Über die politische Verwendung moralischer Begriffe und die Macht der Sprache

Wenn Begriffe ihre Maßstäbe verlieren: Putin, Witkoff und der Humanismus

Als der US-Gesandte Steve Witkoff Wladimir Putin als „humanitarian“ bezeichnete, wurde daraus in manchen deutschen Medien zeitweise ein „Humanist“. Der Vorgang wirft eine grundsätzlichere Frage auf: Was geschieht mit moralischen Begriffen, wenn sie in der Politik der gegenseitigen Anerkennung und Selbstaufwertung dienen?

Wladimir Putin mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu
Wladimir Putin mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu (2013).

Wladimir Putin ist kein Humanist. Jedenfalls nicht, wenn man unter Humanismus eine Weltanschauung versteht, die Menschenwürde, individuelle Freiheit, Selbstbestimmung und die Achtung grundlegender Menschenrechte zu ihren unverzichtbaren Prinzipien zählt. Die Politik des russischen Präsidenten, der Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Unterdrückung politischer Opposition stehen dazu in einem kaum auflösbaren Widerspruch.

Das festzustellen, dürfte allerdings kaum einen eigenen Artikel rechtfertigen. Interessanter ist, weshalb die Frage überhaupt aufgeworfen wurde.

Anlass war eine Äußerung des amerikanischen Sondergesandten Steve Witkoff bei einem Treffen mit Putin am 21. Oktober 2026 in St. Petersburg. Russland hatte die Freilassung des seit 2022 inhaftierten Amerikaners Stephen Hubbard veranlasst. Witkoff bedankte sich dafür überschwänglich und bezeichnete Putin als „humanitarian“.

In der deutschen Berichterstattung wurde daraus teilweise ein „Humanist“. Der Spiegel korrigierte diese Übersetzung später ausdrücklich und ersetzte sie durch „Menschenfreund“.

Das ist keine sprachliche Nebensächlichkeit. Das englische „humanitarian“ bezeichnet einen Menschen, der sich um das Wohlergehen anderer bemüht oder humanitäre Anliegen unterstützt. Ein Humanist hingegen steht für eine philosophische oder weltanschauliche Orientierung. Beide Begriffe haben Berührungspunkte, sind aber keineswegs austauschbar.

Witkoff hatte Putin also nicht zum Vertreter einer humanistischen Weltanschauung erklärt. Seine Äußerung bezog sich auf eine konkrete Handlung. Bemerkenswert ist allerdings, dass er sich nicht darauf beschränkte, diese Handlung als humanitär zu würdigen. Er übertrug die positive Eigenschaft auf die Person: Putin sei ebenfalls ein Menschenfreund.

Das ist angesichts der politischen Wirklichkeit durchaus eine bemerkenswerte Zuschreibung. Aber wir sollten nicht vorschnell unterstellen, Witkoff habe damit eine philosophische Position formulieren oder eine langfristige Strategie zur Umdeutung des Humanismus verfolgen wollen.

Viel näher liegt eine diplomatische Höflichkeitsgeste. Putin hatte zuvor die humanitären Beweggründe Donald Trumps hervorgehoben. Witkoff erwiderte das Kompliment. Beide Seiten versicherten einander gewissermaßen ihrer Menschlichkeit.

Doch gerade diese scheinbar beiläufige Episode führt zu einer Frage, die weit über Putin hinausreicht: Was geschieht mit moralischen Begriffen, wenn sie in der politischen Kommunikation zunehmend als Mittel gegenseitiger Anerkennung und Selbstaufwertung verwendet werden?

Wenn Sprache mehr tut, als etwas zu sagen

Donald Trump bietet ein weiteres Beispiel. Er hat wiederholt erklärt, den Friedensnobelpreis verdient zu haben. Als er ihn im Oktober 2026 erneut nicht erhielt, bezeichnete er die Entscheidung als bleibenden Makel Norwegens und erklärte den Preis durch die Entscheidung des Nobelkomitees für diskreditiert.

Über Trumps diplomatische Aktivitäten und deren Ergebnisse kann man selbstverständlich diskutieren. Aber seine Reaktion ist auch unabhängig von dieser Bewertung aufschlussreich. Die Anerkennung als Friedensstifter wird hier nicht lediglich erhofft oder angestrebt. Sie wird als bereits erworbener Anspruch dargestellt, dessen Nichtanerkennung die auszeichnende Institution selbst beschädige.

