Bürgerpreisverleihung 2017

"Kein Glaube" bleibt auf der Strecke

Erwin Schmid, (Vorsitzender BfG Bayern), Andrea Greiner-Schmid, Assunta Tammelleo und Michael Wladarsch (BfG München) v.l.n.r.
Erwin Schmid, (Vorsitzender BfG Bayern), Andrea Greiner-Schmid, Assunta Tammelleo und Michael Wladarsch (BfG München) v.l.n.r.

In Bayern ticken bekanntlich die Uhren anders und damit verbunden natürlich auch die Kirchenglocken. So muss man schon dankbar sein, wenn in der Ausschreibung zum diesjährigen Bürgerpreis des bayrischen Landtags "Mein Glaube, Dein Glaube, Kein Glaube - unser Land" die Option "Kein Glaube" überhaupt Erwähnung findet.

Bei der Eröffnung der Preisverleihung durch die Landtagspräsidentin Barbara Stamm war dann noch von den Menschen ohne Glaube oder Religionszugehörigkeit zu hören, auch Ruth Waldmann (SPD) erwähnte mutig Agnostiker, Atheisten, aber das war es dann auch schon.

Etwas mehr als 100 Vereine, Verbände und Institutionen, darunter auch der Bund für Geistesfreiheit, haben sich um den Preis beworben, die meisten mit eindeutig religiösem Hintergrund und so ist es dann wenig verwunderlich, dass u.a. die Freunde Abrahams, das Zelt der Religionen oder die Seelsorge Sinnstiftung aus Nürnberg mit Preisen und den damit verbundenen Geldern ausgezeichnet wurden.

Sicher ist der Dialog zwischen den Religionen eine wichtige Komponente auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft. Um mit den Worten eines BR Journalisten zu sprechen, der auf Nachfrage, ob er nicht auch den Teil "Kein Glaube" vermisst hätte bescheinigte: "Die Nichtgläubigen sind vielleicht zu friedlich…" und wir Atheisten "…sollen doch froh sein, dass erst mal die religiösen Streitparteien die Verständigung suchen."

Auch Barbara Stamm bestätigte nach der zweieinhalbstündigen Leistungsschau des interreligiösen Dialogs, dass sie "sich schon bewusst sei, dass die Nichtreligiösen einen schweren Stand hätten und nicht wirklich repräsentiert waren,… die Art aber wie manche eine Berücksichtigung einklagen wollten auch nicht wirklich zielführend sei." Dies zeigt auf eindringliche Weise das Dilemma der Religionsfreien, wenn es um eine Positionierung in der politischen oder gesellschaftlichen Landschaft geht. Wir dürfen am Katzentisch sitzen, aber wenn sich die Großen reden, haben wir still zu sein.

Liegt es an der Inhomogenität der Gruppe der Nichtreligiösen, die einen beträchtlichen Bevölkerungsanteil darstellen oder der Unmöglichkeit unter der Annahme einer Nichtexistenz von Gott sinnvoll vereint zu sein - bei der Preisverleihung bestätigte sich die Beobachtung, dass die Agnostiker, Atheisten, Humanisten und sonstigen Gottlosen weder in den Köpfen der Politiker, der Medienvertreter, noch der Gesellschaft überhaupt stattfinden, geschweige denn als relevanter Faktor wahrgenommen werden. Vielleicht liegt es wirklich an den internen Streitigkeiten der einzelnen Gruppierungen und der grundsätzlichen Ablehnung irgendwelcher Obrigkeiten oder Strukturen, die hier eine stärkere Präsenz und Relevanz verhindert. Politisch gesehen sind die bundesweit mehr als 30 % Religionsfreien sicher eine Gruppe, die Druck auf die öffentliche Diskussion ausüben und damit auch in die Diskussion um die Werte unserer Gesellschaft eingreifen könnte.

Zurück zur Preisverleihung: Als einziges Thema stand also die Verständigung zwischen Glaubensgemeinschaften und versteckt auch der Missionsgedanke im Vordergrund. Unerwähnt blieb die Rolle die Religionen spielen, um die Gesellschaft überhaupt erst auseinander zu dividieren. Nach allgemeinem Verständnis führt der Weg zu einer offenen, friedlichen Gesellschaft über die Religionen. Die Option, dass menschliches Zusammenleben auch OHNE Religionen und vielleicht sogar besser gelingt, wird gar nicht erst angedacht.

Trotz der ganzen Beteuerungen, dass bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt belohnt werden soll, gewann außerdem eine offensichtlich sehr professionelle und sowieso finanziell gut aufgestellte Stiftung den mit 12.000 Euro dotierten ersten Preis und zum guten Schluss besang ein gemischter Kinderchor die Frage nach Gott in den drei großen abrahamitischen Religionen.

So blieb die grundsätzliche Botschaft klar im Raum stehen:
Buddhisten, Hindus, Götter anderer Geschmacksrichtungen und Gottlose - Ihr müsst leider draußen bleiben.

Kommentare (4)

Junius (nicht überprüft)

Di. 24 Okt 2017 - 15:16

Nicht jammern, organisieren! Weniger Spaltpilze als das Gemeinsame suchen, und das dann auch hörbar machen. Jeder wird so behandelt, wie er sich's gefallen läßt.

Kay Krause (nicht überprüft)

Di. 24 Okt 2017 - 18:14

Das liegt natürlich nicht am fehlenden Engagement der Nichtgläubigen, sondern in erster Lienie daran, dass sich so gut wie keine namhaften Politiker finden, die bereit sind, dieses leidliche Thema endlich in ihre Tagespolitik mit aufzunehmen und dafür zu sorgen, dass real Staat und Kirche getrennt werden, dass die Gläubigen sich ihren Glauben nicht von den Atheisten bezahlen lassen, dass jegliche sozial verträgliche Weltanschauung gleichberechtigt in der Gesellschaft Platz hat!

Klemens (nicht überprüft)

Mi. 25 Okt 2017 - 04:18

Zuerst trennen die Religionsführer die Gesellschaften und die Menschen durch ihre Lehren und Dogmen, und dann wollen sie sie wieder friedlich zusammenführen. Man braucht schon sehr viel Humor, um das Leben mit den "Gläubigen" zu ertragen.

Manfred Schleyer (nicht überprüft)

Do. 26 Okt 2017 - 20:13

Auch Politiker kuschen vor der Macht: vor der Macht der großen Zahlen der Wähler und leider auch vor der Macht der "Hirten" (so Jesus) und ihrer (eingebildeten) Gotte. Es müssen noch viel mehr "Schafe" (wieder Jesus) aus ihren Pferchen und Ställen austreten, damit daran sich etwas ändert! Rein verstandesmäßig sind alle Religionen seit Jahrhunderten erledigt, aber in der Realität werden sie immer (noch) weitervererbt ...

Michael Wladarsch

Der Autor ist Inhaber des Münchner Grafikdesign-Büros 84 GHz. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit (bfg) Bayern und des bfg München, im Vorstand des Zentralrats der Konfessionsfreien und des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD) Bayern sowie bei der Säkularen Flüchtlingshilfe Bayern.

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