure Island (Die Schatzinsel) und Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde.
Schon zu seiner Lebenszeit war er ein gefeierter Prominenter, inzwischen gehört Stevenson zu den 26 am meisten übersetzten Autoren der Welt. Er wurde von vielen anderen Autoren bewundert, etwa von Jorge Luis Borges, Ernest Hemingway, Rudyard Kipling oder Vladimir Nabokov.
Im Daily Telegraph erschien 2005 THeo Taits Rezension der Stevenson-Biographie von Claire Harman, in der es heißt: „Ein dekadenter Dandy, der die männlichen viktorianischen Errungenschaften seiner Familie neidete, ein erklärter Atheist, der von religiösen Ängsten heimgesucht wurde, ein großzügiger und liebender Mann, der sich mit vielen seiner Freunde entzweite (...) und, selbstverständlich, ein bettlägeriger Invalide, der einige der schönsten englischsprachigen Abenteuergeschichten schrieb. (...) Schlimmer noch, er pflegte einen unkonventionellen Lebensstil, streifte durch die heruntergekommeneren Teile von Old Town, las Charles Darwin und Herbert Spencer und erklärte sich zum Atheisten. Das verursachte ein schmerzhaftes Zerwürfnis mit seinem Vater, der ihn als ‚leichtsinnigen Ungläubigen’ verdammte.“
"A decadent dandy who envied the manly Victorian achievements of his family, a professed atheist haunted by religious terrors, a generous and loving man who fell out with many of his friends - the Robert Louis Stevenson of Claire Harman's biography is all of these and, of course, a bed-ridden invalid who wrote some of the finest adventure stories in the language. [...] Worse still, he affected a Bohemian style, haunted the seedier parts of the Old Town, read Charles Darwin and Herbert Spencer, and declared himself an atheist. This caused a painful rift with his father, who damned him as a "careless infidel". (Theo Tait, review of Robert Louis Stevenson: a Biography by Claire Harman, Daily Telegraph, January 29, 2005, Books Pg.3)

 

Adeline Virginia Woolf, 25. Januar 1882 – 28. März 1941, war eine englische Schriftstellerin, die als einer der herausragenden modernistischen Literaten des zwanzigsten Jahrhunderts angesehen wird.
In der Zeit zwischen den Kriegen war Woolf eine wichtige Figur in der Londoner literarischen Gesellschaft und ein Mitglied der Bloomsberry Group. Zu ihren berühmtesten Werken gehören die Romane Mrs Dalloway (1925), To the Lighthouse (1927) und Orlando (1928) sowie das Essay im Umfang eines Buches, A Room of One’s Own (1929, Ein Zimmer für mich allein), mit seiner berühmten Aussage, „eine Frau muss Geld haben und ein Zimmer für sich allein, wenn sie schreiben will“. Das Essay, in dem Thesen zur Literaturgeschichte, zum Feminismus, zur Geschlechterdifferenz und zur Poetik vereint sind, wurde zu einem der meistzitierten Texte der Frauenbewegung.
In Lorraine Sims Biographie von Virginia Woolf schreibt sie: „Herannahende Momente des Seins als eine Version theologischen Mystizismus wird jedoch erschwert durch Woolfs Atheismus: In A Sketch of the Past erklärt sie, dass ‚es sicherlich und ausdrücklich keinen Gott gibt’ (MB, 72)“
"However, approaching moments of being as a version of theological mysticism is complicated by Woolf's atheism: in 'A Sketch of the Past', she declares that 'certainly and emphatically there is no God' (MB,72)." Lorraine Sim, Virginia Woolf: the patterns of ordinary experience (2010), page 148.