Bei Witkoff begegnet uns eine positive Fremdzuschreibung, bei Trump eine positive Selbstzuschreibung. In beiden Fällen werden moralisch hoch angesehene Begriffe in Anspruch genommen. Damit stellt sich die Frage, welche Rolle die Kriterien noch spielen, an denen solche Zuschreibungen zu messen wären.

Die Sprachphilosophie bietet hierfür ein hilfreiches Instrumentarium.

John L. Austin hat bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts darauf aufmerksam gemacht, dass Sprache keineswegs nur dazu dient, Sachverhalte zu beschreiben. Mit sprachlichen Äußerungen können wir auch Handlungen vollziehen. Wer unter den dafür vorgesehenen Bedingungen eine Ehe schließt, eine Wette eingeht oder jemanden zu einem Amt ernennt, beschreibt nicht einfach eine Wirklichkeit. Er trägt durch seine Äußerung dazu bei, sie hervorzubringen.

Austin bezeichnete solche Äußerungen als performativ. Entscheidend war für ihn allerdings auch, dass sie an bestimmte Voraussetzungen gebunden sind. Nicht jeder kann durch bloßes Aussprechen einer Formel eine Ehe schließen oder jemanden rechtswirksam ernennen.

Natürlich wird Putin nicht dadurch zum Menschenfreund, dass Witkoff ihn so nennt. Hier handelt es sich nicht um einen performativen Akt im engen Sinne der klassischen Beispiele Austins.

Dennoch ist die Unterscheidung zwischen dem Inhalt einer Äußerung, der mit ihr vollzogenen sprachlichen Handlung und ihren möglichen Wirkungen auf andere Menschen von erheblicher Bedeutung.

Austin unterschied hierfür unter anderem zwischen illokutionären (das Beabsichtigen beim Sprechenden) und perlokutionären (das Bewirken beim Empfangenden) Akten. Mit einer Äußerung kann jemand beispielsweise loben, warnen oder versprechen. Darüber hinaus kann sie andere überzeugen, verunsichern, beruhigen oder zu bestimmten Handlungen veranlassen.

Das eine ist, was wir mit einer Äußerung tun. Das andere ist, was wir durch sie bewirken.

Beides muss keineswegs zusammenfallen. Und vor allem setzt eine tatsächliche Wirkung nicht voraus, dass der Sprecher sie in dieser Form beabsichtigt hat.

Witkoff dürfte vor allem eine diplomatische Situation im Blick gehabt haben. Dennoch wurde seine Äußerung international aufgegriffen, kommentiert, übersetzt und zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen gemacht. Schon die zeitweilige Übersetzung von „humanitarian“ mit „Humanist“ zeigt, wie sich eine Aussage im Verlauf ihrer öffentlichen Verbreitung begrifflich verändern kann.

Dass eine Äußerung Aufmerksamkeit erregt, beweist freilich noch nicht, dass sie gesellschaftliche Wertmaßstäbe verändert. Aber sie kann Teil eines Kommunikationsprozesses werden, in dem solche Maßstäbe fortlaufend bestätigt, bestritten oder verschoben werden.

Wenn die Begriffe bleiben, aber ihre Maßstäbe verschwimmen

Politische Sprache war niemals frei von strategischen Absichten. Diplomatie wäre ohne die Fähigkeit, durch Worte Gesprächsbereitschaft, Vertrauen oder wenigstens eine geeignete Verhandlungsatmosphäre herzustellen, kaum denkbar.

Dabei müssen positive Zuschreibungen nicht einmal Ausdruck einer tatsächlichen Überzeugung sein. Sie können auf eine erwünschte Entwicklung zielen, statt einen bereits bestehenden Zustand zutreffend zu beschreiben.

Problematisch wird es jedoch, wenn sich die Verwendung moralischer Begriffe zunehmend von den Kriterien entfernt, die ihnen ihre positive Bedeutung verleihen.

Dabei müssen die Begriffe selbst gar nicht ausdrücklich umdefiniert werden. Im Gegenteil: Gerade ihre überlieferte Bedeutung macht sie politisch attraktiv.

