Wenn der freie Wille Gottes Antwort auf das Problem des Leidens sein soll, muss man die Konsequenz dieses Arguments auch zu Ende denken.
Gott hat den Menschen also einen freien Willen gegeben – und deshalb greift er nicht unmittelbar ein, wenn Menschen andere Menschen ermorden.
Er verhindert demnach nicht die Erschießung eines Kindes durch einen Terroristen, obwohl er es ohne Weiteres könnte.
Er verhindert nicht, dass eine Mutter in Auschwitz in die Gaskammer getrieben wird.
Er lässt zu, dass ein Kind dort erstickt, obwohl ein allmächtiger Gott mit einem einzigen Gedanken die Tür öffnen könnte.
Aber was genau würde der freie Wille des Täters dadurch zerstören?
Der Mörder könnte weiterhin den Entschluss fassen, zu schießen – nur die Kugel würde ihr Ziel nicht erreichen.
Der Terrorist könnte weiterhin seinen freien Willen haben – nur seine Tat würde nicht zum Mord führen.
Ein Gott, der einen Menschen am Töten hindert, nimmt ihm nicht notwendig den Willen, sondern nur die Möglichkeit, seinen Willen erfolgreich in eine tödliche Tat umzusetzen.
Und wenn Gott angeblich sogar Naturgesetze außer Kraft setzen kann, warum sollte er ausgerechnet beim Schutz unschuldiger Menschen vor einem Verbrechen eine unüberwindbare Grenze haben?
Warum darf er einen Sturm stillen, aber nicht eine Kugel aufhalten?
Warum darf er Krankheiten heilen, aber nicht verhindern, dass ein Kind in einem Konzentrationslager ermordet wird?
Der Hinweis auf den freien Willen erklärt also allenfalls, warum Gott das Böse nicht verhindert, das Menschen wollen – er erklärt nicht, warum er das Böse auch dann geschehen lässt, wenn er es ohne Aufhebung des freien Willens verhindern könnte.
Vor allem erklärt er nicht das Leiden, das überhaupt keinem menschlichen freien Willen entspringt: Erdbeben, Krebs, Überschwemmungen oder angeborene Krankheiten.
Und genau hier wird das Argument besonders schwach: Ein allmächtiger und allgütiger Gott soll vorhanden sein, aber ausgerechnet bei den schutzlosesten Opfern macht er sich unsichtbar.
Man kann natürlich glauben, dass es dafür einen höheren, uns unbekannten Grund gibt.
Aber das ist keine Erklärung, sondern eine Glaubensaussage.
„Gott hat seine Gründe“ ist kein Nachweis dafür, dass diese Gründe existieren.
Und Auschwitz ist vielleicht der brutalste Prüfstein für die Behauptung, ein allmächtiger und allgütiger Gott greife rettend in die Welt ein.
Wer darauf nur mit „freiem Willen“ antwortet, hat die Frage nicht beantwortet, sondern verschoben.