15.3.1943
Mit meinem Körper stirbt auch meine Realität Mehr...
dioezese-linz.at 7 Mär 2008 Nr. 4044
Gemeinsame Feindbilder machten auch viele Kirchenführer - zumindest „auf einem Auge" - blind
Der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher befasste sich mit der „Religion" Hitlers und ihrer Wirkung. Und er ging der Frage nach, warum sich viele Kirchenführer nicht schon früh klar vom NS-Regime distanzierten.
Interview: Josef Wallner
Der Titel Ihres Buches überrascht: „Hitlers Theologie". Was hat ein Diktator, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, mit Theologie zu tun?
Bucher: Hitler war natürlich kein christlicher und auch kein wissenschaftlicher Theologe. Aber ich verstehe Theologie als Rede von Gott, die Wirkung hat. Und das trifft bei Hitler zu, so intellektuell erbärmlich sie auch ist. Ich weiß, dass der Titel provoziert, weil er Theologie in die Nachbarschaft mit dem größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte rückt - aber es gibt eben auch eine schreckliche Theologie.
Hitler hat in seinen Reden oft das Wort Gott oder Vorsehung in den Mund genommen. War das nicht bloß Propaganda?
Bucher: Nein, es ist völlig klar, dass sein „Glaube" ihn angetrieben und sein ganzes Handeln bestimmt hat - bis zu seinem Ende.
Aber Gegner Hitlers - oft einfache Menschen - haben ihn doch als gottlos bezeichnet ...
Bucher: Der Gott Hitlers hat mit dem Gott der Christen, dem gnädigen und verzeihenden Gott Jesu nichts zu tun, aber Hitler war kein Atheist. Und er war übrigens auch kein Anhänger einer neuheidnischen germanischen Religiosität, sondern er hatte sich selbst eine „Theologie" gezimmert: Er glaubte an die Erschaffung der Welt in unterschiedlichen Stufen der Rassen. Und sein Glaubensbekenntnis gipfelte in der Überzeugung, dass er - so heißt es in „Mein Kampf" - das Werk des Herrn vollbringt, wenn er sich der Juden erwehrt.
In der Rückschau wurde Hitler mehr mit dem Bösen, dem Antichristen, in Verbindung gebracht, nicht mit den Theologen ...
Bucher: Inhaltlich stimmt das und die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose" hat das auch folgendermaßen ausgedrückt: „Jedes Wort, das aus Hitlers Mund kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den Satan." Seine Theologie ist das genaue Gegenteil der christlichen Theologie und so kann man ihn durchaus Antichrist nennen.
Warum hat sich die katholische Kirche dann nicht schon früh deutlich von der Theologie Hitlers abgegrenzt?
Die Kirche hat sich zwar intensiv mit dem Neuheidentum von Alfred Rosenberg und seinem „Mythos des 20. Jahrhunderts" auseinander gesetzt, mit Hitlers religiösen Bezügen in seinen Reden und Schriften aber wenig. Als er dann 1933 an die Macht gekommen ist, hat die Kirche vor allem auf die Sicherung ihres eigenen Wirkungsbereiches geachtet, wie zum Beispiel auf die Liturgie. Die Kirche hat im Wesentlichen nicht über den Zaun der eigenen Institution hinausgeschaut. Wie übrigens die kommunistische Partei auch nicht. Da hat sich für die Kirche die strikte Ablehnung der Aufklärung bitter gerächt: Die Kirche hatte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Begriffe wie Menschenrechte und Freiheit nicht positiv in ihrem theologischen Wortschatz.
War der Blick der Kirche nicht auch durch „Gemeinsamkeiten" mit dem Nationalsozialismus getrübt?
Bucher: Man war sich einig in der Ablehnung des Kommunismus und in der Ablehnung des Liberalismus und auch der Demokratie. Kardinal Faulhaber hat bei einem Katholikentag in der Zwischenkriegszeit noch gesagt: Könige von Volkes Gnaden (gewählte Volksvertreter) sind keine Gnade für das Volk.
Worin liegt die Herausforderung der Theologie Hitlers für die Kirche heute?
Bucher: Die Kirche hat mit dem 2. Vatikanischen Konzil ihre Antwort gegeben. Der Einsatz für die Menschenrechte, die Freiheit und die Würde jedes Menschen gehört zu den Grundentscheidungen des Konzils. Und diese Entscheidungen umzusetzen, ist eine religiöse Aufgabe. Konkret hat das Papst Johannes Paul II. gezeigt, was es heißt, nicht nur die eigenen Reihen zu schützen, sondern sich weltweit für Freiheit und Frieden einzusetzen.