Claus Schröder (nicht überprüft)

Fr. 15 Mai 2026 - 14:14

Wer Wirkung sucht statt Argument, greift gern zu Zitaten. Michael Murauers Polemik gegen das Kulturchristentum ist ein Schaustück dieser Methode. Sie funktioniert genau so lange, wie der Leser nicht nachschlägt.

Das tragende Bild des Textes – Goethes Wort von der Maskerade, die „in keiner Hinsicht wohltun“ könne – stammt aus Eckermanns Gespräch vom 17. Januar 1827. Goethe redet dort nicht über Religion, sondern über eine Wohnzimmermode seiner Zeit: gotisches Revival, altdeutsche Möblierung, historisierende Kulisse. Er räumt ausdrücklich ein, dass ein gotisches Zimmer „hingehen mag“ und ein chinesisches „ganz hübsch“ sei. Kritisiert wird allein, den eigenen Alltagsraum vollständig mit „fremder und veralteter Umgebung“ auszustaffieren. Sein Gegenbegriff ist nicht Säkularität, sondern „der lebendige Tag, in welchen wir gesetzt sind“. Murauer unterschlägt diese Differenzierung und überträgt eine Stilfrage auf eine Sinnfrage. Das ist kein Zitat mehr, sondern Aneignung.

Ähnlich verfährt der Text mit Habermas. Dessen Formel von der „nicht vernichtenden Säkularisierung“ erscheint hier als Privilegierung religiöser Argumente unter eine Art Bestandsschutz. Tatsächlich zielte Habermas auf etwas anderes: auf die Übersetzung religiöser Gehalte in eine säkular zugängliche Sprache. Wer das als Schonung der Religion liest, baut sich einen Strohmann.

Auch die zentrale Gegenbehauptung bleibt schuldig, was sie zu zeigen hätte. Säkulare Philosophie habe „in einer dem 21. Jahrhundert viel angemesseneren Weise“ Antworten auf jene Grenzsituationen formuliert, die etwa in der Matthäuspassion verhandelt werden. Welche Antworten? Auf Tod, Schuld, Verlassenheit, Endlichkeit? Der Text behauptet, ohne einzulösen. Wer Bach hört, weiß, dass dort nicht bloß Lehrsätze transportiert, sondern Erfahrungen verdichtet werden, die sich nicht ohne Verlust in abstrakte Begriffssprache übersetzen lassen. Das muss man religiös nicht teilen. Aber man kann es nicht durch Berufung auf eine ungenannte „säkulare Philosophie“ erledigen.

Die Bioethik-Spitze arbeitet mit demselben Trick. Religiöse Positionen stünden, heißt es, „in Widerspruch zu rational nachvollziehbaren Interessensabwägungen“. Was hier als Vernunft auftritt, ist aber nicht die Vernunft schlechthin, sondern eine bestimmte Form ethischer Abwägungslogik. Es gibt gewichtige säkulare Einwände gegen utilitaristische Verkürzungen des Menschen. Auch das wird übergangen.

Am Ende verheddert der Text sich selbst. Gebildete gläubige Christen, heißt es, müssten sich nicht angesprochen fühlen; sie seien nicht dasselbe wie Kulturchristen. Das ist richtig – nur untergräbt es die Polemik. Gegen wen richtet sie sich dann? Gegen Konzertbesucher der Matthäuspassion, die nichts beanspruchen, keine Allgemeinverbindlichkeit fordern, niemanden bevormunden? Übrig bleibt ein Gegner, der erst aufgebaut werden muss, damit man ihn zerlegen kann.

Wer das Kulturchristentum wirklich treffen will, sollte bei Bonhoeffer beginnen, nicht bei Russell. Die schärfste Kritik an der Form ohne Substanz kommt nicht aus dem Säkularismus, sondern aus der theologischen Tradition selbst. Dort allerdings wird differenzierter argumentiert. Und ehrlicher zitiert.

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