Interview mit dem Mitorganisator Stefan Uttenthaler über den Satirepreis „Goldenes Brett vorm Kopf“

„Praktisch jeder Kandidat birgt ein Schadenspotenzial“

Mit dem Satirepreis „Goldenes Brett vorm Kopf“ zeichnen die Wiener Skeptiker den „größten unwissenschaftlichen Blödsinn des Jahres“ aus. Gemeint sind laut Ausschreibung Personen, „die mit wissenschaftlich längst widerlegten Behauptungen oder absurden Verschwörungstheorien Geld, Ruhm oder Einfluss anstreben, obwohl sie es eigentlich besser wissen müssten“. Der hpd hat mit dem Mitorganisator Stefan Uttenthaler gesprochen, über skurrilen Aberglauben, gefährliche Verschwörungserzählungen und warum es wichtig bleibt, über kritisches Denken aufzuklären.

Verleihung 2025
„Goldenes Brett“ 2025: Die Bühnenakteure

hpd: Die Wiener Skeptiker (Gesellschaft für kritisches Denken, GkD) sind Teil der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), der größten deutschsprachigen Skeptikerorganisation. Nach welchen Kriterien unterscheidet die Jury zwischen harmloser Skurrilität und gesellschaftlich schädlicher Pseudowissenschaft?

Stefan Uttenthaler: Grundsätzlich gibt es ein gut etabliertes Set an Kriterien, nach denen die Jury entscheidet. Diese sind: Grad der Abwegigkeit, Pseudowissenschaftlichkeit, Kritikresistenz, kommerzielles Interesse, Aktionsradius und Gefahrenpotenzial (genaue Ausführung hier). Bei einigen Kandidaten oder Preisträgern ist das Schadenspotenzial sehr evident, beispielsweise bei Virenleugnern und Impfgegnern oder bei „Wunderheilern“ wie Ryke Geerd Hamer, der zahllose Opfer zu verantworten hat. Bei einigen auf den ersten Blick scheinbaren „Skurrilitäten“ zeigt sich der mögliche Schaden erst bei genauem Hinsehen oder nach einiger Zeit. Als Beispiel nenne ich das pseudowissenschaftliche Wellnessgerät „Healy“: Ich habe eine Betroffene kennengelernt, die das für ein wirksames Gerät hielt und es ihrer Tochter gegen ihre schweren Menstruationsbeschwerden empfohlen hat. Das hat nicht nur viel Geld gekostet, sondern auch das Leid unnötig verlängert. Der erste Preisträger, Peter-Arthur Straubinger, der für seinen esoterischen Film „Am Anfang war das Licht“ ausgezeichnet wurde, weil er das Konzept der Lichtnahrung unkritisch-naiv wiedergibt, mag ebenfalls wie eine Skurrilität erscheinen. Allerdings gibt es in der Zwischenzeit mindestens einen nachgewiesenen Todesfall im Zusammenhang mit der Lichtnahrung. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob der junge Mann den Film gesehen hat, muss man feststellen: Praktisch jeder Kandidat mit ausreichender Breitenwirkung birgt ein gesellschaftliches Schadenspotenzial, das sich vor allem bei labilen Menschen entfalten kann.

Seit geraumer Zeit treten Esoterik und klassische Pseudowissenschaften wie Homöopathie immer mehr in den Hintergrund, während Verschwörungsideologien und Extremismus an Öffentlichkeit gewinnen. Beim „Goldenen Brett“ kann jeder online einen Kandidaten oder eine Kandidatin für den Preis nominieren. Wie hat sich der Wandel auf diese Nominierungen ausgewirkt?

