Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn

Eichsfelder Humanisten widersprechen

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Das vorherrschende Bild vom Eichsfeld (Prospekt der Eichsfeld-Touristik)

HEILIGENSTADT. (hpd) Bei den organisierten Humanisten Manuel G. und Grit B. melden sich Anfang Mai ihnen unbekannte Menschen aus dem Thüringer Eichsfeldkreis. Tenor der überwiegenden Meinungsbekundungen: "Ich freue mich, dass endlich jemand öffentlich etwas zu diesem Thema gesagt hat!" Gemeint sind Leserbriefe mit der Zurückweisung des Anspruchs katholischer Kleriker, dass Bildung ohne Religion unvollständig sei.

Was war geschehen? Am 29. April berichteten beide Tageszeitungen der Region unkritisch unter der Überschrift "Keine Bildung ohne Religion" über eine katholische Veranstaltung. Wörtlich heißt es z. B. in der Thüringischen Landeszeitung : "Alle haben ein Recht darauf, dass Religion in ihrer Bildung vorkommt und sie sich im religiösen Pluralismus orientieren können. Das sagte der Pastoraltheologe Martin Lechner beim Placida-Empfang in Heiligenstadt. (...) Zudem gebe es einen neuen Atheismus, der der Religion anlaste, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Lechner ist überzeugt, dass Bildung ohne Religion unvollständig ist, jeder Mensch ein Recht auf religiöse Bildung hat, und dass Religion ohne Bildung gefährlich ist. (...) Die Kirche solle ihren Beitrag zur Bildung aber als "kulturelle Diakonie" (...) verstehen, auf Lebensfähigkeit und Verantwortung zielen und christliche Tradition als Bildungsgut vermitteln."

Das konnten und wollten die Eichsfelder Humanisten nicht so im Raum stehen lassen und wandten sich deshalb mit Leserbriefen an beide Tageszeitungen.

Grit B. schreibt u. a.: "Dass es gerade im Eichsfeld ein Faktum zu sein scheint, dass sich die Kirche und einige ihrer AnhängerInnen geradezu in der Pflicht sehen, das komplette öffentliche Leben, so auch die Schule, einnehmen und bekehren zu müssen und in dem Zusammenhang im wahrsten Sinne des Wortes gebetsmühlenartig auf die Bedeutsamkeit der christlichen Werte hinzuweisen, ist leider nicht Neues. Damit kann Mensch sich hierzulande abfinden – oder eben nicht. Ich für meinen Teil tue dies gewiss nicht!

Zunächst einmal halte ich es durchaus für sinnvoll, unseren Kindern auch in den Schulen Werte mitzugeben. Und es ist richtig. In den Bildungseinrichtungen sollten Werte, wie Toleranz, Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit, Güte, Freundlichkeit, Mitgefühl und couragiertes Einsetzen für Schwächere vermittelt werden. Wer nun aber meint, all das seien doch rein christliche Werte, der oder die irrt. Dies sind alles allgemein anerkannte, um nicht zu sagen ureigenste humanistische Werte. Um dies unseren Kindern zu vermitteln, brauchen wir gewiss nicht die Kirche. Sollten wir nicht vielmehr unseren Kindern die Wahl lassen, in welcher Weltanschauung sie – wenn sie die Reife erreicht haben, dies selbst und unbeeinflusst entscheiden zu können – sich wiederfinden und sie danach leben lassen? Die Kirche sieht das sicher anders, denn müsste sie doch um die langfristige Erhaltung ihrer mächtigen, wie reichen Institution bangen, wenn diese freie Wahl die Mitgliederzahl langfristig rapide zurückgehen lässt. (...)

Wir haben ein Schulsystem, das aussondert und nicht fördert. Wir brauchen eine Schule, in der SchülerInnen möglichst lange zusammen lernen können. Eine Schule, in der jedes Kind individuell gefördert wird. Eine Schule, in der die Einzigartigkeit eines jeden Kindes nicht als Last empfunden, sondern als ein riesengroßes Potential verstanden wird, dessen Stärken es zu fördern gilt.

Es ist nicht überraschend, dass sich die Kirche wieder einmal als Retter unserer Kinder erklären möchte, um von dem, was innerhalb dieser Institution vor sich geht, abzulenken oder einfach nur – wie im Zeitungsartikel erwähnt – für sich „Werbung“ zu machen. Aber ich hoffe und glaube daran, die Menschen – ob gläubig oder nicht – erkennen, dass diese weder die Kompetenz, noch die Aufgabe hat, unsere Kinder in öffentlichen Schulen zu missionieren."

Manuel G. fasste sich kürzer und schrieb: "Schön, wenn der Pastoraltheologe Martin Lechner zugibt, dass Religion ohne Bildung gefährlich ist. Doch warum sollte umgekehrt auch gelten (wie Lechner behauptet), dass Bildung ohne Religion unvollständig ist? Meine Erfahrung ist vielmehr, dass Menschen ohne Religion gebildet, friedlich, tolerant sind und sich problemlos in einer pluralen Gesellschaft orientieren können. Der Versuch, christliche Tradition zu einem notwendigen Bestandteil von Bildung zu erklären, entspringt wohl eher dem Wunsch der Kirche, trotz schwindender Mitgliederzahlen weiterhin den öffentlichen Raum zu besetzen. Diese Werbepolitik mit einem "Recht auf religiöse Bildung" in Verbindung zu bringen und sie dann auch noch als Diakonie (Dienst am Menschen) zu verkaufen, empfinde ich als einigermaßen dreist."

SRK

 

 

 

 

 

 

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