Ausstellung in Aschaffenburg
Die Demokratie im Spiegel von Wort und Bild
In welchem Verhältnis stehen eigentlich Demokratie und Humor? Gewährleistet Demokratie die Freiheit der komischen Kunst? Oder ist der Humor eine der kontrollierenden Gewalten, die dafür sorgt, dass diese Freiheit nicht verschwindet? Gerade wurde eine Ausstellung eröffnet, deren Werke dazu einladen, über diese Frage nachzudenken. Mit dabei sind auch „Spott sei Dank“-Karikaturen, die beim hpd erschienen sind.
Foto: © Gunnar Schedel
Zwei Männer mit Kurzhaarfrisur gehen über einen leeren Platz. Der eine hält eine Bierflasche in der Hand und meint: „Ich war immer unsicher, ob das die richtige Partei für mich ist. Jetzt bin ich heilfroh, dass die AfD gesichert rechtsextrem ist.“ Was eigentlich nur die Tristesse der politischen Zustände in Deutschland widerspiegelt, wird zum Witz, wenn es von Greser & Lenz zu Papier gebracht wird. Zu sehen ist die Karikatur im „KunstLANDing“ in Aschaffenburg, gleich im ersten Raum. Sie ist Teil der Ausstellung „!HÄ? Demokratie und Humor“ des Neuen Kunstvereins Aschaffenburg, die am vorvergangenen Samstag eröffnet wurde. An den Wänden hängen Karikaturen des ortsansässigen Duos, das regelmäßig in der FAZ veröffentlicht; in zwei Vitrinen sind Vorstudien zu sehen – schnell hingeworfene Zeichnungen, die es nicht bis zur Fertigstellung geschafft haben, weil die Redaktion an dem Tag ein anderes Motiv interessanter fand. Wahrscheinlich erblicken sie erstmals das Licht der Öffentlichkeit.
Foto: © Gunnar Schedel
Insgesamt werden Karikaturen von rund 25 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt. Neben Greser & Lenz füllen auch Hauck & Bauer, die ebenfalls aus der Region kommen, einen ganzen Saal. Zwei Räume sind Werken aus „Spott sei Dank!“, dem Satirefenster des Humanistischen Pressedienstes, vorbehalten. Auf großen Bahnen sind die Zeichnungen ausgedruckt, so groß wie Tafelbilder.
Die satirische Auseinandersetzung mit Fragen der Demokratie erfolgt auf sehr unterschiedliche Weise. Teils geht es um konkrete politische Ereignisse wie die Wahl des damaligen FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum thüringischen Ministerpräsidenten mit Stimmen der AfD (Dorthe Landschulz); teils werden grundsätzliche Fragen verhandelt. So versieht Rüdiger Tillmann die Verknüpfung von Demokratie und Marktwirtschaft mit einem Fragezeichen, wenn er die Erde auf die Frage eines anderen Himmelskörpers, wie sie denn die Menschheit losgeworden sei, antworten lässt: „Der Markt regelt das!“. Das Verhältnis von Kunstfreiheit und politischem System wird auch direkt angesprochen: Die Botschaft der Zeichnung einer fiktiven Ausstellung der frechsten Karikaturisten von Oliver Ottitsch ist diesbezüglich sicher unmissverständlich.
Foto: © Gunnar Schedel
Ein Reiz des Großformates liegt darin, dass jedes Detail studiert werden kann, aber es gibt in der Ausstellung auch einige Originale. Beispielsweise Collagen von Kriki, den viele aus der taz kennen werden. In einem engeren Sinn politisch sind die Arbeiten von Robert Fietzek, von denen einige direkt bei der Aschaffenburger Regionalpolitik angreifen.
Zwei der Ausstellungsräume stechen durch ihre Andersartigkeit heraus: die Texte des Dichters Thomas Gsella, einziger Buchstabenkünstler unter den Ausgestellten, hängen auf Fahnen gedruckt von der Decke. Und Katharina Greves Hochhaus-Projekt wird in einem abgedunkelten Kabinett als Wandprojektion dargeboten.
Foto: © Gunnar Schedel
Einen zentralen Platz nehmen die Werke Jacques Tillys ein. Nicht nur, weil sie den größten Saal füllen und ganz unterschiedlich präsentiert werden: als ausgedruckte Vorskizze, als bemalte Kleinplastik aus dem 3D-Drucker oder als in Endlosschleife an die Wand geworfene Fotoserie seiner Karnevalsmotivwagen. Sondern auch, weil er sich in seiner Video-Grußbotschaft auf das Thema der Ausstellung bezieht und betont, dass Humor sich nur unter demokratischen Verhältnissen öffentlich entfalten könne. Und der Düsseldorfer Künstler weiß, wovon er redet: Anfang April hat ihn ein russisches Gericht in Abwesenheit wegen seiner satirischen Großplastiken zu den politischen Verhältnissen in Putins Reich zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt (der hpd berichtete).
Foto: © Gunnar Schedel