Teilweise schlägt sich das sehr stark in den Nominierungen nieder, die wir erhalten. In der Corona-Zeit oder mit der Präsidentschaft Donald Trumps hat das nochmals zugenommen, auch wenn letzterer, ebenso wie sein impfgegnerischer „Gesundheits“-Minister Robert F. Kennedy, und sein restliches Umfeld nicht für den Preis infrage kommen, da sich das „Goldene Brett“ auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Der schon erwähnte „Healy“, der 2024 den Preis erhalten hat, zeigt jedoch, dass sich dieser Trend nicht notwendigerweise auf die Ausgezeichneten selbst auswirkt, beziehungsweise dass Esoterik und Pseudowissenschaft zeitlos sind. Schließlich leben Verschwörungserzählungen ja ganz stark von Pseudowissenschaft und viele Extremisten sind Esoterikanhänger.

Kommt es auch zu Klagen von Nominierten oder Preisträgern, und wie sichert sich das Team rechtlich ab?

Bisher gab es erst eine handfeste Klage im Umfeld des „Goldenen Bretts“. Sie betraf einen österreichischen Wissenschaftsjournalisten und das Magazin, für das er über das „Goldene Brett“ geschrieben hat. Das hat sich über längere Zeit vor Gericht hingezogen, ging jedoch schlussendlich zum Glück gut für den Journalisten und das Magazin aus. Tatsächlich ausgesprochene Klagedrohungen durch Nominierte oder Preisträger gab es etwa eine Handvoll. Daraus hat sich jedoch noch keine Klage gegen das Team materialisiert, und uns ist noch kein Anwaltsbrief ins Haus geflattert.

Andere Kritiker hingegen wurden bereits mit Klagen oder Unterlassungserklärungen konfrontiert. Man denke nur an Natalie Grams, Ärztin und Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, die vom Homöopathika-Hersteller Hevert abgemahnt wurde, oder das YouTube-Kollektiv Simplicissimus, das von der Firma Healy World verklagt wurde, welche die Klage jedoch fallen lassen musste. Wie man sieht, waren nur wenige der juristischen Anstrengungen erfolgreich. Daher haben wir auch keine rechtliche Absicherung abgeschlossen. Im Fall des Falles würden wir ein Crowdfunding versuchen, wie es schon der Skeptiker-Kollege Erich Eder im Rechtsstreit mit der Esoterikwasser-Firma Grander machen musste – zum Glück sehr erfolgreich. Das zeigt, dass die Community stark und unterstützend ist und dass wir hoffen dürfen, ebenfalls Unterstützung zu erfahren.

Stefan Uttenthaler
Mitorganisator Stefan Uttenthaler

Befürchten Sie, dass der Preis bei nominierten und ausgezeichneten Personen eher Radikalisierung und Wagenburg-Mentalität verstärkt als Einsicht?

Es wäre schön, wenn die Ausgezeichneten zur Einsicht kämen! Das würden wir sehr positiv aufnehmen. Ja, es könnte gar nicht hoch genug angerechnet werden. Jedoch ist es so, dass sich die Preisträger zu dem Zeitpunkt, an dem sie das Goldene Brett erhalten, bereits so tief in eine pseudowissenschaftliche und esoterische Welt oder in ihre Verschwörungserzählungen verrannt haben, dass kaum Hoffnung auf Einsicht besteht. Zu diesem Zeitpunkt sind die Personen ja bereits mit konsolidierten Aussagen und Handlungen medial aufgefallen. Da müssen sie schon sehr stark von ihren Ansichten überzeugt sein. Niemand bekommt für einzelne Sager oder Ausrutscher das Goldene Brett, sodass dadurch eine Radikalisierung zu befürchten wäre.

Michael Horak, der Initiator des „Goldenen Bretts“, hat im Dezember 2025 in der Reihe „Skeptics in the Pub Wien“ einen Vortrag gehalten, in dem er über die Ergebnisse seiner Recherche berichtete, was aus den bisherigen Preisträgern geworden ist. Es gibt zwar einige Preisträger, um die es seit der Auszeichnung ruhiger geworden ist oder die gar von der Bildfläche verschwunden sind. Um Einsicht oder Verbesserung zu finden, muss man aber schon fast beide Augen zudrücken. Am ehesten ist das noch bei der schon erwähnten Firma Hevert der Fall, die nun etwas sanfter auftritt und verstärkt auf Phytotherapie setzt, wofür sie auch ein neues Werk errichtet hat. Es gibt jedoch bisher keinen Preisträger, bei dem sich im Nachhinein herausgestellt hat, dass wir Skeptiker uns wirklich geirrt haben.

