neues-deutschland.de 9 Feb 2010 Nr. 8778

Im Sog eines Sumpfes

Der Missbrauchsskandal ist eine Bankrotterklärung der katholischen Kirche

Von Ingolf Bossenz

Karneval und Katholizität sind nicht zu trennen. Vielleicht hat Papst Benedikt XVI. deshalb in der nächsten Woche ausgerechnet am Rosenmontag Irlands Bischöfe in den Vatikan zitiert, um ihnen die Leviten zu lesen. Allerdings ist nicht abzusehen, dass für die römisch-katholische Kirche die »tollen Tage« termingerecht am Aschermittwoch vorbei sind. Denn die Sexualstraftaten ihrer »Hirten« sind mittlerweile d a s Dauerthema des größten globalen Glaubenskonzerns.

Australien, USA, England, Frankreich, Irland, Österreich, Polen, Deutschland ... Der länder- und kontinentübergreifende Sumpf ist nach Jahren in groben Konturen zu erkennen. Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester der katholischen Kirche entspricht in seiner internationalen Dimension dem Anspruch der Una Sancta, Weltkirche zu sein. (...)

Religion, katholisch konfessionierte gar, habe damit ursächlich nichts zu tun, wird eilfertig versichert. Schulen, Sportvereine, Freizeiteinrichtungen – überall dort, wo Erwachsene engen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen haben, existierten solche Risiken, heißt es.

Doch bislang hat es lediglich die katholische Kirche geschafft, einen solchen Missbrauchsskandal nachgerade zu globalisieren. (...)

Auch von einem Generalverdacht gegen die katholische Kirche kann in den hierzulande ohnehin notorisch kirchenfreundlichen Mainstream-Medien nicht einmal ansatzweise die Rede sein. (...)

Immerhin bekundete die katholische Kirche in Deutschland – etwas anderes hätte auch merkwürdig geklungen – ihren Willen, alle Fälle sexuellen Missbrauchs aufzuklären. Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, erläuterte dazu: »Wir können nicht wollen, dass die christliche Botschaft und die Glaubwürdigkeit vieler kirchlich Engagierter wegen der Verfehlung mancher zugrunde gehen.« In diesem Satz fokussiert sich die ganze Strategie des Abwiegelns und Abwehrens.

Unangetastet bleibt »die christliche Botschaft«, mithin der Anspruch, der Gesellschaft auch künftig einen kirchlich legitimierten Wertekanon vorzuschreiben. Es geht lediglich um die »Verfehlung mancher«. Der Einzelne kann fehlen, die Kirche fehlt nie, wird nie fehlen und hat nie gefehlt. (...)

Darum neigt die katholische Kirche auch trotz immer weiterer Enthüllungen über das Ausmaß der Übergriffe und ungeachtet ihrer eigenen Bereitschaftsbekundungen nicht gerade zu übermäßiger Eile. (...)

Um die Gelassenheit, die katholische Kirchenleute im aktuellen Missbrauchsskandal an den Tag legen, zu verstehen, muss man hinter die Leoninischen Mauern sehen. Denn die römisch-katholische Kirche wird nicht von ihren Oberen in Irland, Frankreich oder Deutschland regiert, sondern vom Vatikan. (...)