Ich denke, wir sind an dem Punkt, an dem sich weiteres Hin und Her nicht mehr lohnt – nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil der Kern unseres Dissenses gar kein Faktenstreit ist.
Wir reden über zwei verschiedene Dinge. Du definierst Geschlecht ausschließlich über den Gametentyp. Das ist eine legitime biologische Definition, und ich widerspreche ihr an keiner Stelle: Auf Ebene der Keimzellen ist die Sache binär. Da widerspreche ich weder Dawkins noch Nüsslein-Volhard, und auch die gbs-Stellungnahme tut es nicht.
Nur folgt aus diesem biologischen Befund eben nicht die soziale Dimension: weder der Umgang im Alltag, noch eine irgendwie geartete Zwangsläufigkeit im Verhalten. Mein Anliegen war nie, die Biologie umzuschreiben. Es war: Im Alltag wird Geschlecht nach Augenschein verhandelt, nicht nach Karyotyp. Manche Menschen kommen mit dem ihnen zugewiesenen, nach biologischem Augenschein beurteilten sozialen Geschlecht nicht klar.
Du hältst diese soziale Ebene für eine Erfindung, ich für die erlebte Realität, in der wir uns alle täglich bewegen. An dieser Stelle reden wir aneinander vorbei, und das löst kein weiterer Thread.
Was ich aber stehenlassen kann: Die "leben und leben lassen"-Praxis funktioniert. Das SBGG hat im Alltag keine der Katastrophen ausgelöst, die ihm prophezeit wurden – Hausrecht, Vereinsregeln und Vollzugsrecht greifen unverändert. Die Leute, vor denen du zu Recht Angst hast, ändern keinen Personenstand, bevor sie gewalttätig werden. Und trans Personen sind weit häufiger Opfer als Täter*innen.
Ein paar deiner Behauptungen aus dem letzten Beitrag stimmen so allerdings nicht. Ich stelle die Belege unten kurz zusammen. Nicht um zu gewinnen, sondern damit Mitlesende sich selbst ein Bild machen können. Danach lasse ich das Thema gern ruhen.
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Belege:
1) "Dawkins und Nüsslein-Volhard bestätigen zwei unveränderliche Geschlechter."
Für das biologische Geschlecht stimmt das – und das bestreitet hier niemand, auch die gbs-Autoren nicht. Wichtig ist nur die Grenze des Arguments: Dass beide das geltende Selbstbestimmungsrecht ablehnen, ist ihre persönliche, weltanschauliche Bewertung, kein biologischer Befund. Dawkins selbst trennt das übrigens: "There are two sexes. You can talk about gender if you wish, and that's subjective." (Dawkins bei Piers Morgan Uncensored, März 2023; Nüsslein-Volhard im EMMA-Interview, https://www.emma.de/artikel/viele-geschlechter-das-ist-unfug-339689). Bezügliche der sozialen Dimension und der Realität von trans Personen sind beide jedoch weit ausserhalb ihrer Kompetenzen.
2) "Sexualstraftäter sind unter trans Frauen weit überrepräsentiert (Gefängnisdaten)."
Die Gefängniszahlen aus UK und USA existieren – aber sie sagen nichts über trans Frauen allgemein. Es ist eine sehr kleine, hochselektierte Teilpopulation mit einem offensichtlichen Verzerrungseffekt (wer bereits in Haft sitzt und sich dort neu deklariert, ist keine Zufallsstichprobe). Für die Allgemeinbevölkerung gibt es keinen Beleg erhöhter Delinquenz. Belegt ist im Gegenteil ihre Gefährdung: trans und inter Personen werden EU-weit überdurchschnittlich Opfer von Gewalt. (EU-Grundrechteagentur, LGBTIQ-Survey III 2024: https://fra.europa.eu/en/data-and-maps/2024/eu-lgbtiq-survey-iii)
3) "Höherer Anteil Pädophiler bei trans Frauen, vergleichbar dem Kirchenmissbrauch (MHG-Studie, IICSA)."
Diese Analogie trägt nicht. MHG-Studie und IICSA untersuchen Täter in kirchlichen und institutionellen Kontexten; keine der beiden trifft irgendeine Aussage über trans Personen. Die Übertragung ist eine reine Assoziation ohne Datengrundlage.
4) "Es gibt keine Cis-Geschlechter, 'cis' ist Ideologie."
"cis" und "trans" sind etablierte Fachpräfixe (cis = diesseits, trans = jenseits), seit Jahrzehnten in Sexualwissenschaft und Medizin in Gebrauch und nützlich, um im Diskurs klar zu referenzieren. "cis" beschreibt schlicht die Übereinstimmung von Identität und Zuweisung und degradiert niemanden – so wenig wie "rechtshändig" eine "linkshändige Ideologe" ist - ausser vielleicht bei radikalen Rechtshändigen, die linkshändige Menschen verleugnen und ausschliessen wollen.
5) "Im Frauensport vernichten ausschließlich Männer Frauenkarrieren."
Die Studienlage ist hier begrenzt und uneinheitlich, in keine Richtung eindeutig. Einzelne Arbeiten finden nach Transition Restunterschiede, mehrere aktuelle systematische Übersichten dagegen keinen durchgängigen Vorteil nach Testosteronsuppression – darunter die Review des Canadian Centre for Ethics in Sport (2024) und eine 2024 im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Studie, die teils sogar Nachteile fand. Vor allem aber: Das SBGG regelt Sport gar nicht – das liegt laut §7 bei den Verbänden und Vereinen.
6) "Brustamputationen, von der Transideologie verursacht."
Mastektomien bei trans Männern erfolgen nach psychologischer Indikationsstellung und Leitlinien, nicht auf Zuruf. Die Zufriedenheit ist hoch und das nachträgliche Bedauern sehr niedrig: eine JAMA-Surgery-Studie (2023) fand einen medianen regret von 0, eine Metaanalyse von rund 8.000 Patient*innen eine regret rate um 1% (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37556147/). Eine "ideologisch verursachte" Häufung ist nicht belegt.