Mitunter liest man, dass der Preis eine politische Agenda verfolge oder von politischen Akteuren vereinnahmt werde. Wie reagieren Sie auf diese Vorwürfe?

Tatsächlich achtet die Jury sehr genau darauf, dass die Auszeichnung nicht wegen unliebsamer politischer Meinungsäußerungen, sondern ausdrücklich wegen unwissenschaftlicher Behauptungen und Aussagen verliehen wird. Dennoch lesen wir hin und wieder solche Vorhaltungen, wonach die Auszeichnung politisch motiviert sei oder wir damit eine politische Agenda verfolgen würden. Wir werden jedoch sehr selten direkt damit konfrontiert, sodass wir kaum explizit Stellung nehmen müssen. Es stellt sich auch die Frage, welche Richtung diese Agenda bedienen soll. Die Verleihung 2023 wurde durch Anhänger des Vereins Grüne für Grundrechte und Informationsfreiheit (GGI, ehemals: Grüne gegen 2G und Impfpflicht) massiv gestört, also von selbsterklärt links; 2024 haben wir das pseudowissenschaftliche Wellnessgerät „Healy“ ausgezeichnet, was wohl ziemlich unpolitisch ist; und 2025 ging der Hauptpreis an den in der rechtsverschwörungstheoretischen Szene gerne gehörten Podcast Hoss & Hopf. Über die Jahre bekommt also jeder sein Fett weg, der unwissenschaftlichen Unfug allzu vehement vertritt. Und schließlich: Nur getroffene Hunde bellen.

Gab es in der Geschichte des Preises Reaktionen von Nominierten, die positiv oder überraschend aus dem Rahmen fielen?

Allen Finalisten wird das Recht eingeräumt, bei der Verleihung eine Gegenrede zu halten oder eine Stellungnahme zu schicken, die verlesen wird. Von diesem Recht haben bereits einige Finalisten Gebrauch gemacht, unter anderem der erste Preisträger Peter-Arthur Straubinger. Reaktionen, die positiv oder sehr überraschend aus dem Rahmen fielen, waren kaum dabei. Die typische Reaktion ist der (ziemlich erfolglose) Versuch, sich über das „Goldene Brett“ und die Skeptiker lustig zu machen. Im Sinne der eigenen Psychohygiene der Finalisten ist diese Reaktion verständlich. Die kreativste Reaktion war wohl die „silberne Schere im Kopf“, die wir im Gegenzug von einem Preisträger symbolisch verliehen bekommen haben und die immerhin zum Schmunzeln angeregt hat.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Stefan Uttenthaler.

Noch bis zum 12. Oktober kann man online mitbestimmen, wer das „Goldene Brett vorm Kopf“ erhalten soll. Aus allen Einreichungen wird eine Fachjury drei Finalisten auswählen und den schließlichen Sieger ermitteln. Die Verleihungsfeier des „Goldenen Bretts“ ist am 11. November 2026 im Wiener Stadtsaal. Durch das Programm führt die Moderatorin Manuela Raidl, bekannt vom österreichischen TV-Sender Puls4. Für aufklärerische Unterhaltung sorgen die Podcasterin und „Science Buster“ Ruth Grützbauch sowie das Satirekollektiv „Luksan Wunder“ aus Deutschland. Als Laudatoren fungieren Andreas Zajic (Historiker, Österreichische Akademie der Wissenschaften), Katharina Kropshofer (Redakteurin der Wochenzeitung Falter) und Prof. Marcus Huber (Physiker, TU Wien).

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Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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