Der Einfluss der abrahamitischen Religionen auf das Wirtschaftswachstum
„Warum sind manche Länder reich und andere arm?“ – Das war die Ausgangsfrage, die sich drei Ökonomen gestellt haben. Zur Beantwortung der Frage wählten sie jedoch einen für die Ökonomie unüblichen Ansatz, denn sie interessierten sich dezidiert für den Einfluss der Religion auf die historische Entwicklung des Wirtschaftswachstums. Sie kamen zum Ergebnis, dass Religion das Wachstum sowohl positiv als auch negativ beeinflussen kann.
Postkarte (etwa 1905) public domain
Auf der Website der Rockwool Foundation Berlin veröffentlichte ein Forscherteam, bestehend aus drei Ökonomie-Professoren, eine recht ungewöhnliche Studie. Sie beschäftigten sich mit dem historischen Wirtschaftswachstum unterschiedlicher Länder und nahmen dabei die Rolle der Religion ins Visier.
Normalerweise interessieren sich Ökonomen eher für andere Einflussgrößen wie Technologie, Bildung oder Investment. Die Forscher waren jedoch der Ansicht, dass mit der Religion eine wesentliche Einflussgröße auf das Wirtschaftswachstum der Länder übersehen worden sei. Bei ihrer Untersuchung hätten sie sich dabei an einem klassischen Wirtschaftsmodell orientiert, das die Wirtschaftsleistung eines Landes anhand des Sach- und Humankapitals, der Arbeitskraft und der Produktivität bewerte.
Nach der Durchsicht zahlreicher Studien kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass Religion auf allen vier Ebenen über die Jahrhunderte hinweg bedeutenden Einfluss genommen habe – sowohl im Positiven als auch im Negativen.
So würden europäische Regionen, die unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs gestanden hätten, heute eine deutlich geringere Verbreitung von Banken aufweisen als benachbarte Gebiete. Auch auf der Bildungsebene habe es unter Christen große Unterschiede gegeben. So hätte die Alphabetisierung der Protestanten gegenüber den Katholiken im 19. Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen Vorsprung geführt. Protestantische Missionsarbeit sei zudem in Afrika, Asien und Lateinamerika für bessere Bildungschancen verantwortlich gewesen.
Gleichzeitig merken die Autoren jedoch auch an, dass islamische Religionsschulen wissenschaftliche Texte im 11. Jahrhundert verdrängten, antikes Wissen in christlichen Klöstern verwahrt wurde und ultraorthodoxe Juden den Zugang zum Säkularismus verhinderten.
Auch seien Einflüsse auf das Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. In protestantischen Regionen des 19. Jahrhunderts habe es eine geringere Geburtenrate gegeben als in katholischen Gebieten, da Protestanten mehr Ressourcen in die Bildung des Nachwuchses investierten. In Frankreich des 18. Jahrhunderts sei es hingegen durch die Säkularisierung zu einem sehr frühen demografischen Wandel gekommen.
Die Autoren berichten auch von positiven Gesundheitseffekten auf den Nachwuchs. Die Säuglingssterblichkeit wäre beispielsweise durch jüdische Stillpraktiken über Jahrhunderte geringer gewesen als bei Angehörigen von anderen Religionen.
Das Vorhandensein religiöser Vielfalt und Verfolgung hatte ebenfalls sehr unterschiedliche Früchte getragen. So hätten preußische Städte des späten 19. Jahrhunderts mit größerer religiöser Vielfalt mehr Innovationen hervorgebracht, während religiöse Verfolgung Wissen zerstörte oder wertvolle Fähigkeiten in andere Regionen vertrieb, wie es bei der Verfolgung der Hugenotten der Fall gewesen sei.
Von besonderem säkularem Interesse dürften die Befunde zu religiösen Gegenbewegungen in Reaktion auf Bildungsreformen in Ägypten in den 1950er Jahren sowie in der Türkei im Jahr 1998 sein. Die Autoren schließen daraus, dass säkulare und religiöse Bildung sinnvoll miteinander verbunden werden müssten, um wirtschaftliches Wachstum zu fördern.
Mit ihrer Arbeit zeigen die Ökonomen auf, dass die abrahamitischen Religionen zum Teil großen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum unterschiedlicher Länder hatten, wobei sich noch große Forschungslücken hinsichtlich anderer Religionen und der Wechselwirkungen mit Säkularisierungsprozessen auftun. Die Autoren konstatieren jedoch, dass eine Ausleuchtung der wirtschaftlichen Bedingungen eines Landes nur unter Berücksichtigung religiöser Einflüsse möglich wäre.
Sascha O. Becker, Jared Rubin, Ludger Wößmann, Religion and Economic Growth: What We Know and Why It Matters, RFBerlin Research Insight, Nr. 18/26.
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