Experten warnen vor KI als Beschleuniger von Radikalisierung

Experten haben auf einer Pressekonferenz erläutert, wie Künstliche Intelligenz und große digitale Plattformen Radikalisierung beschleunigen können.

Verschiedene KIs auf einem Smartphone

Keine eine Technologie hat die Welt in so kurzer Zeit so grundlegend verändert wie die Künstliche Intelligenz: KI-Systeme helfen dabei, Krankheiten zu erkennen, revolutionieren die Programmierung von Software, sind für viele Menschen Diskussionspartner, die ihnen bei der Arbeit zur Seite stehen, oder ein Spielzeug, um mehr oder weniger witzige Bilder zu erstellen. Doch KI kann auch genutzt werden, um islamistische Hassvideos zu produzieren, mit täuschend echten Fake-Bildern Stimmung gegen Israel zu machen oder radikale Predigten in fast jede Sprache zu übersetzen – und das in Sekunden.

“Künstliche Intelligenz“, sagte Jamuna Oehlmann, die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (BAG RelEx), auf einer Pressekonferenz zum Thema ”Islamistischer Extremismus 4.0“, “erfindet den Extremismus nicht, aber sie beschleunigt ihn.“ Sie mache das, was ohnehin gefährlich sei, schneller, größer und zielgenauer. So habe sich ein 17-jähriger Islamist über die Sozialen Netzwerke radikalisiert und einen Anschlag geplant. Ein KI-Chatbot habe mit ihm diskutiert, Zeit für ihn gehabt und sei immer freundlich gewesen. Die KI, sagte er später der Polizei, sei für seine Radikalisierung wichtig gewesen und habe ihn bei seinen Planungen unterstützt. ”KI“, stellte Oehlmann jedoch klar, "macht aus niemandem einen Extremisten, der es nicht ohnehin werden könnte.“

Sakina Abushi von Ufuq stellte die Erkenntnisse des vom Land Berlin erstellten Islamismus-Monitors vor: “Salafistische und jihadistische Online-Propaganda richtet sich immer gezielter auch an Kinder und Jugendliche.” Dabei vermittelten die Akteure ihre Propaganda nicht mehr nur an Orten wie Moscheen und Gemeinden, sondern über Soziale Netzwerke wie Instagram und TikTok sowie über YouTube und Messenger-Dienste. “Sie bedienen sich dabei einer sehr jugendaffinen Ästhetik.“ Wichtige Themen seien dabei häufig religiöse Alltagsfragen, internationale Konflikte sowie Erfahrungen mit Diskriminierung oder mit ”wahrgenommener gesellschaftlicher Ungerechtigkeit“. Die Videos gäben einfache Antworten auf Fragen nach Homosexualität, dem Verhältnis von Mann und Frau oder der Frage, ob man Musik hören dürfe oder nicht. Die Sozialen Medien seien jedoch zugleich Fluch und Segen für die innermuslimische Debatte: "Ich sehe, dass vor allem sehr junge Menschen auch sehr selbstbewusst auftreten und sich nicht von Gelehrten mit einem absoluten Wahrheitsanspruch einschüchtern lassen.“

Elena Jung von Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung sagte, dass das Thema Künstliche Intelligenz in der islamistischen und salafistischen Szene aufgegriffen und kontrovers diskutiert werde. Pierre Vogel, auch als Abu Hamza bekannt, halte Chatbots für eine glaubwürdige Quelle, solange sie seine Ansichten unterstützten. Andere wiesen darauf hin, man solle sich nicht auf KI als einzige Quelle in Glaubensfragen verlassen. „Hannah Hansen sieht Social Media und Künstliche Intelligenz als Ablenkung vom Wesentlichen und als Verführung durch eine westliche Ideologie ohne Werte und Moral.“ Die ehemalige Boxerin rate ihrer Community zu kompletter Abstinenz. Anas Islam wiederum nutze KI zur Erstellung seiner Videos und bewerbe die KI-gestützte App "Muslim Assistant“, die Gebetszeiten, Festtage, Fatwas und Koranübersetzungen anbiete.

Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King's College London, sagte, seit 25 Jahren wachse die Rolle der digitalen Technologie bei der Radikalisierung. Die Bedeutung von Gruppen – ob bei Rechtsradikalen oder Islamisten – nehme ab: “Fast alle terroristischen Anschläge, die in Europa in den vergangenen zehn Jahren stattfanden, wurden von Einzeltätern, den sogenannten einsamen Wölfen, verübt.” Die Radikalisierung finde in der Regel allein und in digitalen Räumen statt. Häufig komme es zu einer Turbo-Radikalisierung: "Was sich früher in Monaten oder Jahren entwickelte, geschieht jetzt in Wochen oder wenigen Monaten.“ KI würde dies noch einmal beschleunigen: Videos, Texte und Übersetzungen ließen sich mit ihrer Hilfe schnell produzieren. Dabei gehe es nicht nur um den Islamismus: Auch Rechtsradikale und staatliche Akteure wie Russland oder der Iran würden die Technologie verstärkt einsetzen. Sowohl die Sicherheitsbehörden als auch alle, die im Bereich Prävention und Aufklärung aktiv seien, benötigten dringend technologieaffines Personal.

Als weiteres Risiko nannten die Experten frei verfügbare Open-Weight-Modelle. ChatGPT, Gemini und Claude würden niemandem erklären, wie man eine Bombe baut. Open-Weight-Modelle – die wichtigsten stammen aus China – könnten mit etwas Fachwissen so verändert werden, dass sie diese Informationen weitergeben. Ein weiteres Risiko bestehe in der Entwicklung radikaler Chatbots, die – anders als die Modelle der großen US-Anbieter – ihre Nutzer bei der Radikalisierung unterstützen. “Mullah AI” statt “Character AI” wäre demnach eine reale Gefahr.

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