Kommentar

Kein Beweis für Völkermord, aber ein Warnsignal

Itamar Ben-Gvir fordert die gezielte Tötung von Palästinensern in Gaza und spricht ihnen offen ihre Menschlichkeit ab. Seine Äußerungen sind kein Beweis für einen Völkermord, offenbaren aber eine erschreckende politische Verrohung. Warum gerade diese Unterscheidung zwischen politischer Haltung, Kriegsverbrechen und Genozid entscheidend ist.

Itamar Ben-Gvir
Itamar Ben-Gvir, Minister für öffentliche Sicherheit von Israel (2021)

Der Minister für öffentliche Sicherheit von Israel, Itamar Ben-Gvir, schockierte kürzlich die Weltöffentlichkeit, als er die regelmäßige, außergesetzliche Tötung von Palästinensern in Gaza forderte. Die Associated Press zitiert ihn mit den Worten: „Ich denke, dass gezielte Tötungen in Gaza durchgeführt werden sollten – 30 bis 40 jede Nacht. Nicht nur diejenigen, die eine unmittelbare Gefahr darstellen. Es gibt dort Menschen, die des Lebens nicht würdig sind. Sie sollten nicht leben. Sie sind nicht einmal Menschen.“ Dieses Vorgehen wäre ein eindeutiges Kriegsverbrechen, da das Völkerrecht gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten, also Personen, die nicht an der Kriegsführung beteiligt sind, verbietet. Und wie anders sollte man es interpretieren, wenn Menschen getötet werden sollen, die “nicht unmittelbar” eine Gefahr darstellen? Entsprechend eindeutig fiel die Verurteilung von Ben-Gvir in der Weltpresse aus.

Die Partei von Itamar Ben-Gvir, Otzma Yehudit, gilt als rechtsextreme Partei und besitzt aktuell 6 von 120 Sitzen in der Knesset. Sie ist Teil der Regierungskoalition aus rechten und religiösen Parteien, die Benjamin Netanjahu eine Regierungsmehrheit ermöglicht. Ben-Gvir selbst hat den Ministerposten für öffentliche Sicherheit inne und ist für Polizei und Gefängnissystem verantwortlich. Als Minister ist er Mitglied der Regierung, aber ohne operationellen Einfluss auf die Kriegsführung der israelischen Streitkräfte. Letzteres ist von Bedeutung, da man bei der regelmäßig aufgestellten Behauptung, Israel würde einen Völkermord an den Palästinensern begehen, klar differenzieren muss, was der Fall ist und was nicht. Auch wenn es manchen unangemessen scheinen mag, so muss man gerade bei Fragen von Leben und Tod genau hinsehen und hier muss man konstatieren: das Gutheißen von Kriegsverbrechen ist selbst noch kein Kriegsverbrechen, so lange die Streitkräfte dieses Vorgehen nicht in die Tat umsetzen. Auch wären außergerichtliche Tötungen im von Ben-Gvir befürworteten Umfang zwar ein Kriegsverbrechen, aber kein Völkermord.

Wenn aber Ben-Gvirs Aussagen keinen Beleg für einen Völkermord darstellen, was belegen sie dann? Sie zeigen einen extremistischen Minister, der außergesetzliche Tötungen fordert und Menschen ihre Menschenwürde und ihr Lebensrecht, ja gar ihre Menschlichkeit abspricht. Sie zeigen außerdem die Schwäche des amtierenden Ministerpräsidenten, der sich von solchen Extremisten abhängig machen musste, um seine Macht zu sichern und die Verrohung, die sich in Teilen des rechten Lagers in Israel breit gemacht hat.

Gleichzeitig heißt es aber nicht, dass Ben-Gvirs Äußerungen für die Frage eines möglichen Völkermords irrelevant wären. Das Völkerrecht unterscheidet zwischen dem Nachweis einer einzelnen strafbaren Handlung und dem Nachweis der Vernichtungsabsicht. Eine einzelne Äußerung begründet für sich genommen keinen Beweis für einen Völkermord. Sie kann aber sehr wohl ein Indiz dafür sein, welche Einstellungen und Absichten innerhalb eines politischen Lagers existieren. Gerade die Forderung, Menschen nicht aufgrund ihres konkreten Verhaltens, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe zu töten, und ihnen dabei ausdrücklich die Eigenschaft als Menschen abzusprechen, ist deshalb nicht nur politisch verwerflich, sondern für die Beurteilung der Frage nach möglichen systematischen Verbrechen durchaus relevant und für die Regierung Netanjahus politisch brandgefährlich.

Zugleich sollte man zwischen der politischen Verantwortung einer Regierung und der individuellen strafrechtlichen Verantwortung einzelner Regierungsmitglieder unterscheiden. Ein Minister, der öffentlich die Tötung von Zivilisten fordert, trägt politische Verantwortung für das von ihm vertretene Programm. Daraus könnte auch eine individuelle strafrechtliche Haftung entstehen. Moralisch verwerflich sind Ben-Gvirs Äußerungen allemal.

