Nachruf auf Sir Patrick Stewart (13. Juli 1940 – 28. Oktober 2026)
Der Humanist auf der Brücke
Captain Jean-Luc Picard von der „USS Enterprise“ war wohl seine bekannteste Rolle: Der Schauspieler Patrick Stewart ist am 28. Oktober im Alter von 86 Jahren an einer Demenzerkrankung verstorben. Doch auch sein Engagement als Aktivist und Schirmherr der britischen Organisation Humanists UK verdient Beachtung. In der Rolle des Captain Picard brachte er einem Millionenpublikum humanistische Werte näher.
Foto: © Urbantog, Wikipedia CC BY-SA 3.0
Der Mann ist geschunden und gedemütigt, auf der nackten Haut zeichnen sich die Spuren von Misshandlung ab. Vier Scheinwerfer blenden ihn. Sein Peiniger wartet auf einen einzigen Satz. „Es sind vier Lichter!“, stößt er hervor, wie mit letzter Kraft. Doch gerade das will der andere nicht hören und bestraft ihn mit grausamen Schmerzen.
Eine Szene aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“. Der Gefolterte ist eine Hauptfigur der Serie, Captain Jean-Luc Picard. In der Doppelfolge „Geheime Mission auf Celtris Drei“ wird Captain Picard von einer feindlichen Macht, den Cardassianern, gefangen genommen. Sie wollen Informationen aus ihm herauspressen, doch ihr eigentliches Ziel ist es, seinen Willen zu brechen – durch körperliche und psychische Folter. Schließlich zeigt sein Peiniger dem Gefangenen vier Scheinwerfer und versucht ihn zu zwingen, entgegen dem Augenschein zu sagen, es seien fünf. Doch in einem verzweifelten Akt menschlicher Integrität schreit Picard heraus: „Es sind vier Lichter!“ Eine der bekanntesten Szenen aus dem Star-Trek-Universum.
Zum Fernsehen kam Patrick Stewart über Umwege. 1940 in der englischen Kleinstadt Mirfield geboren, verließ er mit 15 Jahren die Schule, um zunächst Artikel für die Lokalzeitung zu schreiben – bis er entlassen wurde, weil er zu viel Zeit am Theater verbrachte, wie es heißt. Sein weiterer Weg führte über verschiedene Stationen zur renommierten Royal Shakespeare Company. Es folgten zahlreiche kleine und große Rollen in Fernsehen und Film, so etwa in der Reihe „X-Men“. Für seine Verdienste um das Theater wurde er 2010 von der Queen zum Ritter geschlagen.
Weltweite Bekanntheit erlangte Patrick Stewart jedoch als Captain Jean-Luc Picard in der Serie „Star Trek: The Next Generation“, die im September 1987 erstmals ausgestrahlt wurde. Drei Jahre später lief sie auch im deutschen Fernsehen unter dem Titel „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“. Über sieben Staffeln und vier Kinofilme setzte sie die humanistische Zukunftsvision von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry in damals zeitgemäßer Gestalt fort: Die Menschheit hat den Kapitalismus überwunden und sich mit anderen Spezies zusammengeschlossen, darunter auch frühere Feinde. Konflikte werden durch Dialog und Diplomatie, Herausforderungen durch Logik und Wissenschaft überwunden. Und all das wird immer wieder neu ausgehandelt.
Eine Utopie aus den späten 1980er Jahren. Seither haben Aufklärung und Humanismus vieles erreicht. Andererseits sehen wir uns im Jahr 2026 Bedrohungen gegenüber, die längst überwunden schienen. Andere Herausforderungen, wie den Klimawandel, haben wir zu lange tatenlos hingenommen. Dennoch bleibt Anlass zur Hoffnung.
Patrick Stewart vertraute der transformativen Kraft menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Veränderung. So unterstützte er die britischen Humanists UK als Schirmherr und Aktivist.
„In meinem Leben habe ich Veränderungen in der Welt erlebt, von denen ich vor 50 Jahren glaubte, dass ich sie niemals erleben würde (…) Das sind gewaltige Umwälzungen in der Welt, die von Menschen herbeigeführt wurden, die daran glaubten, dass sich Dinge ändern lassen“, schrieb Stewart dazu.
Sein besonderes Engagement galt dem Recht auf assistierten Suizid. Den Ausschlag gab ein tragischer Vorfall im Bekanntenkreis. Die Ehefrau eines Freundes litt an einer unheilbaren, tödlichen Krankheit und wurde von unerträglichen Schmerzen geplagt. Nach einem ersten Suizidversuch durch eine Überdosis Opiate kam sie ins Krankenhaus, wo man sie am Leben erhielt. Doch kurz nach der Entlassung passte sie einen Moment ab, als sie allein zu Hause war. Ihr Ehemann fand sie später tot vor: Sie hatte sich eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt und verknotet, um zu ersticken.
„Sterbehilfe muss ein Grundrecht für uns alle sein. Wir müssen frei von Qual und Leiden sein, wir müssen die Freiheit haben, selbst zu wählen. Wir haben keine Wahl, wie und wann wir auf diese Welt kommen, aber wir sollten wohl eine Wahl treffen können, wie wir sie verlassen, wenn der Tod kurz bevorsteht“, schrieb Stewart 2015.
Verantwortung zu übernehmen, für die Menschenwürde einzutreten und die Errungenschaften von Wissenschaft und Aufklärung stetig neu zu verteidigen: Das zeigte Patrick Stewart auch mit seiner Figur Captain Picard. In der eingangs erwähnten Episode wird er schließlich von seinen Leuten aus der Gefangenschaft befreit. Später gesteht er der Schiffspsychologin, dass er in der Gefangenschaft tatsächlich kurz davor stand, an Folter und Manipulation zu zerbrechen und zu sagen, dass es fünf Lichter seien. Schlimmer noch: „Ich war so weit, dass ich tatsächlich dachte, ich sehe wirklich fünf Lichter.“
Unsere Integrität als Menschen ist vulnerabel, unsere Würde bedarf des Schutzes und der Verteidigung. Sie zu bewahren, wird uns nur gemeinsam gelingen.
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