Wie sich Einstellungen von Polizeinachwuchskräften im ersten Ausbildungsjahr verändern
Gute Leute gut begleiten
Eine Studie des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht wirft neues Licht auf den Start in den Polizeiberuf: Nachwuchskräfte beginnen ihr Studium demnach mit positiven Einstellungen, verlieren aber bereits im Laufe des ersten Ausbildungsjahres Vertrauen in andere Menschen und neigen zunehmend zu hierarchischen Gesellschaftsidealen. Diese Veränderungen zeigen sich insbesondere kurz nach dem ersten „Praxisschock“ im Polizeidienst.
Foto: © Frank Nicolai
Für die Langzeituntersuchung hat das Team um den Max-Planck-Wissenschaftler Hannes Rusch etwa 130 Studierende einer deutschen Polizeihochschule während des ersten Ausbildungsjahres zu ihren Einstellungen befragt. Die Befragung verlief in drei Wellen: zu Beginn der Ausbildung, nach sechs Monaten Theorieunterricht und nach der ersten Praxisphase „auf der Straße“.
Die erhobenen Fragen lassen Erkenntnisse zur Persönlichkeit, zur sozialen Einstellung und zur Einstellung gegenüber der Polizei zu. Zudem wurde die sogenannte soziale Dominanzorientierung (Social Dominance Orientation, SDO) erfasst; diese misst die Haltung eines Menschen gegenüber sozialen Hierarchien.
Zusätzlich gibt es zwei Vergleichsgruppen: Um mögliche Einstellungsänderungen während des ersten Studienjahres besser einordnen zu können, wurden parallel etwa 100 Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen an einer niederländischen Universität befragt. Zudem verglich das Team die Daten aus der Polizei mit denen aus einer Stichprobe von über 4.500 Probandinnen und Probanden aus der deutschen Gesamtbevölkerung, die als Referenz diente.
Wie sich Einstellungen verändern:
- Polizeianwärterinnen und -anwärter beginnen ihre Ausbildung mit positiven und menschenfreundlichen Ansichten. Bei den Persönlichkeitsmerkmalen Ehrlichkeit, Bescheidenheit und soziale Offenheit weisen sie signifikant höhere Werte auf als die Bevölkerungsstichprobe. Im Laufe des ersten Ausbildungsjahres nehmen diese Werte jedoch deutlich ab und nähern sich denen der Bevölkerungsstichprobe an.
- Diese Veränderungen zeigen sich nur bei den Polizeianwärterinnen und Polizeianwärtern; bei den Studierenden der Vergleichsgruppe, die bereits zu Beginn niedrigere Werte aufweisen, bleiben die Einstellungen stabil. Dies deutet darauf hin, dass die Veränderungen nicht einfach eine Folge des Studierens oder des Älterwerdens sind, sondern mit spezifischen Umständen der Polizeiausbildung zusammenhängen.
- Die Studierenden der Polizeihochschule zeigen bereits zu Ausbildungsbeginn deutlich höhere Werte bei der sozialen Dominanzorientierung (SDO) als die Stichprobe der deutschen Allgemeinbevölkerung. Die SDO steigt innerhalb des ersten Ausbildungsjahres noch weiter an. Die Studierenden entwickeln somit ein zunehmend hierarchisches Gesellschaftsideal. Dagegen ist dieser Anstieg der SDO bei den Studierenden der Vergleichsgruppe nicht auszumachen.
„Unsere Untersuchung legt nahe, dass unsere Polizeikräfte bereits während der Ausbildung an Vertrauen in die Gesellschaft verlieren und dass sich ihre positiven Werte teilweise wandeln“, fasst Max-Planck-Psychologin Julia Teufel zusammen. Dies könne die Qualität der Polizeiarbeit beeinträchtigen.
Ansatzpunkte für die Polizeiausbildung
„Die Kombination aus Stress, Hierarchie und konfrontativen Situationen, der unsere Polizistinnen und Polizisten ausgesetzt sind, wirkt sich möglicherweise auf die Persönlichkeit aus. Was wir sehen, ist eine Entwicklung, die Prosozialität untergraben kann. Das ist ein Warnsignal für die Zukunft der Polizeiarbeit“, ergänzt Hannes Rusch, der sich als Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht unter anderem mit Polizeiforschung auseinandersetzt.
Teufel und Rusch sind sich einig, dass es noch ungehobenes Potenzial in der Polizeiausbildung gibt. „Wir sehen, dass wirklich viele gute Leute in den Polizeiberuf gehen. Wir brauchen Trainings, die es ihnen ermöglichen, ihre menschlichen Werte wie Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Empathie trotz Stress und Frust im Berufsalltag zu bewahren“, erklären Teufel und Rusch. (mpg)