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Thälmann - Marionette Stalins?

(hpd) Der als Journalist arbeitende Historiker und Politikwissenschaftler Armin Fuhrer legt eine kritische Biographie über den KPD-Vorsitzenden in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik vor. Dabei macht der Autor anhand von Betrachtungen zur Politik der Partei und den Zitaten ihres Vorsitzenden deutlich, dass Thälmann zumindest eine indirekte Mitverantwortung für die Zerstörung der ersten deutschen Republik hatte.

 

Nach Ernst Thälmann (1886-1944) sind auch heute noch Hunderte von Straßen in den ostdeutschen Bundesländern benannt. In der DDR galt der Vorsitzende der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD) in der zweiten Phase der Weimarer Republik als Heldengestalt des Proletariats, was sich in der Benennung von Betrieben, der Errichtung von Denkmälern und der Huldigung in Reden artikulierte. In der „alten“ Bundesrepublik fand Thälmann demgegenüber nur wenig Aufmerksamkeit. Dies gilt auch für eine kritische Perspektive, gehörte der KPD-Vorsitzende doch zu den Opfern der NS-Herrschaft. Hierbei ignorierte man gleichwohl, dass Thälmann die eine Diktatur Hitlers durch die andere Diktatur Stalins ersetzt sehen wollte. Die mit dieser Erkenntnis einhergehende Einsicht prägt die Biographie „Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats“, welche der als Journalist arbeitende Historiker und Politikwissenschaftler Armin Fuhrer vorgelegt hat. Sie richtet sich an ein breiteres Publikum und bettet das Lebensbild in die historische Entwicklung ein.

Inhaltlich liegt damit eine klassischen Biographie mit historisch-chronologischer Struktur vor: Der Autor beschreibt Thälmanns persönlichen und politischen Lebensweg vom Aufwachsen im Arbeitermilieu über die Hinwendung zur Sozialdemokratie und die Radikalisierung in Richtung des Kommunismus nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. In der Weimarer Republik stieg Thälmann in der Hierarchie der KPD bis an die Spitze auf.

Fuhrer betont dabei folgende Gesichtspunkte: Erstens gehörte Thälmann bereits von Anfang an zu den rigorosen Gegnern der damaligen Demokratie, äußerte er doch bereits im März 1921: „Diesen Staat bekämpfen wir so lange, bis er nicht mehr als Staat existiert. Wir machen daraus absolut kein Hehl. Wir haben keine Veranlassung, in dieser oder jener Beziehung gegen diese oder jene Person schonend vorzugehen“ (S. 154). Das Parlament und Wahlen seien für den KPD-Vorsitzenden lediglich Mittel zur Agitation und Mobilisierung der Massen gewesen, woraus sich in diesem Punkt auch eine formale Gemeinsamkeit mit Hitlers Strategie ergebe.

Und zweitens erklärt sich der Aufstieg Thälmanns in der Partei durch die Unterstützung aus der Sowjetunion: „Mit Thälmann hat Stalin ... eine Marionette an der Spitze der KPD installiert, die ihm intellektuell bei weitem nicht gewachsen ist und von der er daher auch keinen Ärger zu befürchten braucht. Darin liegt auch Stalins ‚Wertschätzung’ für den deutschen Spitzengenossen begründet, der für ihn eine rein funktionale Bedeutung hat“ (S. 193). Fuhrer veranschaulicht dies zum einen anhand der Wiedereinsetzung Thälmanns in das Amt des Parteivorsitzenden durch Stalin, hatte man ihn doch davon doch aufgrund einer Korruptionsaffäre zeitweilig entbunden. Da der sowjetische Diktator aber kein wirkliches Interesse an Thälmann besaß, ging von ihm auch kein Engagement zur Rettung in der Ära des Hitler-Stalin-Paktes zwischen 1939 und 1941 aus. Der ehemalige KPD-Vorsitzende blieb nach seiner Verhaftung seit 1933 in NS-Haft. Im Konzentrationslager Buchenwald wurde er wohl 1944 durch Genickschuss hinterrücks ermordet.

Fuhrer nutzte zwar für seine Thälmann-Biographie einige Archiv-Quellen, wirklich neue Erkenntnisse leitete er daraus aber nicht ab. Der Nutzen und Wert seiner Lebensbeschreibung ergibt sich vielmehr durch eine kritische Darstellung des bisher Bekannten, wobei immer wieder die Korrektur der Verfälschung von Thälmanns politischem Wirken durch die DDR-Geschichtsschreibung Aufmerksamkeit verdient.

Fuhrer bekundet gegen Ende zwar seinen persönlichen Respekt für Thälmann, hatte dieser doch in NS-Haft nicht andere Genossen denunziert. Gleichwohl macht der Autor deutlich, dass Thälmann durch die Fixierung auf die Sozialdemokratie als Hauptfeind und die Unterschätzung des Nationalsozialismus zumindest indirekt zum Weg der Hitler-Partei an die Macht beigetragen hatte. Die Einschätzung, er sei ein „schuldbeladener Wegbereiter“ (S. 331) gewesen, mag mit einer solchen Formulierung etwas überspitzt wirken. Gleichwohl trug Thälmanns Politik indirekt durch seine Fehler neben anderen Gesichtspunkten zu dieser Entwicklung bei.

Armin Pfahl-Traughber

Armin Fuhrer, Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München 2011 (Olzog-Verlag), SBN-13: 978-3789282362 , 352 S., 26,90 €.
 

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