Kommentar

Diffamiert die Linkspartei evangelikale Christen?

Aufregung im Wahlkampf von Sachsen-Anhalt: Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit Thomas Rachel wirft der Partei Die Linke vor, in ihrem Wahlprogramm den christlichen Glauben zu diffamieren und evangelikales Christentum mit Jihadismus gleichzusetzen. Bei genauer Lektüre erweist sich jedoch weniger das Wahlprogramm, denn Rachels Interpretation als fragwürdig.

Thomas Rachel
Thomas Rachel ist Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit

In Sachsen-Anhalt ist Wahlkampf. Doch statt sich mit dem faschistischen Weltbild der AfD auseinanderzusetzen, die Chancen hat, in dem Bundesland am 6. September die absolute Mehrheit zu bekommen, hat Thomas Rachel, Bundestagsabgeordneter und Beauftragter der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, ein ganz anderes Feindbild ausgemacht: Die Linke, also ausgerechnet jene Partei, auf deren Stimmen es im Fall einer möglichen Verhinderung eines AfD-Ministerpräsidenten ankommen könnte.

Die Linke schreibt in ihrem Wahlprogramm unter anderem, „dass religiöser Fundamentalismus, sei er christlich-evangelikaler oder jihadistischer Prägung, durch Intervention, Aufklärungsarbeit, Prävention und zivilgesellschaftliche Initiativen entschieden bekämpft wird.“ Die Passage richtet sich ausdrücklich gegen religiösen Fundamentalismus, nicht gegen Christentum oder Evangelikale als solche. Eine Diffamierung des christlichen Glaubens oder gar eine Gleichsetzung evangelikaler Christen mit islamistischen Terroristen lässt sich daraus nicht ableiten. Man könnte auch behaupten, die Linke habe sich der Aufklärung verschrieben.

Fundamentalismus ist nicht gleich Christentum

Angesichts der politischen Entwicklung in Sachsen-Anhalt gäbe es für einen CDU-Bundestagsabgeordneten durchaus drängendere Themen: Rachel könnte vor dem politischen und kulturellen Kahlschlag warnen, den eine AfD-Regierung hinterlassen würde. Stattdessen stürzt er sich auf die angebliche Bedrohung evangelikaler Christen durch die Linkspartei. Als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU und Mitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) setzt sich Rachel mit bemerkenswertem Eifer für seine evangelikalen Glaubensbrüder ein. „Die Gleichsetzung von sogenanntem 'evangelikalen' Christentum mit dem menschenverachtenden und antisemitischen Terror des islamistischen Dschihadismus ist eine ungeheuerliche Diffamierung dieses bis heute so vielfältigen, lebendigen Frömmigkeitszweiges des christlichen Glaubens in unserem Land“, empört er sich.

Das ist eine bemerkenswerte Verkürzung. Wer zwischen verschiedenen Formen religiösen Fundamentalismus' unterscheidet, behauptet nicht, dass ihre religiösen Inhalte, ihre Geschichte oder ihre politischen Folgen identisch seien. Fundamentalismus kann in unterschiedlichen Religionen auftreten und sehr unterschiedliche Erscheinungsformen annehmen. Gerade ein Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises sollte in der Lage sein, zwischen evangelischem Christentum, Evangelikalismus und christlich-evangelikalem Fundamentalismus zu unterscheiden.

Noch problematischer wird Rachels Argumentation, wenn er auf seiner Homepage Pietismus und Aufklärung gleichsetzt und dabei völlig ausblendet, dass es an Universitäten wie in Halle im 18. Jahrhundert zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen orthodoxen Pietisten und rationalen Anhängern der Wolffischen Philosophie kam. Während die Aufklärung den menschlichen Verstand und die empirische Wissenschaft in den Mittelpunkt rückte, betonte der Pietismus das persönliche Bekehrungserlebnis, die Wiedergeburt und religiöse Erfahrung.

Auch die politische Zurückhaltung Rachels ist auffällig. Die AfD stellt in ihrem Wahlprogramm selbst zentrale Errungenschaften der Aufklärung infrage und fordert unter anderem eine weitgehende Aufhebung der allgemeinen Schulpflicht. Gerade in evangelikalen und pietistischen Milieus gibt es Gruppen, die staatliche Schule ablehnen und ihre Kinder selbst unterrichten möchten, etwa weil sie Sexualkunde oder die Evolutionstheorie zurückweisen. Hier wäre eine kritische Auseinandersetzung durchaus angebracht. Rachel schweigt dazu.

Kommentare (5)

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Streminger (nicht überprüft)

Di. 1 Sep 2026 - 16:26

Es herrscht in der Diskussion um Religion und Aufklärung einige Begriffsverwirrung .

Nach Immanuel Kant lautet der Wahlspruch der Aufklärung;

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Aber darauf berufen sich auch die borniertesten Verschwörungstheoretiker - und bezeichnen sich als Aufklärer.

