Essay
Die FDP und die Krise des Liberalismus
Die FDP ist weder im Bundestag noch in den meisten Landesparlamenten vertreten. Doch ihre Krise reicht über die Partei hinaus. Freiheit wird heute häufig vor allem als Wirtschaftsfreiheit definiert. Dabei gehören zum liberalen Versprechen ebenso Bürgerrechte, individuelle Selbstbestimmung und die Freiheit von religiöser und moralischer Bevormundung.
Bild generiert mit Hilfe von OpenAI / ChatGPT (DALL·E)
Man würde es sich zu leicht machen, Christian Lindner allein für den Niedergang der FDP verantwortlich zu machen. Seine Blockadehaltung in der Ampelkoalition und seine Weigerung, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse für zusätzliche staatliche Ausgaben auszusetzen, führten zum Bruch der Koalition. Lindners Kalkulation, von diesem Kurs bei den anschließenden Neuwahlen politisch profitieren zu können, erwies sich als Fehler. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte die FDP mit 4,3 Prozent der Zweitstimmen an der 5-Prozent-Hürde. Bei den folgenden Landtagswahlen erreichte sie einen ähnlichen Stimmenanteil wie die Tierschutzpartei und wurde in die Bedeutungslosigkeit degradiert. Doch der Niedergang der FDP hatte eine längere Vorgeschichte. Die Partei war schon vor dem Ende der Ampelkoalition auf der Suche nach ihrem politischen Profil. Es stellt sich deshalb die Frage, wofür die FDP in den vergangenen Jahren noch stand – abseits der Schuldenbremse und der Interessen ihrer traditionellen mittelständischen Klientel.
Mehr als freie Märkte
Unter Liberalismus versteht man weit mehr als nur freie Märkte und niedrige Steuern. Doch hat die FDP diese anderen Dimensionen des Liberalismus in den letzten Jahren nicht mehr überzeugend vertreten. Ein Beispiel ist ihr Verhalten bei der versuchten Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs durch einen überparteilichen Gruppenantrag zum Ende der Ampel-Koalition. Als kurz vor Ende der Ampel-Legislatur noch ein Gesetzentwurf zustande gekommen war, schielte die FPD bereits auf eine künftige Koalition mit der Union und half ihr, das Gesetz im Rechtsausschuss stranden zu lassen.1
Die Krise des deutschen Liberalismus wäre leichter zu erklären, wenn sie weltweit eine Ausnahme wäre. Sie ist es nicht. Nach dem aktuellen Bericht von Freedom House ist 2025 weltweit die Demokratie bereits das zwanzigste Jahr in Folge zurückgegangen. In 54 Ländern verschlechterten sich politische Rechte und bürgerliche Freiheiten, während es in lediglich 35 Ländern Verbesserungen gab. Heute leben nur noch 21 Prozent der Weltbevölkerung in Staaten, die als „frei" eingestuft werden. Vor zwei Jahrzehnten waren es noch 46 Prozent.
Wie schnell sich der Grad der Freiheit in einem Land ändern kann, zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten. 2025 verzeichneten sie unter den von Freedom House als „frei“ eingestuften Ländern den stärksten Rückgang. Ihr Wert sank auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. Als Gründe nennt Freedom House unter anderem den Machtzuwachs der Exekutive, Einschränkungen der Meinungsfreiheit und den Abbau demokratischer Kontrollmechanismen.
Staat und Kirche: eine offene Rechnung
In Deutschland ist diese Schwäche besonders deutlich beim Verhältnis von Staat und Kirche zu beobachten. Die FDP mahnte in der Vergangenheit wiederholt eine Trennung von Staat und Kirche an, bei ihren Regierungsbeteiligungen hat sie aber kaum etwas dafür getan. Das gilt für das kirchliche Arbeitsrecht ebenso wie für den Einfluss der Kirchen auf Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen.
Bei den Staatsleistungen ist die Lage komplizierter. Zwar sprach sich die FDP für deren Ablösung aus, hielt zugleich aber an einer angemessenen Entschädigung der Kirchen fest, obwohl sie gerade bei diesem Thema hätte zeigen können, was weltanschauliche Neutralität des Staates und individuelle Freiheit konkret bedeuten.
Durch das Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag ist eine politische Lücke entstanden. Eine andere Partei hat sie bislang nicht geschlossen. Dass der Liberalismus unter Druck steht, zeigt sich allerdings keineswegs allein in Deutschland. Politische Freiheit, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte und individuelle Selbstbestimmung haben derzeit weltweit keine Konjunktur. Momentan gibt es auch wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich dieser Prozess in Deutschland und bei seinen Parteien umkehren könnte.
1 Hinweis der Redaktion: Dieser Absatz wurde am 14.10.2026 um 12:30 Uhr überarbeitet.
Kommentare (4)
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Dabei gehören zum liberalen…
Dabei gehören zum liberalen Versprechen ebenso Bürgerrechte, individuelle Selbstbestimmung und die Freiheit von religiöser und moralischer Bevormundung.