Kommentare (8)

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Walter Guggemos (nicht überprüft)

Mi. 19 Aug 2026 - 13:20

Es ist gut und richtig die Äußerungen von Itamar Ben-Gvir einem kritischen Dialog auszusetzen. Es sollte dabei gleichzeitig auch gesehen werden, dass sowohl die Hamas als auch der Iran die Vernichtung des Staates Israel als Ziel haben. Auch für diese Ziele muss die Frage inwieweit eine Einordnung als Kriegsverbrechen und Völkermord nach einer entsprechenden Durchführung gestellt werden.

"... nach einer entsprechenden Durchführung ....."

Die jedoch ein fast beliebig weit entfernte Dystopie darstellt. Und das ist auch gut so.

Aber in der Jetzt-Zeit ist die Situation eine andere: Bei vorletzten Angriff benötigte die israelische Luftwaffe nur wenige Tage, um die vollständige Lufthoheit über dem weit entfernten und hoch gerüstetem Iran zu erobern.

Ein Staat der gleichzeitig den Iran, den Yemen und den Libanon angreifen und z.T. besetzen kann, scheint mir nicht in der realen Gefahr zu sein, plötzlich überrannt zu werden. Mögen die Angriffe Reaktionen sein oder nicht: So handelt eine lokale Großmacht. Daran ändern auch Terroranschläge nichts, seien sie auch so groß und unmenschlich wie der vom 7. Oktober 2023

Thomas Baader (nicht überprüft)

Mi. 26 Aug 2026 - 13:56

Antwort auf von Uwe Zappel (nicht überprüft)

So einfach ist es nicht.
Israel fehlt das, was man "strategische Tiefe" nennt - es hat die Größe Hessens. Es hat im Vergleich zu einer Fläche lange Grenzen und im Vergleich zu vielen anderen Mächten der Region eine geringe Bevölkerung.
Wenn Israel in einem militärischen Konflikt ein gravierender Fehler unterläuft, ist es sehr schnell sehr verwundbar.
D.h. ja, es ist ist eine lokale Großmacht, aber diese Großmacht hat den Charakter einer Glaskanone.

Uwe Zappel (nicht überprüft)

Sa. 29 Aug 2026 - 01:03

Antwort auf von Thomas Baader (nicht überprüft)

Lieber Herr Bader,

diese Argumente kenne ich seit den 60er Jahren. Das kleine Israel ....!
Schauen Sie sich aber die Geschichte der letzten Jahrzehnte an. Israel
hatte immer das Heft in der Hand. Nach Belieben wird Krieg im Libanon,
geführt, Bombadierungen in Syrien durchgeführt, und Krieg gegen den
Iran und den Yemen geführt. Nicht völlig ohne Grund. Aber die Grenz-
sicherung scheint mir doch nicht im Fokus der israelischen Regierung zu
stehen.

Walter Guggemos (nicht überprüft)

Sa. 29 Aug 2026 - 14:40

Antwort auf von Uwe Zappel (nicht überprüft)

Lieber Herr Zappel, hätte Israel die letzten Jahrzehnte nicht "das Heft in der Hand gehabt", dann würde es Israel heute vermutlich nicht mehr geben und vermutlich auch nicht den größten Teil der Bewohner Israels. So gesehen sollten wir alle froh sein, dass weder die Hamas noch der Iran das "Heft in der Hand hatte und auch heute nicht hat".

HuGo (nicht überprüft)

Mi. 19 Aug 2026 - 15:06

Ein mit einem solchen Gedankengut behafteter Politiker ist inakzeptabel und gehört umgehend entlassen, ansonsten aus Worten schnell Taten werden könnten und dann?; auf den (genozidalen) "Geröllhaufen" von ganz Gaza und alle schweigen weiter?

Der8teZwerg (nicht überprüft)

Sa. 22 Aug 2026 - 23:22

Der Postillon hat es ja schon fast perfekt beschrieben: "Welt empört, dass Ben-Gvir ausspricht, was Israels Armee seit drei Jahren macht"

"Fast" perfekt nur deshalb, weil es ja schon mehr als drei Jahre sind. Israel betreibt schon viel länger illegale Landnahme durch Vertreibung, Verdrängung und Siedlungsbau.
Hamas und Hisbollah sind natürlich auch nicht besser, aber die bezeichnen sich ja auch nicht selbst als demokratisch.

Wirklich traurig ist, dass der größte Teil der dortigen Bevölkerung das Leid einfach nur satt hat, aber auf jeder Seite die Extremisten am Ruder sind.

Uwe Zappel (nicht überprüft)

Mo. 24 Aug 2026 - 00:12

Die Rede des Ministers verstehe ich nicht. In Gaza sterben täglich Menschen, nur weil sie Palästinenser sind und unglücklicherweise in Gaza leben. (Nebenbei: In der sog. Westbank sterben auch regelmäßig Paläsinenser, nur weil sie Palästinenser sind.) Will der Herr Miinister einfach nur noch mehr Tote?

Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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