Wer sich als Friedensstifter bezeichnet, will von der positiven Bewertung des Friedens profitieren. Wer einen anderen als Menschenfreund charakterisiert, überträgt auf ihn etwas vom moralischen Ansehen der Menschlichkeit. Und wer sich auf Freiheit oder Gerechtigkeit beruft, beansprucht die Autorität von Werten, deren grundsätzliche Bedeutung kaum bestritten wird.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr allein, was diese Begriffe bedeuten. Sie lautet auch, unter welchen Voraussetzungen wir ihre Anwendung für gerechtfertigt halten.

Eine einzelne unpassende Zuschreibung lässt die Bedeutung eines Begriffs nicht verschwinden. Sprache ist zudem wandelbar, und nicht jede Veränderung ihres Gebrauchs bedeutet einen Verlust an Präzision.

Anders verhält es sich möglicherweise, wenn bestimmte Zuschreibungen immer wieder erfolgen, von einflussreichen Sprechern verbreitet und in der öffentlichen Kommunikation übernommen werden. Dann kann sich allmählich verändern, welche Eigenschaften und Handlungen Menschen mit einem Begriff verbinden und welche Widersprüche sie bei seiner Verwendung noch wahrnehmen.

Dafür braucht es nicht einmal einen zentralen Plan. Die kumulative Wirkung vieler einzelner Äußerungen kann über die Absichten der jeweiligen Sprecher hinausgehen.

Man könnte von einer schleichenden Umwertung sprechen. Allerdings nicht im philosophisch anspruchsvollen Sinne einer grundlegenden Neubewertung moralischer Werte. Vielmehr bleiben die positiven Wertungen erhalten, während die Maßstäbe ihrer Anwendung an Verbindlichkeit verlieren können.

Das ist eine besonders eigentümliche Form begrifflicher Verschiebung: Die moralische Autorität eines Begriffs wird weiterhin beansprucht, aber seine begründende Substanz droht in den Hintergrund zu treten.

Die Folgen wären nicht bloß sprachlicher Natur. Moralische Begriffe sind Instrumente gesellschaftlicher Verständigung und politischer Urteilsbildung. Wir benötigen sie, um Handlungen zu beurteilen, Ansprüche zu prüfen und zwischen berechtigter Anerkennung und bloßer Selbstinszenierung zu unterscheiden.

Wenn ihre Verwendung zunehmend beliebig wird, verlieren sie einen Teil dieser Orientierungsfunktion.

Dagegen hilft allerdings nicht, jede fragwürdige Zuschreibung mit einer ebenso entschiedenen Gegenbehauptung zu beantworten. Wer wissen möchte, ob jemand humanitär handelt, muss die betreffenden Handlungen prüfen. Wer jemanden als Humanisten bezeichnet, muss erklären können, was darunter zu verstehen ist. Und wer den Anspruch erhebt, als Friedensstifter ausgezeichnet zu werden, muss sich an den dafür relevanten Leistungen und Maßstäben messen lassen.

Gerade ein kritischer Humanismus sollte sich deshalb nicht damit begnügen, seine eigenen Begriffe gegen vermeintlich unberechtigte Vereinnahmung zu verteidigen. Er muss auch darauf achten, dass er selbst sorgfältig mit ihnen umgeht.

Die Episode um Witkoffs Äußerung bietet dafür ein anschauliches Beispiel. Aus einem englischen „humanitarian“ wurde zeitweise ein deutscher „Humanist“. Die Empörung über die vermeintliche Zuschreibung konnte dadurch eine philosophische Frage aufwerfen, die der ursprüngliche Sprecher gar nicht gestellt hatte.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Lehre des Vorgangs: Wer moralische Begriffe gegen ihre Entwertung verteidigen möchte, muss zunächst genau hinschauen, was tatsächlich gesagt wurde – und anschließend prüfen, was damit gemeint sein kann und welche Wirkungen daraus entstehen.

Denn nicht jede politische Äußerung verändert die Bedeutung unserer Werte. Aber wenn wir aufhören, ihre Anwendung an nachvollziehbaren Kriterien zu messen, tragen wir selbst dazu bei, dass diese Werte ihre begriffliche Kontur verlieren.

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