Es ist immer eine Frage des Blickwinkels. Die Bibel, wie wir sie heute kennen, ist nicht als fertiges Buch entstanden, sondern das Ergebnis eines langen historischen Prozesses. Ihre Texte stammen aus unterschiedlichen Jahrhunderten, wurden gesammelt, überliefert, ergänzt, redigiert und immer wieder neu interpretiert. Sie sind Zeugnisse menschlicher Erfahrungen und Erkenntnisse - keine von Gott* verfassten Texte.
Entsprechend sprechen sie in die Sprache, Kultur und Konflikte ihrer jeweiligen Zeit hinein. Das macht ihre heutige Lektüre anspruchsvoll: Wir lesen sie zwangsläufig aus einer Welt heraus, die von den damaligen Vorstellungen weit entfernt ist.
Im Grunde erzählt die Bibel immer wieder von der Selbstverantwortung des Menschen und der Menschheit - und ebenso vom Missbrauch dieser Verantwortung. Sie erzählt von Scheitern und Neuanfängen, von unterschiedlichen Versuchen, Zusammenleben, Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung zu gestalten, und davon, was dabei nicht funktioniert hat. Nicht alles, was erzählt wird, hat historisch so stattgefunden - zum Glück. Manche Texte widersprechen einander, manche Vorstellungen erweisen sich aus heutiger Sicht als problematisch, und manchmal irren die Texte auch. Interessant ist dann nicht nur, dass sie irren, sondern weshalb bestimmte Geschichten so erzählt, Vorstellungen entwickelt und Erfahrungen auf diese Weise gedeutet wurden. Gerade darin wird die Bibel zu einem Zeugnis menschlicher Lernprozesse.
Auch unser Verständnis des Christentums ist historisch geprägt - durch die Entwicklung seit Konstantin, durch Staats- und Landeskirchen, durch theologische Lehrsysteme und durch evangelikale und pfingstkirchliche Auslegungstraditionen. Selbst Paulus verstand sich nicht als „Christ“ im späteren konfessionellen Sinn, sondern bewegte sich innerhalb des Judentums seiner Zeit und der frühen Jesusbewegung.
Löst man die Texte von späteren theologischen Deutungsmustern - etwa von der im späten 11. Jahrhundert formulierten anselmischen Satisfaktionslehre -, zeigen sich manche Aussagen
überraschend anders.
Auch die Frage nach der Existenz Gottes* verändert sich dann. Einen Gott*, den man eindeutig definieren, beweisen und verfügbar machen könnte, hätte man bereits zum Gegenstand menschlicher Kategorien gemacht. Ein wesentlicher Gedanke der Jesusüberlieferung liegt gerade darin Religion zu entmachten, religiöse Machtansprüche, Hierarchien und vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen.
Es lohnt sich deshalb, die Texte des Neuen Testaments einmal möglichst ohne den späteren kirchlichen Ballast zu lesen. Auferweckung, „Himmelfahrt“ und Pfingsten müssen dabei nicht als Berichte über übernatürliche Vorgänge verstanden werden. Man muss sie als Verdichtungen menschlicher Erfahrungen lesen: von Verlust und Neubeginn, von Emanzipation, Verantwortung, Gemeinschaft und dem Erwachsenwerden der Menschheit.
Aus dieser Perspektive liegen manche Aussagen dieser Texte erstaunlich nahe bei Humanismus und Aufklärung - und das näher als bei vielem, was kirchliche Institutionen später daraus gemacht haben und heute noch machen.