 

Miguel Torga, Pseudonym von Adolfo Correia da Rocha, 12. August 1907 – 17. Januar 1995, wird als einer der bedeutendsten portugiesischen Autoren des 20. Jahrhunderts angesehen. Er schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, für das Theater und ein 16-bändiges Tagebuch.
Nachdem er sich wegen seines Vaters zunächst als Priesteranwärter probierte, ging er nach Brasilien zu einem Onkel. 1925 kehrte er zurück nach Portugal und nahm nach Abschluss des Gymnasiums ein Medizinstudium an der Universität Coimbra auf. 1928 erschien sein erster Gedichtband Ansiedade (Angst). Nach seiner Promotion war er zunächst als Landarzt tätig.
Torga war kurzzeitig Mitglied der Literaturbewegung Presença, bevor er in den 1930ern zwei Kulturmagazine (eines davon 1934, A Terceira Voz: Die dritte Stimme) gründete. Nach der Veröffentlichung seines Buchs O Quarto Dia da Criação do Mundo (Der vierte Tag der Erschaffung der Welt) wurde er als Oppositioneller des Salazar-Regimes für zwei Monate festgenommen, von Dezember 1939 bis Februar 1940.
Die Anerkennung seiner Werke brachte ihm einige wichtige Preise ein, wie etwa 1981 den Montaigne Preis und 1989 den allerersten Prémio Camões. Zwischen 1960 und 1994 wurde er mehrmals für den Literatur-Nobelpreis nominiert.
Seine agnostischen Überzeugungen sind in seinem Werk reflektiert, welches sich hauptsächlich mit der Vornehmheit des Menschseins in einer schönen, aber rücksichtslosen Welt beschäftigt, in der Gott entweder abwesend oder nichts als ein passiver und stummer, indifferenter Schöpfer ist.
In seinem Nachruf schrieb James Kirkup in The Independent: „Seine Erziehung in Jesuitenseminaren machten ihn zum lebenslangen Atheisten, auch wenn er manchmal die weniger sadistische Bildsprache des Christentums nutzte.“
"His education in Jesuit seminaries made of him a lifelong atheist, though he sometimes used the less sadistic imagery of Christianity." James Kirkup, 'Obituary: Miguel Torga', The Independent (London), January 20, 1995, Pg. 16.

 

Aziz Nesin, geboren als Mehmet Nusret Nesin, 20. Dezember 1915 – 6. Juli 1995, war ein berühmter türkischer Autor und Humorist, der von Krim-Tataren abstammte und mehr als 100 Bücher verfasste, von denen einige in 40 Sprachen übersetzt wurden.
Nesins Vater war anscheinend sehr religiös und ein Gegner von Atatürk. Als Kind erhielt er Koranunterricht von einem Freund seines Vaters und besuchte die Kuleli-Militärschule in Istanbul, die er 1935 abschloss. 1937 absolvierte er die Militärakademie in Ankara, wurde Offizier in der Armee, die ihn 1944 wegen Amtsmissbrauchs entließ.
Mit Sabahattin Ali gab Nesin ab 1946 die Satirezeitschrift Markopaşa heraus. Nach der dritten Ausgabe wurden die beiden verhaftet, aber nach 20 Tagen ohne Anklage wieder auf freien Fuß gesetzt. Daraufhin benannten sie die Zeitschrift mehrmals um, um der Zensur zu entkommen. Sabahattin Ali wurde 1948 an der Grenze zu Bulgarien ermordet, vermutlich durch staatliche Stellen, und Nesin betrieb die Zeitung bis 1951 allein weiter. Wegen seiner kritischen Haltung musste er über 200 Mal vor Gericht erscheinen.
1972 gründete er in der Nähe von Istanbul die Nesin-Stiftung, in der Kinder liebevoll zu kreativen und kritischen Menschen erzogen werden sollen. Inzwischen leitet Aziz Nesins Sohn Ali Nesin die Stiftung für Kinder, deren Eltern ihnen den Zugang zur Bildung nicht finanzieren können.
Nachdem er die türkische Übersetzung einiger Auszüge der Satanischen Verse von Salman Rushdie herausgab, wurde er von islamischen Fundamentalisten zum Abtrünnigen des Islam erklärt und eine Fatwa verhängt. Bei einem Brandanschlag auf sein Leben im Juli 1993 überlebte Nesin leicht verletzt, aber 37 Menschen kamen dabei um. Am 6. Juli 1995 starb er nach einer Lesung in Izmir an einem Herzinfarkt. In seinem Testament hatte er verfügt, dass er als Atheist keine islamische Trauerfeier wolle.
In einem Interview soll er einmal gesagt haben: „Fundamentalismus ist kein Konzept, das nur für den Islam gilt. Er ist eine Gefahr, die sich in allen Weltreligionen präsentiert. Egal, in welcher Religion er sich präsentiert, Fanatismus ist ein Feind des Friedens, der Toleranz und der Zivilisation.“
Last year he said in an interview: "Fundamentalism is not a concept unique to Islam. It is a danger that presents itself in all world religions. Regardless of which religion it presents itself in, fanaticism is an enemy of peace, tolerance and civilization."
In seinem Nachruf in der New York Times hieß es: „Herr Nesin war ein Satiriker, ein Linker und ein Atheist aus einer muslimischen Familie. 1994 sagte er, dass er Gott nicht brauche, ‚weil ich weder das Paradies noch die Hölle will’. Er schrieb mehr als 100 Bücher, hauptsächliche Romane gewürzt mit scharfer Kritik der Politik und Gesellschaft.
“Mr. Nesin was a satirist, a leftist and an atheist from a Muslim family. He said in 1994 that he did not need God "because I want neither paradise nor hell." He wrote more than 100 books, chiefly novels laced with acid criticism of politics and society.”

