Aufklärung und Kritik 2/2026 erschienen
Das aktuelle Heft von Aufklärung und Kritik (A&K), der umfangreichen Vierteljahreszeitschrift der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg (GKPN), ist erschienen. Die Redaktion hat dem hpd wieder das Vorwort zur Verfügung gestellt.
Gesellschaft für kritische Philosophie
Die Sommerausgabe von Aufklärung & Kritik wird eröffnet von Prof. em. Gerhard Tulodziecki, der in „Wissen erkenntnistheoretisch betrachtet und handlungstheoretisch weitergedacht“ die Wissenskomponente der Handlungstheorie genauer untersucht. Dabei stellt er beim klassischen Wissensbegriff eklatante Defizite bei der Handlungsbegründung fest, stellt vier alternative Ansätze der Begriffsbestimmung von „Wissen“ vor und zeigt deren jeweilige Konsequenzen für Handlungsbegründungen.
In seinem Artikel „Aufklärung zwischen Bildung und Beschleunigung. Zur Temporalstruktur moderner Autonomie. Teil 1“ untersucht Robert Tirvaudey ein zentrales Problem der Aufklärung, nämlich dass der Mensch erst zur Vernunft gelangen müsse, für diesen Prozess aber Zeit benötige, die in der Moderne zunehmend verkürzt werde. Diese bisher wenig beachtete und erforschte Ambivalenz der Aufklärung zeige sich in einer inneren Spannung zwischen Bildung, die Zeit für Reflexionen benötige, und historisch gewachsener Beschleunigung, die Reflexion untergrabe. Mittels Begriffsanalyse, Philosophiehistorie und systematischer Reflexion führt der Autor den Leser tiefgründig in das Problem ein.
Ein weiteres Beispiel einer solch gelungenen Reflexion findet man in „Die Vergeistigung der Welt. Der Siegeszug des Idealismus in Schopenhauers Skitze einer Geschichte der Lehre vom Idealen und Realen“ von Jan Kerkmann. Hier werden, entgegen dem Trend zum „New Materialism“, Argumente des Idealismus von Descartes über Berkeley bis zu Schopenhauer auf ihre Aussagekraft zum Problem der Wahrnehmung der Außenwelt hin untersucht. Des Weiteren werden jeweilige Kernaussagen zu Deutung und Existenz der Außenwelt nachvollziehbar dargestellt und als Beispiele philosophischer Archetypen zum weiteren Reflektieren empfohlen.
Nach ausführlichen Informationen über einen philosophierenden Vorfahren des vorgestellten Autors und dessen Verdienste bemängelt Ludwig Coenen in seinem Artikel „Kritische Anmerkungen zu Holm Tetens' Versuch über rationale Theologie“ dessen Art der Argumentation. So habe dieser auf die Darstellung und Nutzung wichtiger philosophiehistorischer Vorläufer verzichtet, sich auf das 20. und 21. Jahrhundert beschränkt und weder die Theodizee-Problematik noch die Gegenargumentation zum Atheismus stimmig ausdiskutiert, was Coenen anhand vieler Textbeispiele belegt.
In seinem Aufsatz „'Was ist Aufklärung?' – Rolle rückwärts mit Kant?“ stellt Karlheinz Rehwald anhand von Kants Moralphilosophie dar, inwiefern diese hinter den Grundsätzen der Aufklärung zurückbleibe bzw. diesen widerspreche. Dazu untersucht er Kants Begründung der Moral aus Pflicht sowie Folgerungen aus dieser Pflichtethik für Staatsbürger und für die Erziehung von Kindern und setzt ihr die Moralbegründungen der französischen Aufklärer entgegen.
Ausgehend von Kants Begründung der Menschenwürde untersucht Prof. Thomas Bohrer in seinem Essay „Im Anderen erkennen wir uns selbst – Der Mensch als Ursache, Gegenstand und Gestalter der Menschenwürde“, wie sich Menschenwürde, die er als Normidee einordnet, philosophisch neu begründen lasse. Diese Begründung sieht er als Kernaufgabe der praktischen Philosophie, und so klärt er hier die Genese der Menschenwürde, begründet den Begriff und die Idee und zeigt die Notwendigkeit auf, die schöpferische Kraft der Idee weiterzuentwickeln, um sie für künftige Generationen zu erhalten.
In seinem Beitrag „'eine geschichtlich bewegende ... revolutionäre Kraft' – Reminiszenzen an Marx' und Engels' naturwissenschaftliche Studien“ geht Volker Mueller von dem weiterhin großen Interesse am Philosophen Karl Marx aus und untersucht, welches grundlegende Interesse Marx und Engels an den Naturwissenschaften hatten. Dazu beleuchtet er deren je eigene Studien in diesem Bereich sowie die Stellung und Bedeutung dieser Studien im Gesamtwerk und im geistigen Umfeld.
