Der Artikel spricht zweifellos wichtige Probleme an. Dass Bildungschancen in Deutschland noch immer stark von der sozialen Herkunft abhängen, dass frühkindliche Förderung wichtig ist und dass marode Schulen oder fehlende Lehrer nicht durch schöne politische Formulierungen ersetzt werden können, ist kaum zu bestreiten.
Gerade weil der Artikel jedoch in die Rubrik „Bildung“ eingestellt ist, würde ich mir wünschen, dass er sich stärker an einem Orientierungsrahmen ausrichtet, der für die politische Bildung seit Jahrzehnten von besonderer Bedeutung ist: dem Beutelsbacher Konsens. Danach sollte gerade bei einem gesellschaftlich kontroversen Thema auch kontrovers dargestellt werden, was in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert wird.
Genau das kommt mir hier zu kurz. Der Artikel beschreibt die Bildungskrise sehr stark als Folge eines unzureichenden Sozialstaats. Das ist eine legitime und diskussionswürdige Position – aber eben nicht die einzige.
Zur Bildung eines Kindes tragen nicht nur Staat und Schule bei. Auch Eltern haben eine erhebliche Verantwortung für Erziehung und Bildung ihrer Kinder. Interesse an dem, was in der Schule geschieht, Vorlesen, Unterstützung beim Lernen, Vermittlung von Leistungsbereitschaft und nicht zuletzt die Erziehung zu einem respektvollen Umgang mit Lehrkräften lassen sich nicht vollständig durch höhere staatliche Ausgaben ersetzen. Gerade die immer wieder berichteten Schwierigkeiten von Lehrkräften mit mangelndem Respekt, Unterrichtsstörungen und fehlender Unterstützung durch Eltern sollten in einer Ursachenanalyse zumindest berücksichtigt werden.
Ähnliches gilt für den Lehrermangel. Natürlich spielen fehlende Stellen und eine teilweise unzureichende Personalausstattung eine Rolle. Aber die Diskussion sollte nicht darauf reduziert werden. Immer wieder berichten Lehrerinnen und Lehrer darüber, wie viel ihrer Arbeitszeit inzwischen durch Dokumentationspflichten, Verwaltung, Evaluationen und andere bürokratische Anforderungen gebunden wird. Auch Berichte über junge Lehrkräfte, die eigentlich unterrichten wollen, den Beruf aber wegen solcher Rahmenbedingungen wieder verlassen oder ihre Arbeitszeit reduzieren, gehören meines Erachtens in die Debatte. Bevor ausschließlich nach mehr Lehrkräften gerufen wird, sollte deshalb auch gefragt werden, wie wir die vorhandenen Lehrkräfte wieder stärker das tun lassen können, wofür sie ausgebildet wurden: unterrichten.
Hinzu kommen weitere Faktoren, die der Artikel teilweise selbst nennt: Sprachdefizite, Föderalismus, Probleme bei der Umsetzung von Inklusion und Unterrichtsausfall. Auch die Frage, ob bestehende finanzielle und personelle Ressourcen effizient eingesetzt werden, sollte dabei kein Tabu sein.
Der Satz des Artikels, „Der Sozialstaat ist kein Kostenfaktor. Er ist die Infrastruktur der Freiheit“, ist eine schöne politische Formulierung. Ökonomisch bleibt ein Sozialstaat aber selbstverständlich auch ein erheblicher Kostenfaktor. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Sozialstaat oder kein Sozialstaat“, sondern: Welche staatlichen Maßnahmen verbessern nachweisbar die Bildungschancen und die tatsächlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler – und welche nicht?
Gerade in Zeiten wie heute, in denen dem Staat an vielen Stellen finanzielle Mittel fehlen und gleichzeitig erhebliche neue Aufgaben finanziert werden müssen, sollte die erste Forderung deshalb meines Erachtens lauten: Wie können wir mit den bereits zur Verfügung stehenden Mitteln die Effektivität unseres Bildungssystems wesentlich verbessern? Wo können Bürokratie abgebaut, Lehrkräfte entlastet, Verantwortlichkeiten klarer geregelt und vorhandene Ressourcen besser eingesetzt werden? Und wo müssen auch Eltern stärker in die Verantwortung genommen werden?
Erst wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind und sich zeigt, dass die vorhandenen Ressourcen tatsächlich nicht ausreichen, sollten zusätzliche Finanzmittel in Betracht gezogen werden.
Denn am Ende sollte es nicht darum gehen, ob eine bildungspolitische Lösung „mehr Staat“ oder „weniger Staat“ bedeutet. Entscheidend sollte sein, welche Maßnahmen nachweislich dazu führen, dass Kinder besser lesen, rechnen, verstehen und selbstständig denken lernen.