Rückkehr der Religion - eine Mär?

BERLIN. Eine fragwürdige These steht im öffentlichen Raum, die weitere Fragen provoziert: Wieso kommt zurück, was nie verschwunden war? Lässt die Einzahl (die Religion) vermuten, dass nur eine wiederkehrt – aber dann welche: die islamische, die schon einmal Europa bedroht und zugleich befruchtet hat?

Wovon ist eigentlich die Rede, wenn von Religion gesprochen wird? Meinen Befürworter und Gegner der Rückkehr-These nicht vielmehr Religiosität oder nur bestimmte Seiten davon als kulturelles Phänomen oder als spirituelles Massenereignis? Gibt es Interessen daran, dass Religion wiederkehrt? Wer hat solche Wünsche?

Zu diesen Fragen veranstaltet die hiesige „Humanistische Akademie Berlin" am 17. März 2007 eine öffentliche Fachtagung und nimmt Anmeldungen gern entgegen. Der Veranstalter erwartet neue empirische Befunde und eine kontroverse Debatte. Dazu trägt die Auswahl der Referentin und des Referenten bei:

Dr. Claudia Schulz (Jg.1968) kommt aus Bremen. Sie ist Theologin, Religionswissenschaftlerin und Soziologin mit den Forschungsgebieten „Lebensstile" und „Kirchenmitgliedschaft". Ihre bekannteste Publikation ist das Buch „Hilfe – Hoffnung – Hindernis". Es ist 2002 im „diagonal-Verlag" erschienen und behandelt die „Bedeutung des Religiösen in der Lebensgeschichte von Alkoholabhängigen".

Dr. Carsten Frerk (Jg.1945) wohnt in Hamburg. Er ist Politologe, Soziologe und Freier Autor und derzeit Agenturleiter von „fowid" und dieses Pressedienstes „hpd". Seine neueren Publikationen „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland" sowie „Caritas und Diakonie in Deutschland" sind 2002 bzw. 2005 im Alibri-Verlag erschienen.

Die Diskussion zum Thema „Rückkehr der Religion" verebbt nicht. Sie findet im Netz in Philosophietalks statt und hatte mit der Papstwahl zweifellos einen Höhepunkt auch medial. Auf dieser Welle schwamm dann Wolfram Weimer mit seinem Buch „Credo. Warum die Rückkehr der Religion gut ist" (dva, August 2006), nach den Worten des Autors ein mutiges Plädoyer für klassisch konservative Werte und die optimistische Antwort auf die Demographie-Apokalypse und den Kulturpessimismus. Nahezu zeitgleich erschien das Buch des „TV-Vatikanexperten" Stephan Kulle von Scherz „Warum wir wieder glauben wollen" (Kiepenheuer & Witsch 2006) Er berichtet über viele Erlebnisse, die auf eine neue Zeit der religiösen und spirituellen Neubesinnung hindeuten. – Das vereinnahmende „Wir" ist ein Kennzeichen dieser zahlreich geäußerten öffentlichen Behauptungen, bis hin zum „Wir sind Papst".

Die öffentliche Debatte wurde wesentlich durch das kirchliche Interesse geprägt, das Rückkehr-Thema in Konjunktur zu bringen. Dabei kristallisierte sich die Tendenz heraus, von einer "Rückkehr der Religion in die Medien?" zu sprechen. Auf dem „Zukunftskongress" der EKD kürzlich im säkularisierten Osten Deutschlands wurde sogar die Formel geboren „Die Kirchen wachsen mit den modernen Medien": Die evangelische Kirche müsse versuchen, „sich als Marke zu etablieren". „Kirche" und „evangelisch" muss für das Gute und für das Richtige stehen". Die Kirche solle Gutes tun und davon reden. Dies sei zwar „nicht ehrenhaft, aber unheimlich öffentlichkeitswirksam". Welche moralische Grenze mit einer solchen Strategie überschritten wird und welche Gefahren für die Demokratie entstehen, wenn eine ethische Instanz wie ein ökonomischer Konzern handelt, ist in der Literatur ja hinlänglich durch Gerhard Besier 2002 in „Konzern Kirche" beschrieben und von Thomas Meyer in seinem Buch „Die Ironie Gottes" kritisiert worden (hier eine Kurzfassung seiner Thesen).

Die ständigen Wiederholungen, Religion kehre zurück, wurden zwischenzeitlich selbst zu einem Hoffnungsglauben in einem interessegeleiteten Teil der Öffentlichkeit. Es funkelte der Wunsch, die „Wiederkehr der Religion" möge wahr sein.

Die propagandistische Überdehnung der Rückkehr-These auf Kirchenseite führte alsbald auch zu einschränkenden Relativierungen durch Theologen selbst. Erst kürzlich äußerte sich der Kölner Theologe und Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn über die Herausforderungen und Chancen, die die neue Religiosität für die Kirche mit sich bringt in der Linzer „KirchenZeitung": „Dieser Trend erfüllt vor allem die – ausgesprochene oder unausgesprochene – Erwartung der Kirche nicht, dass die Menschen dauerhaft und stetig am kirchlichen Leben teilnehmen. ... Doch im Allgemeinen kehrt die neue Religiosität in anderen Formaten als in den kirchlichen wieder, sie ist jenseits von Dogma und Moral angesiedelt."