Kant hätte den Wahlspruch der Aufklärung anders formulieren sollen, etwa so:

Habe den Mut, dich deines Verstandes IN AUFGEKLÄRTER ABSICHT, also in empirisch-wissenschaftlicher, rationaler Weise zu bedienen.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mi. 2 Sep 2026 - 08:01

Antwort auf von Streminger (nicht überprüft)

Die Verwirrung entsteht, wenn der Begriff "Verstand" falsch interpretiert wird. Verstand ist die Fähigkeit, zu verstehen. D. h. Dinge, Vorgänge etc., die man ohne Verstand nicht verstanden ( = gewusst) hätte. Es ist also ein Prozess, der zu Wissen führt. Und Wissen ist nicht der kleine Bruder vom Glauben (also im Augustinischen Sinne "Glaube, damit du erkennst"), sondern der Gegner, wenn wir die Welt verstehen wollen, wie sie ist und nicht wie es schön wäre, wenn sie so oder so wäre.

Daher ist für mich Verstand Mittel und Ziel, zur Aufklärung zu gelangen, wobei ich mich empirisch-wissenschaftlicher und rationaler Methoden bediene. Der Gläubige, dessen Grundlage ein Glaube ist, der wiederum auf den Irrtümern der noch nicht aufgeklärten Welt basiert, kann für sich keinen Verstand reklamieren, weil es ja bewusst nicht wissen, sondern glauben will. Das sei jedem unbenommen, aber für mich reicht Kants Formulierung völlig aus, sich vom irrationalen Glauben abzugrenzen...

Ludwig (nicht überprüft)

Di. 1 Sep 2026 - 17:21

CDUler sind fleissige Leute. Wenn es mal grade nix zu lobbiieren und kein Geld von unten nach oben oder in die eigene Tasche zu verschieben gibt, dann dreht er oder sie nicht einfach Däumchen, nein nein, dann wird gegen die Linke gewettert. Klar wählt die sowieso nur jemand, dem es nicht ausmacht für bekloppt oder Terrorist gehalten zu werden. Um zu diesem Zustand zu kommen, hat die Rechte in Deutschland schließlich seit nach dem Krieg hart gearbeitet. Trotzdem wacht der CDUler manchmal nachts schweißgebadet auf, weil er einen Traum hatte, in dem nicht nur einer, sondern alle sich von ihren Ketten lösen, aus der Höhle mit den Schattenspielen an der Wand herauswandern, nach draußen, wo das Licht der Wahrheit wartet. Und dann kann er oder sie nicht mehr einschlafen, setzt sich an den Computer und produziert ein neues Schattenspiel, um sich zu beruhigen und die Leute weiter dumm und fügsam zu halten. Das muss auch nicht gut durchdacht oder überhaupt wahr sein, wenn's als Titel auf die erste Seite der Bild passt, reicht's.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mi. 2 Sep 2026 - 08:23

Rachel ist offenbar ein wackerer Kämpfer für eine irrationale Ideologie. Aber nur für eine bestimmte, nicht allgemein. Er ist Lobbyist für das Christentum, das sich seit Jahrzehnten im unaufhaltsamen Niedergang befindet. Da liegen die Nerven auch mal gerne blank.

Damit zeigt er eine horizontale Sicht auf Religion. Er vergleicht sie nebeneinander und nicht vertikal in ihrer Intensität. Egal welche Religion, sie kann immer von extrem mild bis radikal (also stark in ihren Ursprüngen verwurzelt) interpretiert und gelebt werden. Also z. B. im Christentum vom Taufscheinchristen bis zu extremen Evangelikalen. Jehovas Zeugen sind eine Abart des Christentums, die eine "milde Form" nicht zulässt, sondern noch die radikale, familienzerstörende Form des früheren Christentums pflegt.

Selbstverständlich gibt auch im Judentum oder dem Islam vertikale Abstufungen, wobei die extremsten immer diejenigen sind, die eben den religiösen Wurzeln am nächsten sind, also radikal. Das wären bestimmte Formen des orthodoxen Judentums und z. B. Jihadisten im Islam. Ob dies immer auf Glaubensüberzeugungen basiert oder einem politischen Machtkalkül entspringt, ist letztlich nebensächlich, da es um die Wirkung des Handelns geht.

In der Tat hat Sachsen-Anhalt momentan andere Probleme, als Unterschiede zwischen Religionsgruppen auszuloten. Es geht um den Erhalt einer demokratischen Kultur, die von rechten Bauernfängern mittels Falschinformationen bedroht wird...

Mutant (nicht überprüft)

Do. 3 Sep 2026 - 06:28

Wenn linke das ernst meinen würden, wäre die Unterstützung radikal islamischer Gruppen wie der Hamas nicht so gross. Ich vermute daher kommt auch diese Interpretation. Wer auf der einen Seite wenig Probleme mit gewaltsamen religiösen Gruppen hat, auf der anderen Seite Fanatiker deren Vorstellung skurill, aber nicht für Gewalt bekannt sind verurteilt, macht sich keine Freunde.
Klare Stellung gegen alle Religionen wäre für eine linke Partei glaubwürdiger.

Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

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