Weiter ist dazu nichts zu sagen!
Schlimmer noch: Liberalismus…
Schlimmer noch: Liberalismus wird gern gekapert
Mit den im vorstehenden Kommentar genannten Punkten Bürgerrechte, Selbstbestimmung und Freiheit von Bevormundung und mit manchen wirtschaftliberalen Aussagen geht aktuell ausgerechnet die AfD gern auf Stimmenfang.
Als ob man nicht bei Vordenkern wie Max Krah genau nachlesen könnte, dass die völkischen Denker der Auffassung sind, die Wirtschaft habe dem Staat zu dienen und individuelle Selbstbestimmung und Freiheit habe gegenüber irgendeiner natürlichen Ordnung im Volk zurückzutreten (die natürlich speziell diese Leute ganz genau kennen).
Benedetto Croce (1866–1952)…
Benedetto Croce (1866–1952) hat zwischen dem ethisch-politischen Liberalismus und dem ökonomischen Liberismus (= Wirtschaftsliberalismus) unterschieden.
"Der italienische Sprachgebrauch unterscheidet auf hilfreiche Weise zwischen "liberalismo" und "liberismo" – eine Unterscheidung, die im Mittelpunkt einer berühmten Auseinandersetzung zwischen Croce und dem italienischen Ökonomen und Politiker Luigi Einaudi (1874–1961) stand. "Liberalismo" bezeichnet das umfassende politische und ethische Konzept des Liberalismus, während sich "liberismo" auf dessen wirtschaftliche, auf freiem Unternehmertum basierende Aspekte bezieht. Während im deutschen – und noch stärker im französischen – Sprachraum die Tendenz bestand (und nach wie vor besteht), beide Begriffe miteinander zu vermengen – so wie es auch Einaudi tat –, versuchte Croce, sie voneinander abzugrenzen. Es ist… strittig, ob der wirtschaftliche Liberalismus für sich genommen hinreichende Elemente des umfassenderen Spektrums liberaler Strömungen enthält. Wie Croce es treffend formulierte: „Die Schwierigkeit tritt in dem Moment auf, in dem wir dem System des freien Unternehmertums den Status einer Norm verleihen.“ Dies führte zu Konflikten mit dem ethischen und politischen Liberalismus, der auf anderen leitenden Normen beruhte – Normen, die nicht auf egoistischen oder hedonistischen Nützlichkeitserwägungen gründeten." [übers. v. Google]
(Freeden, Michael. Liberalism: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2015. p. 87)
"Die zeitlichen Schichten des Liberalismus:
1. Eine Theorie der Machtbegrenzung, die darauf abzielt, individuelle Rechte zu schützen und einen Freiraum zu sichern, in dem Menschen ohne staatliche Unterdrückung leben können.
2. Eine Theorie wirtschaftlicher Interaktionen und freier Märkte, die es dem Einzelnen ermöglicht, vom gegenseitigen Güteraustausch zu profitieren.
3. Eine Theorie des menschlichen Fortschritts im Zeitverlauf, die darauf ausgerichtet ist, dem Einzelnen die Entfaltung seines Potenzials und seiner Fähigkeiten zu ermöglichen – solange er dabei anderen keinen Schaden zufügt.
4. Eine Theorie gegenseitiger Abhängigkeit und staatlich geregelter Wohlfahrt, die für den Einzelnen notwendig ist, um sowohl Freiheit als auch ein gelingendes Leben zu erreichen.
5. Eine Theorie, die die Vielfalt von Lebensstilen und Überzeugungen innerhalb von Gruppen anerkennt und auf eine plurale und tolerante Gesellschaft abzielt." [übers. v. Google]
(Freeden, Michael. Liberalism: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2015. p. 13)
"Die begriffliche Morphologie des Liberalismus:
Der Liberalismus ist eine Ideologie, die sieben politische Begriffe umfasst, welche in ihrem Kern miteinander in Wechselwirkung stehen: Freiheit, Rationalität, Individualität, Fortschritt, Soziabilität, das allgemeine Interesse sowie begrenzte und rechenschaftspflichtige Macht." [übers. v. Google]
(Freeden, Michael. Liberalism: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2015. p. 15)
(Wer des Englischen mächtig ist und eine Einführung in den Liberalismus sucht, dem sei Freedens hervorragendes Buch nachdrücklich empfohlen.)
Lange nicht mehr einen…
Lange nicht mehr einen wichtigen Kommentar hinsichtlich freiheitlicher Regierungs-/Parteien- Arbeit gelesen.
Danke für diese sachliche Kritik an einer Partei, die vor langer Zeit freiheitliche Rechte und Verhaltensweisen konsequent vertreten hat.