freitag.de 18 Dez 2009 Nr. 8492

Ihr schon wieder!

Liebes Christkind, mach dass Weihnachten schnell vorüber geht. Denn es gibt keine richtige Feierlichkeit beim falschen Fest

Von Robert Misik

In meiner Jugend war das so: Zu Weihnachten war man eingekerkert in das Verlies „Familie“. Man musste dabei sein. Die Oma sang mit falscher Stimme Lieder, die keiner hören wollte und jeder hoffte, dass es bald vorbei ist. Und man hatte, selbst in einer relativen Großstadt wie Wien, keine Möglichkeit, dem zu entgehen oder es sich später wegzuspülen. Keine – buchstäblich: keine! – Kneipe hatte offen. Anfang der achtziger Jahre war es dann der grindige New-Wave-Schuppen namens „Ring“, der auch am 24. Dezember geöffnet hielt.

Da hingen dann in den ersten Jahren fünf, sechs Leute rum. Erst in den Jahren darauf öffneten immer mehr Lokale und auch das Publikum wuchs. Seither kann man Weihnachten aushalten.

Okay, ich kenne Leute, für die ist Weihnachten kein Problem. Die fühlen sich wohl in ihrer Klein- oder erweiterten Großfamilie, die freuen sich, dass einmal im Jahr alle zusammenkommen. Manche reisen dafür sogar aus allen Weltgegenden an. Ich kenne auch Leute, die mit Weihnachten biografisch nichts zu tun haben, weil sie Juden oder Muslime oder sonst was sind, und die gerne Weihnachten feiern, weil sie sich der Sache mit der lässigen Unbefangenheit nähern wie der Indio dem Yoga. Aber viele sind das nicht.

Für die meisten anderen ist Weihnachten das Fest des „Müssens“, der Großfeiertag des Über-Ichs. Man muss ja, wegen der Kinder. Wenn die Kinder dann größer sind, dann müssen die – wegen der Eltern. Man ist, um des lieben Friedens willen, entschlossen, den nervenden Onkel am Nebensitz zu ignorieren. Man trinkt viel zu viel Alkohol, um zu kompensieren. Aber das klappt nie – der Alkohol eskaliert die Sache nur. Man will seinen eigenen Ansprüchen genügen – sich fähig erweisen zum Ritus, zur Zelebrierung eines Ausnahmemoments, zu Familie und Gemeinschaftsgefühl, aber auch zur Lockerheit und Modernität. Ansprüche, an denen man meist scheitert.

Wenn ich einen Adventkranz sehe, kriege ich eine Gänsehaut. (...)