Kommentar CW
Diese Kritik ist natürlich sehr berechtigt, - allerdings fehlen mir hier: „Bedeutung der Religion für die Orientierung des Einzelnen und der Gesellschaft“ die Anführungszeichen, denn es handelt sich doch nur um eine fromme Lüge. Und es gibt genug Schlechtes an den Religionen - beginnend mit dem Hickhack, welche die bessere oder gar die einzig wahre sei; warum sollte uns das heute – anders als früheren Generation – erspart bleiben? Was die Bibel und deren oft wortgewaltigen Visionen – helle wie düstere – betrifft, so fehlt dem Westen eben eine ebenbürtige Erzählung, an die man sich heute anlehnen könnte. Frühere Versuche, eine Art Ersatz zu schaffen wie etwa Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ sind eher selten und wohl zu Recht der Vergangenheit anheim gefallen.
Begibt man sich auf die Ebene realer, zeitgemäßer Sachfragen, so findet man durchaus Antworten aus rein vernünftiger Perspektive. Dahinter stehende Philosophien bleiben aber für viele von uns wohl oft schlicht „zu hoch“. Was möglicherweise fehlt oder aber verkannt wird: So, wie wissenschaftliche Ergebnisse heutzutage in vereinfachender Form popularisiert werden, so sollten eben Einsichten – also keine reinen Ansichten – von philosophischen Denkern ebenfalls einigermassen einfach dargestellt werden.
Dass Kulturchrist:innen sich zum Teil das Gefühl gönnen, etwas Höherem zu begegnen, stört mich weit weniger als der Machtanspruch der Kirchen. Diesen müssen wir zurückdrängen! Allerdings wird es wohl viel Zeit brauchen, bis die Kirchen sich „gesundgeschrumpft“ haben werden (vergl. https://hpd.de/artikel/wenn-kirchenglocken-nicht-mehr-laeuten-23792).
Christian Walther, Marburg