Kern dieser Botschaft ist: Es nimmt etwas zu, was Religiosität genannt werden kann, das aber außerhalb der etablierten Kirchen sich entfaltet. Es könnte also auch ein kulturelles Phänomen sein, das bislang nur mit religionswissenschaftlichen Begriffen erklärt wird. Das wiederum besagt, dass eine ausschließlich theologische bzw. religionswissenschaftliche Analyse zu irrigen Interpretationen führen kann. Eine kulturwissenschaftliche Sicht auf religiöse Erscheinungen steht erst an ihrem Anfang.

In Korrespondenz zu dieser These steht der Vortrag „Rethinking Secularization. A Global Perspective" von Prof. Dr. José Casanova (New York), kürzlich gehalten an der „ Ruhr-Universität Bochum" im Rahmen eines Kolloquiums der von der „Deutschen Forschungsgemeinschaft" geförderten Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne".

Casanova zählt zu den international wohl bedeutendsten Religionssoziologen. Mit seinen Thesen trat er der verbreiteten Ansicht entgegen, dass es in modernen Gesellschaften zu einem Bedeutungsverlust der Religionen kommen müsse. Diese Befunde teile nicht, wer die die Vielfalt von nationalen Modernisierungsprozessen, die Casanova in den vergangenen Jahren in zahlreichen Studien von Amerika über Europa bis Fernost analysierte, mit alten soziologischen Theorien, selbst die der sogenannten „Ausdifferenzierung" moderner Gesellschaften, zu erfassen versuche. Religion habe sich verändert, was dazu zwinge, nach den wesentlichen Ursachen der Veränderung von Religion und Kirchlichkeit zu fragen. Dazu gehöre auch die Wahrnehmung von Kirche und Religion unter dem Einfluss der Massenmedien.

Casanovas Mitteilungen laufen auf zwei Erfordernisse hinaus: die medialen Erscheinungen von den realen zu trennen und Religion angemessen zu definieren – stärker in Richtung „Religiosität" und von kirchlicher Verfasstheit von „Religion" stärker abstrahierend. Anzumerken ist hier: Kommt es aber zu einer neueren Definition, der Trend ist absehbar, besteht die Gefahr, die empirischen Befunde in den neuen Begriff zu pressen, um der Rückkehr-These dann doch zur Wahrheit zu verhelfen. Unter dieser Not litt die kürzlich ebenfalls in Bochum abgehaltene Konferenz „Dialektik der Säkularisierung", über die der Autor hier berichtete.

Wie Casanova, so sprechen auch die Befunde des Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner, der wohl die umfänglichsten vergleichenden Untersuchungen in Europa angestellt hat, in die er auch humanistische Orientierungen einbezog, für eine Belebung des Bedürfnisses nach Spiritualität. „Die Prognosen vom Verschwinden der Religion im Zuge der Säkularisierung seien nicht eingetroffen, unterstrich der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner vor dem Pastoralrat der Erzdiözese Wien. Es lasse sich im Gegenteil ein 'Megatrend zur Respiritualisierung' feststellen. Besonders ausgeprägt sei dies in europäischen Großstädten wie Brüssel und Wien. Diese großstädtische Respiritualisierung sei ein 'Aufstand gegen die wachsende Unerträglichkeit des banalen Alltagslebens', so Zulehner. Die vom Zwang, 'maximales Glück in minimaler Zeit zu erreichen', enttäuschten Menschen seien auf der Suche nach 'Heilung'.

In religiöser Hinsicht lasse sich die Bevölkerung Wiens in vier Gruppen einteilen, so Zulehner: die 'Religionskomponisten' (34 Prozent), die sich ihre Weltanschauung aus verschiedenen Quellen zusammenstellen, die 'naturalistischen Humanisten' (34 Prozent), die sich in einen schicksalhaften Kreislauf der Natur eingebunden fühlen und anthropozentrisch ausgerichtet sind, die Gruppe der Christen (20 Prozent), die sich zu den zentralen christlichen Glaubenssätzen bekennen, sowie die 'Atheisierenden' (12 Prozent), die nicht an Gott glauben oder zumindest nichts von seiner Präsenz merken." – Die „Wiener Zeitung" vom 16.12.2005 brachte die Erkenntnisse Zulehners auf die Formel: „Der geheime Kulturkampf: Postmoderne versus Religion – progressive gegen konservative Spiritualität".

Einigkeit unter nahezu allen Diskutanten der These von der „Rückkehr der Religion" besteht darin, dass es sich hierbei um eine zentrale Kulturfrage und letztlich um Antworten handelt, wie Geschichte und Zukunft der Säkularisierung eingeschätzt werden. Hartmut Lehmann z.B. vertritt hier konsequent die Auffassung, Europa sei hier einen Sonderweg gegangen.

Die „Humanistische Akademie" hat zur Säkularisierungsfrage bereits zwei wissenschaftliche Tagungen durchgeführt (2001 und 2002), dokumentiert in „humanismus aktuell" (Hefte 10 und 12). Man kann sogar sagen, dass sich fast alle ihre Tagungen diesem Phänomen gewidmet haben, weil die Einschätzung dessen, was Säkularität bedeutet und welche Entwicklung sie nimmt, existenziell ist für Verbände des organisierten Humanismus. Der Autor hat seine eigene Auffassungen dazu als Unterscheidung von Säkularisierung und Säkularisation zur Diskussion gestellt.

Auch die Beiträge zu dieser Tagung „Die Mär von der 'Rückkehr der Religion'?" erscheinen in „humanismus aktuell", Heft 20.

 

Horst Groschopp