 

Ken Follett, geboren am 5. Juni 1949, ist ein walisischer Autor von Thrillern und historischen Romanen. Er hat mehr als 100 Millionen Exemplare seiner Werke verkauft, von denen vier die Nummer 1 der New York Times Bestseller-Liste erreichten: The Key to Rebecca, Lie Down with Lions, Triple und World Without End.
Bekannt sind außerdem seine Bücher Pillars of the Earth (1989, Säulen der Erde) und Winter of the World (2012, Winter der Welt: Die Jahrhundert-Saga), einige seiner Bücher wurden verfilmt.
Folletts Eltern waren streng religiös und erlaubten ihren Kindern weder Fernsehen noch Radio. Daher lernte er schon früh lesen, die Bücherei wurde zu seinem Lieblingsort. Er studierte später an der University College London Philosophie, da er hoffte, so die Frage der Existenz von Gott und seines (früheren) Glaubens beantworten zu können.
Am 15. September 2010 gehörte Follett zu den 55 öffentlichen Personen, die einen Offenen Brief im Guardian unterzeichneten, in dem sie ihre Opposition gegenüber dem Staatsbesuch von Papst Benedikt XVI bekundeten.
In einem Interview mit dem Sunday Telegraph erzählte Follett: „Ja, sobald ich das Alter der Vernunft erreichte, ungefähr mit 16, hörte ich auf, zur Kirche zu gehen. Aber ich habe auch eine genusssüchtige Seite und hätte in einer puritanischen Religion niemals froh sein können. Selbstverleugnung ist nicht mein Ding.“
"Yeah, as soon as I reached the age of reason - about 16 - I stopped going to church. But I also have a sybaritic streak and could never have been happy in any puritanical religion. Self-denial is not my thing." Nigel Farndale, 'Damn Right I Got The Talent', Sunday Telegraph, October 7, 2007, Section 7 (Books), Pg.22.

 

Da es, wie oben bereits erwähnt, unter den Belletristen sehr viele Atheisten, Agnostiker und auch Humanisten gibt, sollte dies nicht der letzte Artikel über Vertreter dieser Zunft sein.

Fiona Lorenz

Anmerkung: Die Originalzitate sind – sofern nicht anders gekennzeichnet – wikipedia.org entnommen

Belletristik (1) (25.5.2012)
AHA! Fernseh-Adel (26.10.2012)
AHA! Comiczeichner (19.10.2012) - Hier sind Links auf vorhergehende AHA!-Artikel zu finden.

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