Prof. Anton Grabner-Haider skizziert in „Hypatias späte Enkeltöchter. Die Dynamik weiblicher Philosophie in Europa und Afrika“ zunächst Hypatias Biografie, ihre Lehren und ihren Konflikt mit der beginnenden Staats-Christianisierung. Anschließend zeichnet er die Spuren höherer weiblicher Bildung durch Mittelalter und beginnende Neuzeit nach, z. B. mit Hildegard von Bingen oder Teresa von Avila. Für das 20. und 21. Jahrhundert wird ein Bogen gespannt von Hannah Arendt über Simone Weil bis zu neueren afrikanischen Philosophinnen, die die Frauenrolle in ihren Kulturen erforschen und verändern wollen.
Das Forum wird eröffnet von Prof. Dr. Harald Seubert mit „Jürgen Habermas. Erinnerungen an frühe Frankfurter Studienjahre“, einem sehr persönlichen Nachruf. Prof. Gerhard Streminger erinnert in „250 Jahre Adam Smiths ‘Wohlstand der Nationen’“ an die Verdienste dieses schottischen Aufklärers. Dessen Freund und Weggefährten gedenkt Helmut Walther mit dem Beitrag „Zum 250. Todestag von David Hume. Mit einem Seitenblick auf Nietzsches 126. Todestag“. In den nächsten beiden Aufsätzen setzt sich Prof. Wulf Kellerwessel mit einem vorrevolutionären französischen Aufklärer und dessen beiden wichtigsten Werken auseinander, zunächst mit „Louis-Sébastian Merciers aufklärerische(r) Zukunftsvision – eine tatsächlich aufgeklärte Vision? Zur Aufklärungsphilosophie im Roman ‘Das Jahr 2440’“. Anschließend stellt er „Sébastian Merciers ‘Tableau de Paris. Bilder aus dem vorrevolutionären Paris’ und die Menschenrechte“ vor, in dem er die realistische Gesellschaftsdarstellung und die darin enthaltenen Verbesserungsvorschläge positiv hervorhebt. In ihrem sehr informativen Beitrag „Welt-Mode(l)-Lierung. Essayistische Annäherungen an naturwissenschaftliche Erklärungen“ stellt Wilma Ruth Albrecht Entstehung und Ablösung von Weltbildern dar, bis hin zu unserem mathematikbasierten.
Dr. Jutta Georg arbeitet in „Die Aktualität der Tragödie und des Tragischen“ Struktur und Funktion der attischen Tragödie heraus und stellt Reflexionen über das Tragische im 20. Jahrhundert vor, von Freud bis Camus. In seinem Beitrag „Zwischen Höhle und Bewusstseinserweiterung: Platonisches Erkenntnismodell und psychedelische Transformationsberichte im Lichte des Humanismus“ stellt Stephan Schmider Platons Höhlengleichnis und Berichte über psychedelische Interventionen als Modelle existentieller Transformation dar und würdigt ihre Ergebnisse kritisch aus humanistischer Perspektive. In „Untersuchungen zu Wittgenstein und Goethe – Einflüsse und Konvergenzen“ zeigt Moritz René Pretzsch anhand der Themen Bildung, Stil, Ehrfurcht und Kulturkritik, wie vielfältig und tiefgreifend der Einfluss Goethes auf Wittgenstein war. Ausgehend von der Feststellung, dass wichtige Zusammenhänge bei der Entstehung von wichtigen Werken oft erst spät entdeckt werden, begründet Nikolaos Loukidelis in „Teichmüller – Nietzsche – Heidegger. Über die Verborgenheit und die Unverborgenheit eines Verhältnisses“ die Notwendigkeit, die Einflüsse Teichmüllers auch auf Heidegger genau zu erforschen. Das Forum schließt mit dem ausführlichen, viele Aspekte berücksichtigenden Artikel Bruno Heidlbergers „Autoritarismus in der Spätmoderne: Narzissmus, autoritärer Charakter und die Neuvermessung des politischen Autoritarismus am Beispiel von Politik und Person Donald Trumps“.
Eine Reihe fundierter Buchbesprechungen zu interessanten, aktuellen Themen, die Kurzvorstellung der Neuzugänge in der Redaktion und Informationen zu Terminen und Vorhaben der GKP bilden den Abschluss des Heftes. Dabei ist besonders das geplantes Forum der Gesellschaft für kritische Philosophie am 17. Oktober 2026 in Nürnberg mit dem Titel „Richard Wagner – Faszination und Kritik“ hervorzuheben.
Mitglieder der Gesellschaft für kritische Philosophie erhalten alle kommenden Ausgaben und Sonderhefte von Aufklärung und Kritik kostenlos zugeschickt.